Ägypten Schießereien zwischen Mursi-Anhängern und Opposition

In Ägypten sind mindestens sieben Menschen getötet und Dutzende verletzt worden, als Anhänger und Gegner von Präsident Mursi aufeinander losgingen. Landesweit sind Millionen Ägypter auf den Straßen. Am Mittwoch endet ein Ultimatum der Militärs für eine Lösung der Krise durch die Politik.

AP/dpa

Aus Kairo berichtet


Mit Einbruch der Dunkelheit ist die Gewalt auf Ägyptens Straßen zurückgekehrt. Bei Zusammenstößen zwischen Gegnern und Anhängern von Präsident Mohammed Mursi sind am Dienstagabend mindestens sieben Menschen getötet und Dutzende verletzt worden. Das teilten die behandelnden Ärzte und offizielle Stellen mit. Unter den Verletzten seien mehrere, die lebensgefährliche Schussverletzungen erlitten.

Laut ägyptischen Medienberichten ging die Gewalt von beiden Seiten aus. In der Stadt Banha nördlich von Kairo griffen Regierungsgegner das örtliche Büro der Muslimbrüder an und setzten es in Brand. In Helwan, am südlichen Stadtrand der ägyptischen Hauptstadt, sollen Anhänger von Mursi auf eine Kundgebung von Oppositionellen geschossen und mehrere Menschen verletzt haben. In mehreren Städten versuchten die Sicherheitskräfte mit Tränengas die Konfliktparteien zu trennen.

Auch im Zentrum Kairos lieferten sich beide Seiten Scharmützel. Unterstützer der Muslimbrüder seien nach Augenzeugenberichten bewaffnet auf das Gelände der Universität Kairo eingedrungen. Bei Zusammenstößen mit Oppositionellen im Stadtteil Gizeh seien mindestens zwei Menschen getötet und 15 Menschen verletzt worden. Die Opfer seien mit scharfer Munition beschossen worden, hieß es aus Polizeikreisen. Zeitgleich demonstrierten vor dem Hochschulcampus mehrere tausend Ägypter friedlich für den Präsidenten.

Islamisten wollen Straßen und Plätze besetzen

Allein in Kairo versammelten sich am Dienstagabend insgesamt Hunderttausende. Die Regierungsgegner strömten auf den Tahrir-Platz im Zentrum der Stadt, die Anhänger von Präsident Mursi kamen auf dem Platz vor der Universität und in der Umgebung der Rabaa-al-Adawija-Moschee im östlichen Stadtteil Nasr City zusammen.

In den kommenden 24 Stunden wollen die Islamisten landauf, landab Plätze und Straßen besetzen. So wollen sie klarmachen, dass auch nach dem Ablauf der vom Militär gesetzten Frist niemand in Ägypten an den Islamisten vorbeikommt. Zusammenstöße mit der Opposition sind da programmiert.

Bis Mittwochnachmittag 17 Uhr haben Ägyptens Politiker Zeit, sich auf einen tragfähigen politischen Kompromiss zu einigen. Sollten sie das nicht schaffen, will die Armee einschreiten und ihrerseits einen "Fahrplan für die Zukunft" präsentieren. Nach Reuters-Informationen sieht dieser Plan vor, die Verfassung außer Kraft zu setzen und die Macht in die Hände einer Übergangsregierung zu legen. In den nächsten Monaten soll das Volk dann zuerst eine neue Verfassung verabschieden und dann einen neuen Präsidenten wählen.

De facto heißt das, dass Mursi nach Willen der Generäle noch einen Tag hat, bei der Opposition zu Kreuze zu kriechen: Die sich Tamarod (Rebellion) nennende Opposition hat klargemacht, dass sie keinen Millimeter von ihrer Maximalforderung nach einem Rücktritt des erst vor einem Jahr gewählten Präsidenten abweichen wird. Dass sich die Mursi-Gegner diese Unversöhnlichkeit leisten können, liegt daran, dass viele von ihnen eine vorübergehende Machtübernahme des Militärs begrüßen würden.

Frust nach einem Jahr Demokratie

Mursi hingegen hat viel zu verlieren, weshalb er das Ultimatum - bereits am Vormittag und noch einmal am Dienstagabend auf Twitter - abgelehnt und seine Unterstützer auf die Straßen gerufen hat. "Wenn wir jetzt gehen, haben wir alles verloren, was wir in 85 Jahren aufgebaut haben", sagt Mahmud Mansur. Seit 25 Jahren ist er Mitglied der 1928 gegründeten und lange verbotenen Bruderschaft. Unter dem ehemaligen Diktator Husni Mubarak hat der Tierarzt dafür fast jedes Jahr im Gefängnis gesessen. Männer wie Mansur konnten ihr Glück kaum fassen, als mit Mursi einer der ihren zum ersten Präsidenten Ägyptens gewählt wurde. Nun stehen sie vor den Scherben einer Präsidentschaft, die von Unerfahrenheit, autokratischen Manövern und überzogenen Erwartungen an den neuen Staatschef geprägt war.

