Islamistische Terroristen Die Gefahr der einsamen Wölfe

Ein Mann wie Mohammed Merah ist der Alptraum für Europas Sicherheitsbehörden: Der mutmaßliche Attentäter von Toulouse passt ins Muster des "einsamen Wolfs". So nennen Geheimdienste Einzeltäter, die sich zum Terrornetzwerk al-Qaida bekennen, aber auf eigene Faust handeln.
Tatort in Montauban: Hier feuerte der Attentäter auf drei Soldaten

Tatort in Montauban: Hier feuerte der Attentäter auf drei Soldaten

Foto: ERIC CABANIS/ AFP

In Toulouse herrscht Belagerungszustand: Der mutmaßliche Attentäter hat sich schwer bewaffnet seit Stunden in seiner Wohnung verschanzt. Polizisten haben das Gebäude umstellt, Tausende Menschen verfolgen die Szenen im Fernsehen (die Ereignisse im Liveticker hier).

Wer ist dieser Mohammed Merah, der sieben Menschen ermordet haben soll? Noch weiß man nicht viel über ihn, doch die ersten dürren Details lassen die Behörden nicht nur in Frankreich, sondern in ganz Europa aufhorchen. Offenbar handelt es sich bei dem Mittzwanziger algerischer Herkunft um exakt den Tätertypen, den die Fahnder auch in Deutschland am meisten fürchten: den Einzeltäter. So sehr Polizei und Geheimdienste in den Jahren nach dem 11. September 2001 bei der Suche nach möglichen Terroristen aufgerüstet haben, so machtlos stehen sie diesem Tätertypen noch immer gegenüber.

Das fatale Beispiel für den Einzeltäter ist der erste erfolgreiche islamistische Anschlag in Deutschland im Frühjahr 2011. Aufgehetzt von einem Internetvideo, das angeblich die Vergewaltigung von muslimischen Frauen durch US-Soldaten zeigte, radikalisierte sich der junge Kosovare Arid Uka damals innerhalb von wenigen Tagen und beschaffte sich auf dem Schwarzmarkt eine Waffe. Wenig später passte er eine Gruppe von US-Soldaten auf dem Frankfurter Flughafen ab, fragte einen der GIs nach einer Zigarette - und zog dann seine Waffe. Er erschoss zwei Amerikaner, nur die Ladehemmung seiner Waffe verhinderte Schlimmeres.

Der BND warnt seit langem vor Einzeltätern

Der Fall Uka zeigt für die Behörden exemplarisch einen Täter, der aus dem "Nichts" kommt. Uka war zwar gläubig, aber keineswegs als radikal oder gar gewaltbereit aufgefallen. Seine Radikalisierung durch das Internetvideo, eine recht billige Fälschung islamistischer Scharfmacher, ging so schnell, dass wohl keine Behörde der Welt rechtzeitig darauf aufmerksam geworden wäre. Im Mai 2011 fasste der damalige Chef des Bundesnachrichtendienstes die Lage kurz und knapp zusammen: "Wir müssen derzeit besonders auf Einzeltäter achten, die nicht aus fest strukturierten Zusammenhängen kommen, sondern mit Bestrafungsaktionen ihren Beitrag zum Dschihad leisten wollen", warnte Ernst Uhrlau.

Der jetzige mutmaßliche Täter in Toulouse weist Parallelen zu Uka auf, unterscheidet sich jedoch in einem entscheidenden Punkt von diesem: Offenbar reiste Merah schon vor Jahren in Trainingscamps für Terroristen in Afghanistan oder Pakistan. Nach afghanischen Angaben wurde der Verdächtige im September 2007 im südafghanischen Kandahar vom Geheimdienst NDS aufgespürt.

