Erschossener Bundespolizist im Jemen Tod auf dem Supermarkt-Parkplatz

Mirko K. war fast auf dem Weg in die Heimat, seine Dienstzeit im Jemen war beendet, der Personenschützer der deutschen Botschaft plante seine Abschiedsparty. Doch dann wurde er erschossen, bei einem Entführungsversuch vor einem Supermarkt. Vermutlich musste er sterben, weil er sich wehrte.

AFP

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Berlin/Beirut - Nach dem Tod eines Sicherheitsmanns der Deutschen Botschaft in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa laufen die Ermittlungen auf Hochtouren. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE gehen deutsche Fahnder davon aus, dass Unbekannte Mirko K. entführen wollten und den 39-jährigen Oberkommissar der Bundespolizei erschossen, weil er sich wehrte. Deutsche Experten sollen den Fall nun im Jemen aufklären.

Ersten Erkenntnissen zufolge befand sich Mirko K. am Sonntag gegen 15 Uhr mit einem anderen deutschen Polizisten in dem bei Ausländern beliebten Supermarkt al-Dschandul im Süden Sanaas. Nach dem Einkauf nahm Mirko K. seine Plastiktüten und ging schon vor zum Parkplatz, sein Kollege stand noch zum Bezahlen an der Kasse. Momente später hörte der Deutsche vier Schüsse in unregelmäßigen Abständen.

Sofort versuchte der Kollege im Supermarkt, Mirko K. auf dem Handy zu erreichen. Erfolglos. Er lief dann nach draußen. Dort lag der Oberkommissar neben seinen Einkäufen etwa fünf Meter vom Eingang entfernt auf dem Parkplatz. Eine kurze Kontrolle seines Kollegen reichte, um festzustellen, dass Mirko K. tot war. Am Kopf klaffte eine große Austrittswunde der tödlichen Kugel, seine Dienstwaffe steckte noch im Holster.

Der überlebende Bundespolizist lief zurück in den Supermarkt, rief das deutsche Schutzteam zum Tatort. Nachdem die Deutschen eingetroffen waren, berichtete ein Kanadier, der im gepanzerten Auto der Bundespolizisten gesessen hatte, er habe einen Mann mit einer Waffe gesehen, der mit einem schwarzen Geländewagen vom Tatort geflüchtet sei. Das Kennzeichen gaben die Deutschen sofort an die jemenitischen Behörden weiter.

Mirko K. galt als erfahren

Der Tod des Deutschen sorgte bei der Bundespolizei, die mit etwa 250 Beamten für den Schutz der Auslandsvertretungen zuständig ist, für Entsetzen. Für Krisenländer wie den Jemen stellt die Behörde Schutzpersonal, die rund 80 Mitglieder der Gruppe "Schutz in Krisengebieten" sind speziell ausgebildet. Mirko K. galt als erfahren, arbeitete in Berlin schon als Personenschützer im Kanzleramt und war 2009 in Afghanistan im Einsatz.

Besonders betroffen machte die Kollegen, dass die Dienstzeit des Sicherheitsmanns gerade abgelaufen war. Am Sonntagmorgen noch hatte er an Freunde gemailt und lud für Ende der Woche zu einer Abschiedsparty ein. In den kommenden Tagen wollte Mirko K. nach Deutschland zurückfliegen, im Dezember wäre er 40 Jahre alt geworden. Wenige Stunden nach dem Versand der E-Mail war er tot.

Kurz nach dem tödlichen Zwischenfall waren Gerüchte aufgekommen, die Angreifer hätten die Botschafterin Carola Müller-Holtkemper entführen wollen. Die Diplomatin allerdings hielt sich gar nicht im Jemen auf, sie kehrte Montag nach Sanaa zurück. Für die Botschaft hat das Auswärtige Amt die Sicherheitsmaßnahmen noch einmal erhöht. Recherchen vor Ort soll ein Experten-Team des BKA übernehmen.

"Der Kampf ist sehr schmutzig geworden"

Die Sicherheitslage im Jemen ist extrem angespannt. Diplomaten sprechen von einem zerfallenden Staat, dessen Behörden selbst Sanaa nur noch bedingt unter Kontrolle haben. Im August wurden nach konkreten Hinweisen auf einen möglichen Terror-Anschlag durch al-Qaida mehrere westlichen Botschaften für Tage geschlossen. Auch nach Lockerung dieser Maßnahmen gelten für alle Ausländer strikte Sicherheitsregeln.

Robert Kormiczi lebt als Sterne-Koch seit sieben Jahren im Jemen und bewirtet dort die gehobene, meist ausländische Klientel. Er sagte SPIEGEL ONLINE, man könne sich im Land als Ausländer nicht mehr entspannt bewegen. "Wir fahren nur noch vorsichtig herum und sind bewaffnet, draußen sowie im Haus. Seit einem Jahr ist es hier schlimm, der Kampf ist sehr schmutzig geworden."

Diplomaten sind nicht vor Entführungen gefeit. Von März 2012 an hält ein Qaida-Ableger den stellvertretenden Leiter des saudi-arabischen Konsulats in Aden fest. Seine Entführer verlangen nicht nur Lösegeld, sondern auch die Freilassung einer Terroristin mit Qaida-Verbindungen aus dem saudi-arabischen Gefängnis. Im Juni dieses Jahres wurde ein Mitarbeiter der iranischen Botschaft in Sanaa entführt.

"Jeder Westler im Jemen ist ein potentielles Ziel"

Auch ausländische Journalisten sind als lukrative Beute ins Visier der Kidnapper geraten: Ebenfalls im Juni wurden die holländische Reporterin Judith Spiegel und ihr Ehemann Boudewijn Berendsen verschleppt. Mitte Juli stellten ihre Häscher ein Video online, in dem das Paar um Hilfe flehte. "Wenn es keine Lösung gibt, werden sie uns töten", sagt Spiegel darin.

Die Terrorgruppe al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel, die im Jemen recht ungestört operiert, hat in den vergangenen Jahren immer wieder versucht, westliche Ziele anzugreifen. Im November vergangenen Jahres starben ein saudi-arabischer Diplomat und sein jemenitischer Leibwächter durch die Kugeln eines Terroristen. Einen Monat zuvor töteten Maskierte einen Jemeniten, der in der Sicherheitsabteilung der US-Botschaft in Sanaa arbeitete.

Ob sich der Angriff vom Sonntag direkt gegen Deutschland richtete und ob ein politisches Motiv hinter dem mutmaßlichen Entführungsversuch steht, ist noch unklar. Deutsche Ermittler gehen davon aus, dass die Angreifer vor dem Supermarkt schlicht auf mögliche westliche Entführungsopfer warteten. "Jeder Westler im Jemen ist ein potentielles Ziel", so ein Fahnder, "welche Nationalität die Opfer haben, ist den Täter meist egal."



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