Toter Abu Abbas Palästinenser geben USA die Schuld

Mohammed Abu Abbas, Drahtzieher spektakulärer Anschläge in den achtziger Jahren, ist tot. Der Palästinenser-Führer, der der Gewalt abschwörte, starb ausgerechnet in US-Gefangenschaft im Irak. Seine Gefolgsleute sprechen von Mord.


Abu Abbas: Der palästinensische PLF-Chef starb vorgestern in amerikanischer Gefangenschaft
REUTERS

Abu Abbas: Der palästinensische PLF-Chef starb vorgestern in amerikanischer Gefangenschaft

Washington/Gaza/Jerusalem - "Erste Berichte deuten auf eine natürliche Todesursache hin, Wiederbelebungsversuche des medizinischen Personals waren ohne Erfolg", hieß es in einer ersten Stellungnahme des US-Militärs. Nach Angaben von Bryan Whitman, Sprecher des US-Verteidigungsministeriums, wird es eine Autopsie geben.

Dagegen sprachen verschiedene palästinensische Gruppen und Abu Abbas' Witwe von Mord. "Wir machen die Amerikaner für seinen Tod verantwortlich, für seinen Mord", sagte Omar Schibli, nach Abu Abbas die Nummer zwei der der PLO-Splittergruppe "Palästinensische Befreiungsfront" (PLF). Auch Jassir Arafats Sicherheitsberater Dschibril Radschub gab den USA die Schuld an Abu Abbas' Tod. Ein Vorwurf gegen die USA lautet, man habe Abu Abbas wichtige Medikamente vorenthalten. Ein Berater des israelischen Ministerpräsidenten Ariel Scharon, Raanan Gissin, nannte Abu Abbas' Tod dagegen "poetische Gerechtigkeit".

Bis zu seiner Ergreifung vor knapp einem Jahr hatte Abu Abbas fast zwei Jahrzehnte zwar als freier, aber von italienischen, israelischen und US-amerikanischen Behörden gesuchter Mann verbracht. US-Streitkräfte fassten ihn schließlich im April 2003 bei einer Razzia in einem Außenbezirk der irakischen Hauptstadt Bagdad.

Palästinensische Politiker hatte die USA seither mehrfach aufgefordert, Abu Abbas frei zu lassen, da nach dem israelisch-palästinensischen Zwischenabkommen von Oslo 1993 alle Führungsmitglieder der PLO rückwirkend amnestiert worden seien. Die USA hatten dies jedoch mit dem Hinweis abgelehnt, dass die Amnestievereinbarung nur zwischen Israel und den Palästinensern ausgehandelt worden sei. Washington habe einer Immunität für vergangene Verbrechen nicht zugestimmt.

Nach der "Achille Lauro"-Entführung begann die Jagd

Das Kreuzfahrtschiff Achille Lauro am 10. Oktober 1985 im ägyptischen Hafen Port Said
AFP

Das Kreuzfahrtschiff Achille Lauro am 10. Oktober 1985 im ägyptischen Hafen Port Said

Das Leben auf der Flucht begann für Abu Abbas nach seinem spektakulärsten Anschlag, der Entführung des Kreuzfahrtschiffs "Achille Lauro". Im Oktober 1985 kaperten palästinensische Terroristen den italienischen Kreuzer vor der ägyptischen Küste und verlangten die Freilassung von rund 50 Palästinensern. Sie erschossen einen 69-jährigen gelähmten Passagier, den amerikanischen Juden Leon Klinghoffer, und warfen seine Leiche über Bord.

Abu Abbas war selbst nicht an Bord des Schiffs. Er gestand jedoch seine Beteiligung, sprach aber später von einem Versehen. Es habe sich um eine geplante Militäraktion gehandelt, die eine falsche Wendung genommen habe. "Wir hatten nie die Absicht, das Schiff zu entführen oder die Menschen an Bord zu verletzen." 1993, während der Osloer Friedensverhandlungen zwischen Israel und Palästina, schwor Abu Abbas allgemein der Gewalt ab. 1996 entschuldigte er sich für den Mord an Klinghoffer, nachdem Israel ihn kurzzeitig in den Gazastreifen einreisen ließ.

Trotzdem wurde er bis zuletzt terroristischer Aktivitäten verdächtigt. Der israelische Geheimdienst warf ihm vor, die Familien von Selbstmordattentätern mit Geldern des gestürzten irakischen Regimes zu versorgen. Außerdem soll die PLF im Irak Ausbildungslager betrieben haben. Auch die US-Regierung brachte ihn in Verbindung mit Saddam Husseins Regime.

Abu Abbas wurde 1948 in Haifa geboren. Er lebte eine Zeitlang in einem Flüchtlingslager in Syrien, bevor er an der Universität von Damaskus arabische und englische Literatur studierte. 1965 trat er der von Ahmed Dschibril gegründeten PLF bei.



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