Nach einem Jahr Demokratie geht es den meisten Ägyptern schlechter als früher. Die Wirtschaftskrise hat sich weiter verschärft. Viele, die sich von Mursi Wunder erhofft hatten, sind tief enttäuscht. Sollten Neuwahlen ausgerufen werden, würden die Muslimbrüder deshalb deutliche Verluste hinnehmen müssen.

Analysten sagen dem Land schicksalsschwere Tage vorher. "Mursi muss entweder ein Dekret erlassen, in dem er Neuwahlen ankündigt, oder er wird morgen Nachmittag unter Hausarrest gestellt und das Militär übernimmt und ordnet Wahlen an", sagt Hischam Kassem, Gründer der Zeitung "al-Masri al-Jaum". Seiner Ansicht nach werden sich die Brüder auf keinen Kompromiss einlassen. "Mursi ist nur eine Marionette. Die wahren Strippenzieher der Brüder sind entschlossen, nicht nachzugeben." Auch wenn ihre Milizen es nicht mal ansatzweise mit der Armee oder der Polizei aufnehmen könnten, fürchtet Kassem, dass Hardliner die Absetzung ihres Präsidenten mit Gewalt beantworten werden. "Dann muss die Justiz hart durchgreifen."

Kassem prophezeit, dass die jetzigen Ereignisse in Ägypten wegweisend für die ganze Region sein würden: "Der politische Islam hat gezeigt, dass er es nicht kann." Religion sei kein Rezept, ein Land zu regieren, so der Publizist. Das Scheitern Präsident Mursis sei eine Warnung für andere Länder.

Mit Material von dpa

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Twanger 02.07.2013
1. optional
"In den nächsten Monaten soll das Volk dann zuerst eine neue Verfassung verabschieden und dann einen neuen Präsidenten wählen." Und wenn sich das Volk dann wieder zu über 70% für die "Islamisten" entscheidet? Nächster Putsch, nächste Wahl? Das hat ja schon EU-Charakter... so oft wählen, bis das richtige Ergebnis kommt.
victoria101 02.07.2013
2. Das Militär hat völlig recht...
...unabhängig davon, ob man Mursi mag oder nicht (und ich mag ihn nicht): Wenn ihm etwas an seinem Land und nicht nur an der Machterhaltung von Islamisten oder Muslimbrüdern liegen würde, dann würde er von selbst zurücktreten. Das Land ist zutiefst gespalten und die Streitereien und Proteste führen dazu, daß keine Touristen mehr kommen. Damit geht es allen Leuten noch viel schlechter als vorher. Das Militär verhindert nun eine Eskalation und stellt die Ruhe wieder her. Dann werden (hoffentlich) fähige Leute eingesetzt und hoffentlich mit Verstand aus allen Volksgruppen. Und vielleicht findet sich dann ja auch jemand, der für die Mehrheit des Volkes wählbar ist, damit das Land endlich zur Ruhe kommen kann... Demokratie braucht vor allem Zeit. In Deutschland hat es auch nicht auf Anhieb geklappt.
sahnekefir 02.07.2013
3.
Zitat von Twanger"In den nächsten Monaten soll das Volk dann zuerst eine neue Verfassung verabschieden und dann einen neuen Präsidenten wählen." Und wenn sich das Volk dann wieder zu über 70% für die "Islamisten" entscheidet? Nächster Putsch, nächste Wahl? Das hat ja schon EU-Charakter... so oft wählen, bis das richtige Ergebnis kommt.
Da hat jemand Demokratie nicht verstanden. Demokratie ist nicht die Diktatur der Mehrheit über die Minderheit. Minderheiten haben in Demokratien unveräusserliche Rechte. Die Menschenrechte der 10 % Christen und der modernen Ägypter dürfen nicht beschnitten werden, auch wenn eine Mehrheit aus islamhörigen Analphabeten ihr Kreuz bei den Islamisten macht. Und dass das Volk nochmal den offensichtlichen Totalversager und Spalter Mursi wählt ist unwahrscheinlich. Denn fast allen Ägyptern geht es heute deutlich schlechter als vor 3 Jahren.
tailspin 02.07.2013
4. w/o comment
Interessanter Meinungsspiegel auf Transparenten von Demonstranten, hier: Guest Post: Egyptians Love Us For Our Freedom | Zero Hedge (http://www.zerohedge.com/news/2013-07-02/guest-post-egyptians-love-us-our-freedom)
ickenochmal 02.07.2013
5. Es würde mich nicht wundern, ...
Zitat von sysopAP/dpaDie Zusammenstöße kamen mit Ansage: In Ägypten sind mindestens zwei Menschen getötet und Dutzende Menschen verletzt worden, als Anhänger und Gegner von Präsident Mursi aufeinander losgingen. Landesweit sind Millionen Ägypter auf den Straßen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/tote-bei-schiessereien-zwischen-mursi-anhaengern-und-opposition-in-kairo-a-909098.html
... wenn schon heute Nacht Panzer auffahren, in Kairo und Alexandria. Bevor es noch mehr Tote gibt. Es ist traurig, dass es des eigenmächtigen Handelns des Militärs bedarf, um die Demokratie zu schützen.
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