Tote Zivilisten US-Militär streitet über Opferzahlen im Irak

Ist Irak ein Krisenherd oder friedliches Vorbild? Das US-Militär weist Berichte zurück, wonach im Juli so viele Menschen gewaltsam starben wie lange nicht mehr. Trotz politischer und wirtschaftlicher Probleme will Washington seine Truppen reduzieren - hohe Opferzahlen stören den Abzug.

Irakischer Soldat in Bagdad: Anschläge, Erschießungen, Gefechte
REUTERS

Irakischer Soldat in Bagdad: Anschläge, Erschießungen, Gefechte


Bagdad - Bombenanschläge, Gefechte, gezielte Erschießungen: Extremisten greifen im Irak immer wieder an. In der Nacht zum Montag sprengten Bewaffnete das Haus eines irakischen Polizisten in Falludscha; der Mann, seine Frau und eine Tochter wurden getötet, sieben weitere Familienmitglieder verletzt. In Bagdad starben drei Zivilisten durch einen Sprengsatz am Straßenrand. Der irakischen Regierung zufolge kamen im Juli 535 Menschen durch Anschläge ums Leben - so viele wie schon lange nicht mehr. 396 seien Zivilisten gewesen. Diesen Zahlen zufolge war der Juli der tödlichste Monat seit Mai 2008.

Falsch, hält nun das amerikanische Militär dagegen. Es seien 222 Menschen getötet worden, 161 davon Zivilisten. Damit wäre die Zahl der Todesopfer eine der niedrigsten seit Januar 2008.

Die Differenz zwischen den Angaben der irakischen Regierung und den US-Streitkräften war zunächst nicht aufzuklären. Klar ist: Der Disput kommt für die US-Armee zur Unzeit. Bis Ende August will Washington seine Truppen im Land um etwa 15.000 Soldaten reduzieren, die "Kampfoperationen würden eingestellt". Noch 50.000 Amerikaner werden im Land verbleiben, um die irakische Armee auszubilden und zu beraten. Der letzte amerikanische Soldat soll bis Ende 2011 abziehen.

Doch die politische und wirtschaftliche Lage ist alles andere als stabil. Beobachter befürchten, dass Extremisten das Machtvakuum im Land nutzen könnten. Mehr als fünf Monate nach der Parlamentswahl im Irak hat das Land noch immer keine neue Regierung - seit der Abstimmung Anfang März wird darum gerungen. Eine Gruppe schiitischer Politiker erklärte am Wochenende, sie werde den amtierenden Ministerpräsidenten Nuri al-Maliki in einer möglichen zweiten Amtszeit nicht unterstützen - noch Anfang Mai hatte sie ein Bündnis mit ihm geformt.

Der Irak benötigt für den Wiederaufbau nach Jahrzehnten von Krieg, Sanktionen, wirtschaftlichen Abschwungs und Vernachlässigung der Öl- und Gasanlagen zudem dringend Einnahmen aus den Lizenzen für die Gasförderung. Am Montag wurde die Versteigerung von Förderlizenzen um einen Monat verschoben.

"Eine Explosion der Gewalt? Wird es nicht geben"

Doch selbst die stockende Regierungsbildung, die wirtschaftlichen Probleme und die Angriffe von Extremisten sollen den Abzug der US-Truppen nicht verzögern. Bombenanschläge, gezielte Erschießungen und Gefechte gibt es noch immer täglich. Schon während der Parlamentswahlen erklärte das amerikanische Militär, dass es keine Gewalttaten gegeben habe - Journalisten berichteten aber, Dutzende Iraker seien getötet worden. Später musste das Militär dem Sender CNN zufolge einräumen, dass die Berichte korrekt gewesen seien.

Optimismus verbreiten - das scheint nun die Devise der Amerikaner zu sein. Trotz der jüngsten Gewaltserie zeigte sich US-Vizepräsident Joe Biden vergangene Woche zuversichtlich. Auf die Frage, ob es zu einer "Explosion der Gewalt" kommen könne, antwortete Biden im Gespräch mit dem TV-Sender NBC: "Ich kann nichts garantieren." Er sei aber bereit, "alles darauf zu wetten, dass es eine solche Explosion nicht geben wird".

Das Pentagon halte weiter an seinen Plänen zum Truppenabzug fest, betonte der führende US-Kommandeur General Ray Odierno kürzlich. Auch nach dem Abzug sei die Truppenstärke in dem Land noch groß genug, um das irakische Volk beim politischen Aufbau des Landes zu unterstützen.

Denn zumindest ein Konfliktherd wollen die US-Militärs unter Kontrolle haben - sind doch auch die Meldungen aus Afghanistan sehr schlecht. Der Juli war für die US-Truppen am Hindukusch der verlustreichste Monat seit Beginn der Offensive vor neun Jahren. Und die Nato rechnet mit weiteren Angriffen.

