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17. August 2012, 17:41 Uhr

Massaker bei Streik in Südafrika

Die Schande von Marikana

Von Jan Lukas Strozyk

Es sind Bilder, die an Südafrikas dunkelste Zeiten erinnern: Die Polizei eröffnete das Feuer auf streikende Minenarbeiter in der Stadt Marikana, Dutzende starben. Die Behörden sprechen nun von Notwehr, doch Augenzeugen berichten von einem geplanten Einsatz.

Hamburg/Marikana - Polizisten in Schutzwesten und Helmen, bewaffnet mit Automatikgewehren und Pistolen stehen in einer kahlen Graslandschaft nahe einer Platinmine im südafrikanischen Marikana. Sie wirken nervös. "Ich erschieß dich!", ruft eine Stimme aus dem Hintergrund. Plötzlich rennt eine Gruppe von Arbeitern in Hemden und Shorts auf sie zu. Die Polizisten schießen, Patronen fliegen durch die Luft. Als sich der Rauch verzieht, liegen Dutzende Körper leblos im vertrockneten Gras. So zeigen es Szenen aus einem Video.

Die Bilder aus Marikana, die jetzt um die Welt gehen, sind die eines Südafrikas, das als längst vergangen galt. Bilder, die unwillkürlich Erinnerungen an die finstersten Tage des Landes wecken: die Massaker von Sharpeville 1960, die Aufstände im Ghetto von Soweto 1976. Was sich am Donnerstag in Marikana abgespielt hat, waren die blutigsten Auseinandersetzungen seit dem Ende der Apartheid. Mindestens 34 Menschen sind ums Leben gekommen, 78 wurden verletzt. Die Polizei hat nach eigenen Angaben 259 Arbeiter festgenommen.

Die Stimmung im Land schwankt zwischen Wut und Ratlosigkeit. "Afrikanische Leben sind so wertlos wie immer", titelt die südafrikanische Tageszeitung "The Sowetan". In dem Artikel heißt es: "Dies ist früher passiert, als das Apartheid-Regime die Schwarzen wie Dinge behandelt hat. Und es setzt sich nun in anderer Gestalt fort." Auch andere südafrikanische Medien kritisierten den Polizeieinsatz zum Teil scharf, die Zeitungen sprachen von einem "Blutbad" und "Schlachtfeld".

Warum genau die Situation eskalierte, ist unklar. Sicher ist, dass Arbeiter der Britischen Bergbau-Firma Lonmin seit vergangenem Freitag gestreikt hatten. Rund 3000 von ihnen hatten sich auf einem Hügel nahe der Platinmine versammelt. Sie waren mit Stöcken und Messern bewaffnet, auch einige Schusswaffen werden später konfisziert. Polizisten hätten die Gruppe umstellt, sagte Polizeipräsidentin Mangwashi Victoria Phiyega. Als die Bergbauarbeiter die Einsatzkräfte angreifen, hätten diese "zur Selbstverteidigung" geschossen. Ein Polizist wurde im Krankenhaus behandelt. "Wir haben getan, was wir konnten, mit dem, was wir hatten", sagte Phiyega. Der regionale Polizeichef sagte, das Vorgehen der Beamten sei gerechtfertigt gewesen.

Lage an der Mine bleibt angespannt

Der Journalist und Blogger Poloko Tau sagt, er habe den Einsatz beobachtet. Er berichtet SPIEGEL ONLINE am Telefon, dass die Polizei zunächst eine Barriere aus Stacheldraht um einen Hügel errichtet habe, auf dem sich die mit Stöcken und Messern bewaffnete Arbeiter versammelt haben. Als sich kleinere Gruppen aus der Menge lösten und auf die Barriere zugingen, habe die Polizei zunächst Gummigeschosse und Reizgas eingesetzt, um die Streikenden auseinander zu treiben. Als die Bemühungen ohne Erfolg blieben, hätten die Polizisten schwer bewaffnete Spezialkräfte angefordert, die den Hügel mit gepanzerten Wagen umstellt haben. Schließlich hätten die Polizisten mit scharfer Munition in die Menge geschossen. Poloko sagt zudem, dass vor der Schießerei mehrere Hubschrauber über der Mine kreisten. Einer davon soll ein Kampfhubschrauber vom Typ Atlas Oryx gewesen sein, wie ihn das Militär in Südafrika einsetzt.

