Transatlantischer Systemvergleich Das unbewältigte Erbe der Sklaverei

Warum pflegt Europa seine Klischees von den USA mit solcher Inbrunst? Um von eigenen Problemen abzulenken, meint der Historiker Peter Baldwin. Dabei gebe es einen krassen Missstand in der Neuen Welt, der wirklich Aufmerksamkeit verdient - weil er auch in Europa zur Gefahr werden kann.


Der Graben, der Amerika und Europa trennt, ist nicht annähernd so tief und so weit, wie die Politik-Entertainer und ihre Lautsprecher uns weismachen wollen. Warum aber halten sich diese Klischees so hartnäckig? Von Amerikanern, denen die Umwelt schnuppe ist, die dem freien Markt huldigen und der Ellenbogengesellschaft. Die fromm und konservativ sind bis auf die Knochen - und gleichzeitig Waffen horten. Von fortschrittlichen Europäern, die in Wohlfahrtstaaten leben, grüne Energie fördern, ihren Kindern die beste Bildung angedeihen lassen.

Schlange vor einer Suppenküche in Harlem: Afroamerikanische Unterschicht
REUTERS

Schlange vor einer Suppenküche in Harlem: Afroamerikanische Unterschicht

Ein nüchterner Blick auf die Zahlen von beiden Kontinenten zeigt, wie man diese Klischees betrachten muss - als Pyramide, die auf der Spitze steht. Als riesiges Missverständnis, das auf den wackligsten Voraussetzungen aufbaut.

Zum einen verlangt die europäische Presse nach diesen aufregenden Skandalgeschichten - und die USA liefern sie nur zu bereitwillig. Die amerikanische Gesellschaft hat sich (noch) nicht daran gewöhnt, dass sie sich immer von der besten Seite zeigen muss. Gibt es eine andere Nation, die ihre schmutzige Wäsche so ungeniert in aller Öffentlichkeit wäscht?

Wenn man einmal die britischen Boulevardblätter außen vor lässt: Wo sonst werden die Schattenseiten so gnadenlos ausgeleuchtet? Die Klischeeverbreiter freuen sich jedenfalls über die nervtötenden Reiseberichte europäischer Intellektueller à la Lévy oder Baudrillard, die sich in den USA über irgendwelche Hinterwäldler wundern - und dann zu Hause von der Überlegenheit der eigenen Kultur faseln.

Andererseits pflegen die verschiedenen europäischen Kulturen auch ihre eigenen nationalen Binsenweisheiten mit großer Hingabe und quetschen noch das letzte bisschen an Skandal und Sensation aus ihnen heraus. Wer könnte beispielsweise je Edith Cresson vergessen, Premierministerin unter Mitterand, die im Brustton der Überzeugung erklärte, ein wahrer Franzose könne niemals schwul sein, während England die Heimat der Homosexuellen sei. Oder der unverrückbare Glaube der sonst politisch so korrekten Europäer, dass alle vom Volk der Roma zwielichtige Diebe seien.

Einen transatlantischen Prügelknaben zu haben, kann also sehr nützlich sein, vor allem dann, wenn man sonst nicht so viel an politischer Eintracht vorweisen kann. Die Betreiber des aktuellen Antiamerikanismus scheinen die Wahrheit wiederentdeckt zu haben, dass nichts so verbindend wirkt wie ein gemeinsamer Feind. Und die Regierung Bush hat sich allergrößte Mühe gegeben, solche Karikaturen gleich serienweise zu liefern.

Es wird höchst interessant zu beobachten, wie die Europäer auf Obama reagieren, wenn er zum ersten Mal etwas tut, das ihnen nicht in den Kram passt. Bush ließ sich trefflich als der ignorante Cowboy verunglimpfen. Welches Klischee wird den Europäern wohl einfallen, wenn sie es erst einmal wagen, den neuen Präsidenten verbal zu attackieren?

