Tour de France Gelbes Trikot statt Gelbwesten auf den Champs-Élysées

Fast ein Jahr lang wüteten jedes Wochenende die Gelbwesten auf den Champs-Élysées. Am Sonntag ist dort das Gelbe Trikot der Tour de France zu sehen. Zeit für eine französische Versöhnung.

Tour de France 2018: "Frankreich entdeckt den Zauber der Tour wieder"
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Tour de France 2018: "Frankreich entdeckt den Zauber der Tour wieder"

Von , Paris


Emmanuel Macron kann Hoffnung schöpfen: "Wir haben das Jahr mit den Gelbwesten begonnen und werden es mit dem Gelben Trikot beenden", sagte der französische Präsident in dieser Woche auf einem Empfang zum Ende des Schuljahres. Tatsächlich dürfte an diesem Sonntag auf der Pariser Prachtallee der Champs-Élysées erstmals seit Langem wieder was los sein, wovor sich Macron nicht fürchten muss: "Zum ersten Mal habe ich Lust, einen Franzosen in Gelb auf den Champs-Élysées zu sehen", zitiert das Satire-Blatt "Canard Enchaîné" den Präsidenten. Spaß muss sein.

Statt der Gelbwesten, die fast ein Jahr lang jedes Wochenende vor Macrons Élysée-Palast demonstrierten, werden nämlich am Sonntag die Radfahrer der Tour de France vor dem Triumphbogen auffahren. Schon seit 1975 tun sie das jedes Jahr am letzten Tag der Frankreich-Rundfahrt. Der damalige Präsident Valéry Giscard d'Estaing hatte es so angeordnet. Ein Zeichen, wie politisch die Tour damals schon war und auch heute noch ist.

Oder besser: wieder ist. Denn in den vorigen Jahren wollten außer den Radsportfans nur noch wenige Franzosen zusehen. Erst hatten die großen Doping-Skandale um den ewigen Tour-Sieger Lance Armstrong und seinen ewigen Zweiten Jan Ullrich den Sport in Verruf gebracht. Dann gewannen immer die Gleichen, Fahrer wie der Brite Chris Froome, die das Publikum mehr als Maschinen denn als Menschen wahrnahm. Doch dieses Jahr ist alles anders.

Ein Teil der Arbeiterkultur ist neu aufgelebt

"Frankreich entdeckt den Zauber der Tour wieder", titelt der Pariser "Figaro" und schwärmt vom "letzten französischen Heldenepos". Das hatte zunächst einen einfachen Grund: Bis zum Freitag hatten gleich zwei französische Fahrer noch die Chance, die Tour auf den Champs-Élysées als Sieger zu beenden. Es wäre das erste Mal seit 1985 gewesen, dass ein Franzose das immer noch wichtigste Radrennen der Welt gewinnt. Diese Hoffnungen haben sich zwar am Freitag weitgehend zerschlagen. Doch bei dieser Tour geht es um so viel mehr als Radfahren.

Julian Alaphilippe: Favorit aus einfachem Hause
Christian Hartmann / REUTERS

Julian Alaphilippe: Favorit aus einfachem Hause

"Der Mensch hat die Maschine wieder überholt", sagt Daniel Psenny, 60, ehemaliger Fernsehkritiker der Zeitung "Le Monde" und jahrelanger Begleiter der Tour de France. Psenny erinnert an den alten Mythos der Tour: "Die Fahrer waren fast alle Proletarier. Die Tour funktionierte als sozialer Fahrstuhl nach oben. Dabei demonstrierte der Einzelne, das Unmögliche möglich zu machen." So fuhren viele Jahre Werbewagen der französischen Gewerkschaften gut sichtbar am Rande des Hauptfelds mit.

Ein Teil dieser Arbeiterkultur rund um die Tour ist in diesem Jahr neu aufgelebt. Es liegt an den französischen Topfahrern aus einfachem Hause, Julian Alaphilippe, der vorher beim Militär war, und Thibaut Pinot, dem Landjungen aus dem Burgund, der am Freitag auf der zweiten Alpenetappe unter Tränen verletzt aufgeben musste.

Es liegt aber auch daran, dass die Tour - anders als der Fußball - immer noch billig ist: "Die Tour de France ist der einzige global erfolgreiche Gratis-Sport", sagt Psenny. "Jeder kann immer noch an den Straßenrand gehen und die Fahrer anfassen." Nicht einmal beim Empfang auf den Champs-Élysées gibt es am Sonntag bezahlte Tribünenplätze. Noch immer ist der klassische Tour-Konsument ein einfacher Urlauber mit Zelt oder Wohnwagen und Picknick-Tisch am Straßenrand.

