F-35 Ein Pannen-Jet als "Tornado"-Ersatz für die Bundeswehr?

Die deutschen "Tornado"-Kampfjets sind in die Jahre gekommen, ein europäisches Nachfolgemodell ist nicht in Sicht. Stattdessen könnte die Bundeswehr die amerikanische F-35 anschaffen - und sich eine Menge Ärger einhandeln.
Lockheed Martin F-35B

Lockheed Martin F-35B

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US AIR FORCE/ REUTERS

Als die Luftwaffe die ersten "Tornados" bekommt, ist Helmut Kohl gerade Kanzler geworden, der "Stern" veröffentlicht die vermeintlichen Hitler-Tagebücher, und Ulf Merbold fliegt als erster Deutscher mit einem Space Shuttle ins All. Heute, 34 Jahre später, sind die US-Raumfähren längst Museumsstücke. Doch die deutschen "Tornados" fliegen noch immer - aktuell über Syrien und dem Irak für die internationale Koalition gegen den IS.

Die Mehrzweck-Kampfjets sind arg in die Jahre gekommen. Ab 2025 würden die Kosten für einen Weiterbetrieb durch ständige Runderneuerungen ins Astronomische steigen, ab 2030 wäre jeder Flug völlig unverantwortbar. Eigentlich ist schon seit Jahren recht klar, dass die Bundeswehr bei der Suche nach einem Nachfolger auf die amerikanische F-35 setzt - und mittlerweile eilt es.

Erst vergangene Woche hat Luftwaffenchef Karl Müllner erneut die Anforderungen an den "Tornado"-Nachfolger formuliert. In ersten Linie soll der neue Jet aus der Luft Ziele am Boden bekämpfen können, bei der Nato eine funktionierende Bündnisverteidigung sicherstellen und im Zweifelsfall die gegnerische Flugabwehr möglichst schnell ausschalten können, ohne dabei selbst rasch aufzufallen. Alle drei Kriterien sieht die Luftwaffe mit der F-35 "Lightning II" erfüllt.

Kritiker sprechen von Fehlentwicklung

Doch es gibt ein Problem: Der auch als "Joint Strike Fighter" bekannte Tarnkappenjet hat in den vergangenen Jahren eine lange Serie an Pannen und Peinlichkeiten produziert. Manche Experten halten das Flugzeug gar für eine Fehlentwicklung, die nur deshalb nicht gestoppt werde, weil das US-Militär keine Alternative mehr habe. Die F-35 soll dort der Standard-Kampfjet für Luftwaffe, Marine und Marinekorps werden. Die USA planen die Anschaffung von mehr als 2400 Maschinen, die Gesamtkosten werden auf mindestens 1,5 Billionen Dollar geschätzt. Es ist das teuerste Rüstungsprojekt der Geschichte.

Der Vorwurf an die F-35 lautet im Wesentlichen, dass sie eine Art fliegende eierlegende Wollmilchsau sein soll. Sie wurde konstruiert, um die Aufgaben von Jagdflugzeugen, Jagdbombern und sogar Senkrechtstartern zu übernehmen. Im Ergebnis, so die Kritik, sei der Jet selbst jahrzehntealten Modellen unterlegen, die auf ihre jeweiligen Aufgaben spezialisiert sind.

Die Bundeswehr aber braucht dringend Ersatz für ihre derzeit 85 "Tornados", denn sie müssen innerhalb der Nato eine der heikelsten Aufgaben übernehmen. Bis heute lagern auf dem Fliegerhorst Büchel rund 20 US-Atombomben, die im Ernstfall von deutschen "Tornados" abgeworfen würden. Ab 2025 würde diese Aufgabe die F-35 übernehmen, da sie auch dafür vorbereitet ist.

F-35 ohne echte Alternativen für die Bundeswehr

Wirkliche Alternativen gibt es derzeit nicht. Zwar prüft man im Verteidigungsministerium auch die schon etwas veraltete F-18 und die F-16 als mögliche "Tornado"-Nachfolger. Sie aber eignen sich, ähnlich wie die französische "Rafale", nicht wirklich für die Luftwaffe. Auf eine Neuentwicklung eines europäischen Jets, die Airbus anpreist, möchte in Berlin aber auch niemand setzen, die Erfahrung mit dem Pannenprojekt Airbus A400M wirkt noch nach. Ohnehin sei es "für eine Entwicklungslösung eigentlich schon zu spät", sagte Müllner der Nachrichtenagentur Reuters. Beim Eurofighter etwa vergingen zwischen den ersten Planungen und der Indienststellung rund 20 Jahre.