Merah sei daraufhin von einem afghanischen Gericht zu drei Jahren Gefängnis verurteilt worden. Wenig später war der Sohn eines französischen Vaters und einer algerischen Mutter schon wieder frei: Er soll bei einem groß angelegten Angriff auf das Gefängnis in Kandahar im Juni 2008 entkommen sein. Dabei wurden mehrere hundert Gefängnisinsassen befreit, unter ihnen hochrangige Anführer der Taliban. Allerdings hat die Presseabteilung der Provinzregierung Kandahar inzwischen dementiert, dass Mohammed Merah im Juni 2008 aus dem Gefängnis der Stadt geflohen sei. Eine entsprechende Nachricht veröffentlichte die französische Tageszeitung "Le Monde" auf ihrer Internetseite.

Gegenüber der französischen Polizei hat Merah behauptet, zu al-Qaida zu gehören. Von Seiten des Terrornetzwerks gab es bislang keine Bestätigung dafür. In der Vergangenheit hatte al-Qaida mehrfach für die Anschläge islamistischer Terroristen nachträglich die "Patenschaft" übernommen - so etwa im Fall des Amoklaufs eines US-Soldaten, der im November 2009 zwölf Soldaten auf der Militärbasis Fort Hood getötet hatte.

Treffen die Berichte über Merahs Reisen nach Afghanistan und Pakistan zu, würde er zu einem anderen Tätertypen gehören - den sogenannten reisenden Dschihadisten. Allein in Deutschland sind rund 250 Personen bekannt, die seit den neunziger Jahren ins pakistanisch-afghanische Grenzgebiet gereist und dort vermutlich in Lagern von Terrorgruppen oder den Taliban trainiert worden sind.

Geheimdienste können Gefährder nicht wirksam kontrollieren

Auch dieser Tätertyp hat in Europa bereits zugeschlagen. Im Dezember 2010 sprengte sich in der Stockholmer Innenstadt ein Selbstmordattentäter in die Luft. Außer dem Angreifer wurde damals niemand getötet. Der Täter war ein Schwede irakischer Abstammung namens Taimour Abdulwahab. Auch er radikalisierte sich in Europa und ging mit dem Wunsch, ein "Mudschahid" zu werden, in ein Qaida-Ausbildungslager im Irak.

Seitdem stand er in engem Kontakt mit al-Qaida im Irak, gleichwohl handelte er bei seinem Anschlag auf eigene Faust. Ähnlich äußerte sich der französische Innenminister Claude Guéant nun über den Attentäter von Toulouse: "Der Mann hat Verbindungen zu Personen, die sich zum Salafismus und Dschihadismus bekennen."

Beim schwedischen Attentäter Abdulwahab zog sich der Radikalisierungsprozess über Jahre hin. Mehr als drei Jahre vor dem Anschlag von Stockholm soll er in einer Moschee erstmals wegen extremistischer Äußerungen auffällig geworden sein. Auch das ähnelt dem Fall Mohammed Merah. Ebenso die Tatsache, dass in beiden Fällen Familienmitglieder in die Pläne eingeweiht gewesen sein sollen. Der französische Inlandsgeheimdienst DCRI hat den mutmaßlichen Serien-Attentäter von Toulouse jahrelang beobachtet. Dabei sei aber nie ein Anzeichen dafür entdeckt worden, dass der Mann ein Verbrechen planen könnte, sagte Guéant am Mittwoch.

Für die französischen Behörden droht der Fall zum Fiasko zu werden. Offenbar konnte Merah erst in ein Terror-Camp nach Afghanistan reisen und selbst nach seiner Festnahme und einem anschließenden Gefängnisausbruch unbehelligt zurückkehren. Zwar geriet der Mann dadurch ins Visier der Geheimdienste, die Gefahr, die von ihm ausging, wurde jedoch auf fatale Weise verkannt.

Die sieben Menschenleben, die der Attentäter in den vergangenen Tagen auslöschte, führen auf tragische Weise vor Augen, dass die westlichen Geheimdienste die sogenannten Gefährder zwar beobachten, aber nicht kontrollieren können.

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