kgp/AP/dpa



insgesamt 8 Beiträge
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schwarzer Schmetterling, 02.08.2010
1. na aber
Zitat von sysopIst Irak ein Krisenherd oder friedliches Vorbild? Das US-Militär weist Berichte zurück, wonach im Juli so viele Menschen gewaltsam starben wie lange nicht mehr. Trotz politischer und wirtschaftlicher Probleme will Washington seine Truppen reduzieren - hohe Opferzahlen stören den Abzug. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,709615,00.html
wir haben das doch verstanden. Ehe der Iran überfallen wird, muss im Irak Ruhe herrschen. Schließlich beissen in AFG schon alle sich in die Beine. und nachdem die ölförderung vor der eigenen Haustür zu schmutzig wird, holen wir es nun woanders. Ja alles ist gut.
McBline 02.08.2010
2. Demokratie für den Iran!
Zitat von sysopIst Irak ein Krisenherd oder friedliches Vorbild? Das US-Militär weist Berichte zurück, wonach im Juli so viele Menschen gewaltsam starben wie lange nicht mehr. Trotz politischer und wirtschaftlicher Probleme will Washington seine Truppen reduzieren - hohe Opferzahlen stören den Abzug. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,709615,00.html
Natürlich ist in Irak alles rosig. "Die freie Welt" braucht diese Truppen um auch noch Iran zu befrieden und zum Wohlstand zu führen. Einem Durchschnittsiraker geht es heutzutage doch viel besser als zu Saddams Zeiten. Dürfen wir dies ihren Nachbarn vorenthalten? Natüprlich nicht. Ein Paar Millionen Toter und Vertriebener düfen uns dabei auch nicht stören... Ach ja, habe ich ganz vergessen in China warten noch ein Paar Milliarden sehnlichst auf eine Befreiung. Warum zum Teufel haben wir immer noch nicht eingegrifen? Und danach können wir uns ja Russland vorknöpfen... Wir dürfen nicht ruhen bis alle Welt einheitlich demokratisch im Gleichschritt marschiert! Also holt die GIs aus dem Irak - die haben wirklich besseres zu tun.
frubi 02.08.2010
3. .
Zitat von sysopIst Irak ein Krisenherd oder friedliches Vorbild? Das US-Militär weist Berichte zurück, wonach im Juli so viele Menschen gewaltsam starben wie lange nicht mehr. Trotz politischer und wirtschaftlicher Probleme will Washington seine Truppen reduzieren - hohe Opferzahlen stören den Abzug. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,709615,00.html
Opferzahlen im Irak wären durchaus verständlich, wenn es denn ein richtiger Krieg gewesen wäre. War es aber nicht. Es war und ist eine Invasion. Bei einer Invasion ist bereits der erste tote Zivilist durch die Invasoren ein Unrecht. Von daher ist es mir relativ egal, welche Zahl die Behörden am Ende stehen lassen. In vielen Teilen der Welt wird dieser Einsatz als das gesehen, was er ist und in 50 Jahren werden auch die Historiker diese Invasion richtig einordnen. Aktuell herrscht in den Medien eher Zurückhaltung was dieses Kriegsverbrechen angeht. Eine große Hilfe sind Sie seit 2001 auf jeden Fall nicht.
e.schw 02.08.2010
4. Die Toten klagen an...
Zitat von sysopIst Irak ein Krisenherd oder friedliches Vorbild? Das US-Militär weist Berichte zurück, wonach im Juli so viele Menschen gewaltsam starben wie lange nicht mehr. Trotz politischer und wirtschaftlicher Probleme will Washington seine Truppen reduzieren - hohe Opferzahlen stören den Abzug. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,709615,00.html
Aus heutiger Sicht muss die Frage erlaubt sein, ob der Krieg von 2003 die Welt sicherer gemacht hat. Was hat man dem Irak nicht an Gefährlichkeit unterstellt. Kaum etwas davon hat sich als wahr herausgestellt. Unter Saddam Husseins Gewaltherrschaft wären niemals so viele Iraker zu Tode gekommen, und natürlich auf Seiten der Amerikaner schon gar nicht. Zumindest indirekt haben die Kriege gegen Afghanistan und den Irak mit dem Ausbruch der Wirtschafts- und Finanzkrise zu tun. Einerseits musste das Volk mit billigen Geld beruhigt werden, andererseits kosten beide Kriege immense Summen. Was nach einem nahezu vollständigen Abzug der Amerikaner im Irak passieren wird, können sich die meisten Politiker und Militärs leicht ausmalen. Laut darüber gesprochen wird dagegen nicht.
sommerpause78la 02.08.2010
5. Abzug
Zitat von McBlineNatürlich ist in Irak alles rosig. "Die freie Welt" braucht diese Truppen um auch noch Iran zu befrieden und zum Wohlstand zu führen. Einem Durchschnittsiraker geht es heutzutage doch viel besser als zu Saddams Zeiten. Dürfen wir dies ihren Nachbarn vorenthalten? Natüprlich nicht. Ein Paar Millionen Toter und Vertriebener düfen uns dabei auch nicht stören... Ach ja, habe ich ganz vergessen in China warten noch ein Paar Milliarden sehnlichst auf eine Befreiung. Warum zum Teufel haben wir immer noch nicht eingegrifen? Und danach können wir uns ja Russland vorknöpfen... Wir dürfen nicht ruhen bis alle Welt einheitlich demokratisch im Gleichschritt marschiert! Also holt die GIs aus dem Irak - die haben wirklich besseres zu tun.
Tja, wer hat denn gesagt, daß die Soldaten nach dem Abzug heim in die USA gehen. ...Iran ist doch auch ein interessantes Ziel... Schön hier, aber waren Sie schon mal in Teheran? Mal schaun, was die CIA demnächst so vorbereitet. Wahrlich ein würdiger Friedensnobelpreisträger - ich hatte wirklich gedacht, daß ein schwarzer Präsident den Job besser machen würde...
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