Vor Ort ist die Situation noch immer unübersichtlich. Die Nachrichtenagentur AP berichtet von Frauen, die zwischen Polizisten und Mitarbeitern der Spurensicherung umherlaufen und nach Angehörigen suchen. Nach Angaben des Augenzeugen Poloko ist die Stimmung an der Mine weiterhin sehr angespannt. Hunderte bewaffnete Sicherheitskräfte haben das Gelände abgeriegelt. Berichte über weitere Auseinandersetzungen gibt es bislang nicht.

Schon bevor die Polizei die Streikenden umstellt hat, war die Lage in der Mine angespannt. Der Eskalation ging ein einwöchiger Arbeitskampf voraus: Rund 3000 Bergleute, die für die Bohrmaschinen verantwortlich sind, hatten nach Angaben der Gewerkschaft National Union of Mineworkers (NUM) am Freitag die Arbeit niedergelegt. Die Betreiberfirma Lonmin sagt SPIEGEL ONLINE, dass die Arbeiter eine Lohnerhöhung von 5400 auf 12.500 Rand im Monat fordern - das entspricht etwa 530 respektive 1220 Euro. Doch die Arbeiter feinden sich auch untereinander an: Bereits am Wochenende war es zu blutigen Auseinandersetzungen gekommen. Mitglieder verfeindeter Gewerkschaften haben sich gegenseitig attackiert. Auch Sicherheitskräfte wurden angegriffen. Nach Medienberichten sind zwei Polizisten mit Macheten zerstückelt worden, acht Minenarbeiter kamen ums Leben. Insgesamt hat der Aufstand damit 44 Menschen das Leben gekostet. Erst in Folge dieser Attacken war die Polizei mit mehreren hundert Beamten aufmarschiert.

Machtkampf der Gewerkschafter

In südafrikanischen Minen herrscht ein erbitterter Machtkampf zwischen verschiedenen Gewerkschaften. In Marikana bekämpfen sich die alteingesessene National Union of Mineworkers (NUM) und die Abspaltung der NUM, die Association of Mineworkers and Construction Union (Amcu). Um an Lohnverhandlungen teilnehmen zu dürfen, müssen die Gewerkschaften eine gewisse Anzahl an Mitgliedern haben. Minenarbeiter sagten der südafrikanischen Wochenzeitung "Mail & Guardian", dass sich Mitglieder der beiden rivalisierenden Gewerkschaften untereinander bekämpft hätten. Seit dem Ausbruch der Gewalt habe Lonmin die Verantwortung für die Sicherheit vor Ort an die Polizei übergeben, sagte ein Konzernsprecher. Die beiden Gewerkschaften haben mittlerweile Statements veröffentlicht, in denen sie zu einem Ende der Gewalt aufrufen.

Der Vorsitzende von Lonmin, Roger Philimore, sagte: "Es steht außer Frage, dass wir den Verlust von Menschenleben tief bedauern. Es handelt sich jedoch vielmehr um ein Problem der öffentlichen Ordnung, als um mangelhafte Arbeitsbedingungen." Das in London ansässige Unternehmen hat in der Folge der Aufstände rund 20 Prozent seines Börsenwerts eingebüßt. Anleger verloren etwa eine halbe Milliarde Euro. Zudem steht seit Dienstag die Produktion in der Mine still. Nach eigenen Angaben hat Lonmin dadurch bisher 15.000 Unzen Platin nicht fördern können. Der Konzern ist der drittgrößte Förderer des Edelmetalls. An den Rohstoffmärkten stieg der Platin-Preis im Laufe des Tages um 39 Dollar auf 1433 Dollar pro Unze.

Der Polizeieinsatz wird in Südafrika zum Teil heftig kritisiert. Zahlreiche Politiker sprachen sich dafür aus, die Vorfälle umfassend aufklären zu lassen. Das South African Institute for Race Relations forderte, dass alle beteiligten Polizisten sofort vom Dienst suspendiert werden müssten. Der südafrikanische Präsident Jacob Zuma brach einen Regionalgipfel in Mosambik ab, um nach Marikana zu reisen.

mit Material von AP/Reuters

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