Für die F-35 spricht, dass die Interoperabilität innerhalb der Nato eines der großen Ziele für die kommenden Jahre ist. Im Verteidigungsministerium hat man genau beobachtet, wie viele EU- und Nato-Nationen sich bereits für die F-35 entschieden haben. Mit Norwegen, den Niederlanden, Dänemark, Großbritannien, Italien und der Türkei ist die Liste schon ziemlich lang geworden.

Doch der seit Jahren andauernde, teils beißende Spott über die F-35 will nicht enden. Der Grund sind nicht nur die vielen kleineren und größeren Pannen, die bei der Neukonstruktion eines so komplizierten Waffensystems normal sind. Einige Experten werfen der F-35 vielmehr grundlegende Konstruktionsschwächen vor - zustande gekommen durch die teils kaum miteinander zu vereinbarenden Anforderungen von US-Luftwaffe, Marine und Marinekorps.

Kritik an Senkrechtstart-Fähigkeit

Die Maschine soll für gegnerisches Radar weitgehend unsichtbar sein, Ziele am Boden zerstören und im Luftkampf feindliche Flugzeuge besiegen können. Obendrein bestand das US-Marinekorps darauf, dass die F-35 senkrecht starten und landen kann, da sie auch die betagten "Harrier"-Jets der Marines ersetzen soll. Der Rumpf der F-35 wurde deshalb so breit gestaltet, dass ein riesiger, nach unten gerichteter Propeller hineinpasst.

Dadurch steigen Gewicht und Luftwiderstand, was wiederum Geschwindigkeit und Reichweite senkt - und zwar auch bei den F-35-Varianten, die gar keine Senkrechtstarter-Fähigkeit haben. Auch passte nur noch ein nach hinten gerichtetes Triebwerk in den Rumpf, während die meisten modernen Kampfjets zwei davon haben. Ein weiterer Nachteil ist, dass Piloten nach hinten kaum etwas sehen können, weil der dicke Rumpf die Sicht verdeckt. Im Luftkampf könnte das ein tödlicher Nachteil sein, bemängelten amerikanische Testpiloten.

Pierre Sprey, der am Design der wendigen F-16 und des robusten Erdkampfflugzeugs A-10 beteiligt war, ist seit Jahren einer der lautesten F-35-Kritiker. Im Einsatz brauche die Maschine eigens eine Jäger-Eskorte, sie benötige Hilfe beim Anvisieren von Bodenzielen und sei "völlig unfähig" zur Unterstützung eigener Bodentruppen, sagte Sprey kürzlich in einem Streitgespräch  bei "Aviation Week". Für ein Problem hält er auch die von ihren Befürwortern gepriesene Fähigkeit der F-35 zur elektronischen Vernetzung. Das mache die Maschine verwundbar für Hacker: "Unterlegenen Gegnern gibt das eine vorzügliche Chance, mit sehr wenig Geld unsere Schlagkraft in der Luft zu zerstören."

In der Bundeswehr glaubt man dagegen, dass die F-35 nicht nur für den Luft-Boden-Kampf, sondern auch als eine Art fliegender Befehlsstand eingesetzt werden könnte - anders als jeder andere verfügbare Jet. Zudem sei die Maschine so gut mit Sensoren ausgerüstet, dass sie sich auch für die Überwachung aus der Luft eigne. Und kein anderes Kampfflugzeug könne besser und schneller die gegnerische Luftabwehr ausschalten, bevor sie selber vom Radar erfasst würde.

Auf die deutsch-französische Partnerschaft kommen schwere Zeiten zu, sollte sich Berlin für die F-35 entscheiden. Schon heute wird in Paris beklagt, dass man dann mit der "Rafale" nur noch die zweite Geige in Europa spiele, also mehr oder weniger abgehängt sei im europäischen Vergleich. Es deutet aber derzeit wenig darauf hin, dass sich die Bundeswehr von diesem Lamento noch umstimmen lässt.


Zusammengefasst: Die Bundeswehr muss demnächst ihre betagten "Tornado"-Kampfjets ersetzen. Die amerikanische F-35 gilt als aussichtsreichste Kandidatin - doch der Tarnkappen-Kampfjet hat nach Ansicht von Kritikern grundlegende Konstruktionsschwächen und könnte selbst älteren Modellen auf einzelnen Gebieten unterlegen sein.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, dass auch die U.S. Army die F-35 erhalten solle. Dies ist nicht korrekt, da die Army über keine eigenen Kampfflugzeuge verfügt. Wir haben den Fehler korrigiert.