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27. Juni 2010, 09:11 Uhr

Toronto

Militante Demonstranten randalieren auf G-20-Gipfel

Zerstörte Autos, Brandbomben, Steine: Nach friedlichen Demonstrationen gegen den G-20-Gipfel ist es in Toronto zu schweren Krawallen gekommen. Die Polizei sprach von einem nie gekannten Ausmaß an wahlloser Gewalt und nahm mindestens 150 Randalierer fest.

Toronto - "Wir haben noch nie ein solches Maß an willkürlicher Kriminalität und wahlloser Gewalt auf unseren Straßen gesehen", sagte Torontos Polizeichef William Blair am Samstagabend (Ortszeit). Für die Sicherheitskräfte sei es ein "sehr schwieriger Tag" gewesen. "Ich denke, das war wie ein Schock für jeden Bürger."

Etwa hundert Gewaltbereite, die sich von friedlich demonstrierenden Globalisierungsgegnern abgespalten hatten, schleuderten Steine auf Polizisten und zündeten mehrere Streifenwagen an. Mit Baseballschlägern und Hämmern zertrümmerten die in Schwarz gekleideten Randalierer Schaufenster - insbesondere von bekannten internationalen Ladenketten. "Kein Kapitalismus" lautete eine der Forderungen auf einem Schild der Demonstranten, das sie am Eingang eines Starbucks-Cafés hinterließen. Auch private Pkw und Fahrzeuge von Medienkonzernen sollen schwer beschädigt worden sein. Mindestens ein Händler wurde ausgeraubt.

Die Polizei ging mit Tränengas und Schlagstöcken gegen die Störer vor, mindestens 130 Randalierer wurden festgenommen. Laut einem Reporter der Nachrichtenagentur Reuters setzten die Sicherheitskräfte auch Plastikgeschosse gegen einzelne Demonstranten ein. Dieses auch über Twitter kommunizierte Gerücht wurde von Polizeichef Blair dementiert.

Auch am Abend kam es immer wieder zu Zwischenfällen. Die Polizei räumte den Queenspark, wo nach der Demonstration noch rund 500 Teilnehmer ausgeharrt hatten.

Gewaltaktion einer kleinen Gruppe

Polizeichef Blair geht davon aus, dass die militanten Demonstranten mit ihren Aktionen die Polizei von der Sicherheitszone rund um das Konferenzgelände weglocken wollten, damit andere es leichter hätten, den Zaun zu überwinden. Mindestens 19.000 Sicherheitskräfte waren in Kanadas größter Wirtschaftsmetropole im Einsatz.

Der Bürgermeister von Toronto, David Miller, verurteilte die Gewalt, betonte aber, dass diese einer kleinen Gruppe zugeordnet werden könne. Auch das Büro von Ministerpräsident Stephen Harper kritisierte die Ausschreitungen. Wegen der Krawalle konnte Spaniens Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero seine Unterkunft nicht erreichen. Er musste in einem anderen Hotel einquartiert werden.

"Diese Bilder sind schockierend für alle Kanadier", empörte sich der Minister für öffentliche Sicherheit, Vic Toews: "Wir werden alle notwendigen Maßnahmen ergreifen, um für die Sicherheit aller Kanadier, Abgeordneter, Medienvertreter und internationalen Gäste zu sorgen", versprach Toews.

"Widersetzt euch dem Krieg gegen die Armen"

Die Proteste waren zunächst überwiegend friedlich verlaufen. Ein langer Demonstrationszug bewegte sich vom Provinzparlament im Queenspark durch die Innenstadt. Viele verschiedene Aktionsgruppen beteiligten sich - darunter Globalisierungsgegner, Umweltschützer, Gewerkschafter und Frauenrechtlerinnen. "Widersetzt euch dem Krieg gegen die Armen, lasst die Reichen bezahlen", lautete ein Slogan.

Auch zahlreiche, in Kanada lebenden Exilanten waren gekommen, die gegen Menschenrechtsverletzungen oder Ungerechtigkeiten in ihren jeweiligen Heimatländern protestierten. "Indien ist keine Demokratie", "Befreit Kaschmir" oder "Beseitigt die Diktatur in Äthiopien", steht auf ihren Plakaten. Auch Gruben- und Stahlarbeiter demonstrierten gegen die Übernahme kanadischer Unternehmen durch ausländische Konzerne.

Zu den G20 gehören die stärksten Volkswirtschaften der Erde. In den vergangenen Jahren war es meist bei den Gipfeltreffen der kleineren G-8-Staatengruppe zu teilweise heftigen Ausschreitungen gekommen. Um das Konferenzzentrum der Staats- und Regierungschefs in Toronto war ein drei Meter hoher Zaun gezogen worden. Geschäfte und Restaurants in der Innenstadt von Toronto hatten vorsorglich ihre Schaufenster und Fassaden mit Holzplatten vernagelt.

Die Polizei ist im Besitz von Sondervollmachten, die es erlauben, Demonstranten am Zaun um das Tagungszentrum festzunehmen, wenn sie sich mehr als fünf Meter nähern oder sich einer Personenkontrolle oder Durchsuchung widersetzen. Aktionsgruppen übten scharfe Kritik an der Sonderregelung, die vorher nicht publikgemacht worden war. Ein altes Filmstudio wurde als vorübergehendes Gefängnis für Demonstranten umgebaut. Allein der Sicherheitseinsatz soll die Stadt 930 Millionen Kanada-Dollar kosten, umgerechnet 729 Millionen Euro.

Der G-20-Gipfel begann am Samstagabend. Bei dem Treffen der führenden Industrie- und Schwellenländer (G20) sollten vor allem die Finanzmarktregulierung und eine nachhaltige Wachstumspolitik diskutiert werden. Zuvor hatte die kleinere Gruppe der acht führenden Industriestaaten (G8) - USA, Kanada, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan und Russland - sich in Huntsville beraten.

ala/dpa/reuters/ddp

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