Aber es gibt tatsächlich auch einen wahren Kern in der Diskussion über die Gegensätze zwischen Alter und Neuer Welt: Was Amerika von Europa deutlich unterscheidet, ist die Existenz einer ethnisch deutlich abgegrenzten Unterschicht. Während andere Neuankömmlinge oder Außenseiter erfolgreich assimiliert wurden, hallt das Echo der Sklaverei bis heute in den Ghettos der schwarzen Bevölkerung wider.

Wenn man etwa die afroamerikanische Unterschicht aus den Kriminalstatistiken herausrechnet, stehen die USA im Vergleich mit den Staaten Europas plötzlich ganz anders da. Bei der Mordrate liegt Amerika sogar hinter der Schweiz, hinter Finnland und Schweden.

Oder Kinderarmut, die in den USA skandalös hoch ist. Wenn man nur die Zahlen für die weiße Bevölkerung nimmt, steht Amerika besser da als Großbritannien und Italien. Dasselbe Bild bei den Pisa-Werten für Weiße: Amerika liegt auf einem Spitzenplatz im europäischen Vergleich - hinter Finnland und den Niederlanden.

Warnsignale für Europa

Diese Argumentation soll nicht als Entschuldigung dafür dienen, dass die USA sich bei der Bewältigung des Rassismus schlimmster Versäumnisse schuldig gemacht hat.

Sie soll jedoch zeigen, dass dieses unbewältigte Erbe der Sklaverei stärker als alles andere dafür sorgt, mehr noch als alle ideologischen und weltanschaulichen Differenzen, dass Amerika und Europa sich erkennbar unterscheiden. Ob die Wahl Barack Obamas in dieser Hinsicht einen Wendepunkt markiert, lässt sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen.

Doch wenn es genau diese besondere Unterschicht ist, die Amerika von Europa unterscheidet, dann sollten die Staaten der EU diesem Umstand besondere Aufmerksamkeit schenken. Denn in dieser Hinsicht verändern sich ihre Gesellschaften schnell - zu einem Abbild amerikanischer Verhältnisse. Die Geburtenrate in Europa fällt dramatisch - und gleichzeitig nimmt die Immigration ohne Unterlass zu.

Es ist schon jetzt eine demografische Gewissheit, dass auch in Europa eine Unterschicht heranwächst, die sich ethnisch wie in ihrer Religion vom Rest der Gesellschaft unterscheidet. Vielleicht kommt die EU ja noch mit einem blauen Auge davon. Die Staaten Europas haben ein stabiles soziales Netz gespannt, sie haben ihren Arbeitsmarkt strikten Regeln unterworfen und sorgen via Steuersystem für eine Umverteilung des Wohlstands - in der festen Überzeugung, sie könnten so dafür sorgen, dass alles "in der Familie" bleibt. Und doch besteht gleichzeitig die Gefahr, dass diese Sozialstruktur ausfranst.

Keiner behauptet, dass Amerika wie Schweden ist. Aber Großbritannien, Italien und Frankreich sind eben auch nicht mit dem skandinavischen Musterstaat vergleichbar. Und seit wann steht Schweden eigentlich für ganz Europa? Das wäre genauso, als würde man ausgerechnet den sozial homogenen und liberalen US-Bundesstaat Vermont zum Abbild der gesamten USA erklären. Europa ist mehr als nur der Kontinent - und allemal mehr als nur die Staaten im Norden und Westen. Mit der Aufnahme weiterer Nationen ist es erst vor kurzem wieder ein großes Stück gewachsen.

Diese Neumitglieder sind nicht nur ärmer als die bisherigen Staaten der Union. Wie die Einwanderer aus Asien und Afrika, die nach Europa strömen, sind auch diese Neuankömmlinge religiös, sie haben kein Vertrauen in den Staat, sie gehen nicht enthusiastisch zu den Wahlen, sie sehen nicht ein, wofür sie Steuern zahlen sollen.

Anders gesagt: Vom Standpunkt des alten Europa aus gesehen, erscheinen diese Neumitglieder der Union fast wie Amerikaner. Und in dem Maße, wie Europa wächst, erweist sich die Erklärung, dass die transatlantischen Gegensätze übertrieben empfunden oder dargestellt werden, als immer stichhaltiger.


Übersetzung: Olaf Kanter



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.