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09. April 2012, 14:04 Uhr

Ostermärsche

Friedensaktivisten unterstützen Günter Grass

"Grass hat Tatsachen ins rechte Licht gerückt": Zum Abschluss der traditionellen Ostermärsche sprangen Friedensaktivisten dem Nobelpreisträger bei. Nicht Grass gehöre an den Pranger, hieß es, sondern die Politiker, die die Lage in Nahost eskalieren ließen.

Berlin - Es ging wie immer gegen Krieg und Waffenexporte, doch in diesem Jahr spielte bei den traditionellen Ostermärschen auch das umstrittene Gedicht von Nobelpreisträger Günter Grass eine zentrale Rolle. In Deutschland liefen am Osterwochenende Tausende bei den traditionellen Kundgebungen mit und demonstrierten für Frieden. Sie prangerten die "Kriegspropaganda" im Westen gegen Iran und Syrien an sowie den nun zehnjährigen Bundeswehreinsatz in Afghanistan.

Es gab etwa 80 Märsche, die durch hundert Städte führten, wie die Friedensbewegung am Montag bilanzierte. Bei nasskaltem Wetter war die Beteiligung aber oft dürftig.

Die Bewegung erklärte sich solidarisch mit Grass, der mit seinem Gedicht über die Politik Israels seit Tagen in der Kritik steht. Der Sprecher des Bundesausschusses Friedensratschlag, Peter Strutynski, erklärte: "Nicht Günter Grass gehört an den Pranger, sondern diejenigen Politiker, die weiter an der Eskalationsschraube im Nahen und Mittleren Osten drehen, indem sie Iran mit Wirtschaftssanktionen immer mehr in die Enge treiben." Dass Israel über 250 Atomsprengköpfe besitze, dem Atomwaffensperrvertrag nicht beigetreten sei sowie keine Kontrollen zulasse und offen das Für und Wider eines "Präventivkriegs" gegen Iran diskutiere, "sind Tatsachen, die Günter Grass auf seine Weise ins rechte Licht gerückt hat", erklärte er.

Bereits am Sonntag war bei den Märschen Unterstützung für Grass laut geworden. Es gebe kein Recht auf Präventivkriege und Erstschläge, betonte die bundesweite Informationsstelle Ostermarsch in Frankfurt am Main. Dies hätten auch viele Redner bei Ostermarsch-Kundgebungen betont. Die Friedensbewegung teile die Auffassung, dass die Nahost-Region umfassend demilitarisiert werden müsse.

"Es war ein richtiges Wort von Grass"

"Was Grass angestoßen hat, kann nicht als antisemitisch unter den Teppich gekehrt werden", betonte der Sprecher der Informationsstelle Ostermarsch, Willi van Ooyen. "Es war ein richtiges Wort von Grass", sagte er zu dem umstrittenen Gedicht des Literatur-Nobelpreisträgers, in dem dieser Israel vorgeworfen hatte, den Weltfrieden zu gefährden. Der israelische Innenminister Eli Jischai sprach daraufhin am Sonntag ein faktisches Einreiseverbot gegen Grass aus.

Die Ostermärsche haben ihre Wurzeln im Protest gegen das atomare Wettrüsten während des Kalten Krieges. In Deutschland erlebten sie 1968 und 1983 ihre Höhepunkte mit Hunderttausenden Demonstranten. In den vergangenen Jahren hatten sie geringen Zulauf.

Zu einer der größten Veranstaltungen kamen am Ostersamstag rund tausend Menschen in Stuttgart. Sie warnten vor einer Eskalation der Konflikte um Syrien und Iran und forderten die westlichen Regierungen auf, auf militärische Drohungen und Bombardierungen im Nahen Osten zu verzichten.

In Berlin kreisten etwa 750 Demonstranten die US-Botschaft mit einem 700 Meter langen Transparent ein. Damit verbanden sie die Forderung, die Todesstrafe abzuschaffen und politische Gefangene weltweit freizulassen. Der Berliner Ostermarsch stand unter dem Motto: "Krieg darf kein Mittel der Politik sein." An Rhein und Ruhr liefen beim dreitägigen Ostermarsch Tausende Teilnehmer mit, die gegen Krieg, rechten Terror und Atomwaffen protestieren.

Jüdische Friedensaktivisten aus Deutschland waren dem Nobelpreisträger bereits am Donnerstag beigesprungen. Die "Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost" hatte Grass "für seine aufrichtige Aussage in Bezug auf die Atompolitik Israels" gelobt.

fab/dpa/dapd

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