Gelbwesten-Protest: "Bei uns ist nicht mehr Frankreich"
IAN LANGSDON/EPA-EFE/REX

Gelbwesten-Protest: "Bei uns ist nicht mehr Frankreich"

Das zählt vor allem in Zeiten der Gelbwesten. Ihr Protest zeigte ein gespaltenes Frankreich: Nicht nur allgemein in Arm und Reich, sondern in wohlhabende Metropolen und abgehängte Provinzen. Doch genau durch diese Provinzen geht die Tour.

"In Savoyen sagt man heute noch: Hinter dem Galibier beginnt Frankreich", sagte der Tour-Ansager des TV-Senders France 2, nachdem die Fahrer am Donnerstag ihren ersten hohen Alpenpass, den Col du Galibier in 2642 Meter Höhe, überwunden hatten. "Bei uns ist nicht mehr Frankreich", aber lautete die Botschaft vieler Gelbwesten-Demos in der Provinz, die sich gegen die Schließung von örtlichen Schulen, Krankenhäusern und Bahnhöfen richteten.

Schon immer hatten die Tour-Berichte im Fernsehen drei Kommentatoren: zwei für den Sport und einen für Geografie und Kulturgeschichte, der den Franzosen Frankreich erklärt. Ihre gemeinsame Geschichte, ihre Gegenden und Gerichte. All das schien nicht mehr zu zählen, als die Gelbwesten im vergangenen Dezember auf den Champs-Élysées Geschäfte und Museen zertrümmerten. All das ist am Sonntag wieder vereint, wenn die Radprofis die Champs-Élysées emporradeln. Mindestens einen Sonntag lang hätte Macron Ruhe - aber er ist schon im Urlaub.

insgesamt 9 Beiträge
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smokiebrandy 28.07.2019
1. Ich staune...
... Spiegel Online erwähnt die immer noch andauernden Gelbwesten Proteste am Rande in einem Sportthema... Hatte man zwischenzeitlich doch das Gefühl , es hätte nie welche gegeben...? Aber Proteste in Hong Kong und Moskau passen natürlich auch besser ins Bild...
In_Frankreich_lebend 28.07.2019
2. Die Gelbwesten sind (Gott sei Dank) schon eine Weile "tot"
und das ist auch sehr gut so. Es waren ja, v.a. in Paris, nicht wirklich Leute mir irgendeiner Agenda, sondern größtenteils v.a. einfach nur Chaoten. Ich verstehe nicht, warum SPON die immer noch erwähnen muss .... ist das einfach nur Sommerloch oder vermisst SPON die etwa?
heinrich-wilhelm 28.07.2019
3. Oh nee
Kann man nicht einmal den Sport das sein lassen was er ist. Wille,Kampf bis zur Erschöpfung und viel Sportlichkeit und Fairness und Menschlichkeit am Rande.Dazu die Begeisterung der Menschen und wenn es auch nur Minuten sind,in der die Helden des Sportes an ihnen vorbeirauschen. Was zum Teufel soll die Diskussion über gelbe Westen und Proletarier in diesem Zusammenhang.Lasst doch einmal nur Freude und Begeisterung zu Worte kommen. Ab Montag gehts doch eh im alten Polittrott weiter und alle Spon- Foristen sind wieder glücklich oder werden depressiv über all die politischen Horrornachrichten. Also dann,bis Montag.
friedrich.grimm@gmx.de 28.07.2019
4. Gelbwesten wüteten
Weiß Herr Blume überhaupt wovon er schreibt, wenn er von wütenden Gelbwesten spricht? Schließlich waren bzw. sind deren Forderungen mehr als berechtigt. Die neoliberale Politik des überschätzten Macron wird Frankreich dahin führen wo Deutschland seit den Hartz-Gesetzen heute schon steht. Von einem Europa für die Menschen faseln und Politik für das Kapital zu machen, das ist doch eine verlogene Sache.
gruen99 28.07.2019
5. @1 Korrekt ! @2, Nein, stimmt nicht
Werte Forenleser, auch ich bin froh, das die Tour de France durch die Innenstadt ohne die Gelbwesten fahren kann. Es ist aber leider so, dass der Demonstrationsdruck durch die Gelbwesten mitnichten abgeebt ist. Henz im Gegenteil: Am 14.7. zum Nationalfeiertag der Franzosen wurde umfangreich und andauernd Macron von Gelbwesten ausgebuht. Auch ich finde es befremdlich, das darüber, bei SPON letztens im Mai (sic.) und mit Randnotiz im Zusammenhang mit einem Urteil zu einem Antijüdischen Vorfall (12.7.) nichts mehr dazu berichtet wurde. Frankreich halte ich auch für ungleich wichtiger als Krawallmacher Meldungen aus Hong Kong. Immerhin wird Frankreich nach dem Brexit eine, wenn nicht sogar die zentrale Rolle für Deutschland in Europa spielen.
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