Trauer in Österreich Blumen und Kerzen vor Haiders Amtssitz

Flaggen hängen auf Halbmast, Menschen legen Kerzen und Kränze nieder: Nach dem tödlichen Autounfall des österreichischen Rechtspopulisten Jörg Haider sind viele Kärntner geschockt. Nationalistische Politiker anderer Staaten bezeichneten Haider als "Vorbild" und "großen Europäer".


Vor Haiders Amtssitz in Kärnten legten zahlreiche Menschen im Laufe des Tages Blumen und Briefe nieder, zündeten Kerzen an. Trauerbeflaggung wurde im Bundesland angeordnet. Die Kärntner Landesregierung kam am Nachmittag zu einer Trauersitzung zusammen, für Sonntagabend ist ein öffentlicher Gottesdienst für Haider im Klagenfurter Dom angekündigt.

Viele Menschen in Kärnten sind ob des Geschehenen geschockt. Die österreichische Zeitung "Der Standard" veröffentlichte am Abend Stimmen von Kärntner Bürgern: "Mein erster Gedanke war, das darf nicht sein. Ich bin völlig fertig, auch wenn ich Herrn Haider schon seit Jahren nicht mehr meine Stimme gegeben habe. Es ist eine Tragödie für alle hier", wird ein Herr S. zitiert "Politik interessiert mich jetzt nicht mehr", sagt Herr A. und fügt hinzu: "Ich habe vor mein Geschäft ein schwarzes Tuch gehängt und werde heute früher schließen. Haiders Tod muss ich erst einmal verkraften." Für Frau P. ist die Welt "nicht mehr dieselbe".

Haiders Leiche soll obduziert werden, die Ergebnisse werden für den Sonntag erwartet, berichtete die österreichische Nachrichtenagentur APA. Aus der Untersuchung des Autowracks konnten Experten am Samstagabend noch keine Schlüsse ziehen.

Auch rechtsgerichtete Kräfte im Ausland reagierten auf den Tod Haiders: In Belgien bezeichneten Politiker der offen ausländerfeindlichen Flamenpartei Vlaams Belang (VB) Haider als Vorbild und Modell eines modernen, zeitgenössischen, erfolgreichen rechtsnationalen Politikers. Er habe wie kein anderer einer schweigenden Mehrheit in der Bevölkerung eine Stimme verliehen, ließ VB-Vorstandsmitglied Filip Dewinter mitteilen.

"Mit Haider verliert Österreich einen großen Europäer, einen unermüdlichen Kämpfer für das Europa der Völker gegen das zentralistische Europa Brüssels", sagte der Europa-Parlamentarier und Spitzenpolitiker der rechtsgerichteten Lega Nord in Italien, Mario Borghezio. Haider sei ein Politiker gewesen, "der ungerecht von den dummen Dienern des heuchlerischen Antirassismus verleumdet worden ist", zitiert die APA den Politiker.

Haiders Vize im Parteivorsitz, Stefan Petzner, brach mehrfach öffentlich in Tränen aus und sprach von einem Weltuntergang. Haider sei mit ihm am Freitagabend noch bei einer Feier gewesen und habe sich dann auf den Heimweg in die Gemeinde Freistritz gemacht. Dort habe er am Wochenende mit seiner ganzen Familie den 90. Geburtstag seiner Mutter nachfeiern wollen. Haiders Stellvertreter als Landeshauptmann, Gerhard Dörfler, sagte, die Sonne sei in Kärnten "vom Himmel gefallen".

In der Nacht zum Samstag war Haider bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Der österreichische Rechtspopulist wurde 58 Jahre alt. Haider soll, nachdem er ein Auto überholt hatte, ins Schleudern geraten sein, mit seinem Auto gegen einen Betonpfeiler, Verkehrsschilder, eine Hecke und einen Hydranten geprallt und sich mehrfach überschlagen haben, teilte die Polizei mit. Die Spuren des Unfalls zogen sich über rund 150 Meter.

Nach ersten Einschätzungen von Polizisten war Haider mit seinem Wagen deutlich schneller unterwegs als mit den auf der Strecke erlaubten 70 Stundenkilometern. Er sei zum Zeitpunkt des Unfalls angeschnallt gewesen, sagte ein Polizeisprecher. Der medizinische Direktor des Landeskrankenhauses Klagenfurt, Thomas Koperna, sagte, der Politiker habe schwerste Verletzungen erlitten, darunter einen Bruch der Halswirbelsäule. Die Ärzte hätten ihm nicht mehr helfen können.

Bereits im August 1993 hatte Haider einen schweren Autounfall gehabt. Er war damals von der Straße abgekommen, über eine Böschung geflogen und neben Bahngleisen liegengeblieben. Der Wagen erlitt schwere Schäden, Haider kam mit einer kleinen Beule am Kopf davon.

Der Rechtspopulist hatte die Politik in Österreich und auch das Bild des Landes im Ausland in den vergangenen Jahrzehnten entscheidend mitgeprägt. Er galt als gewiefter Taktiker und Stimmungsmacher und provozierte immer wieder mit rechten Äußerungen. Zuletzt hatte er bei der österreichischen Parlamentswahl am 28. September mit seinem BZÖ Erfolge gefeiert: Als Spitzenkandidat holte Haider für seine von der Freiheitlichen Partei (FPÖ) abgespaltene Partei starke Zuwächse und kam auf rund 11 Prozent.

Haider sei ein Politiker mit Begabungen und großen Talenten gewesen, auch wenn er nicht unumstritten gewesen sei, sagte Bundespräsident Heinz Fischer. Bundeskanzler Alfred Gusenbauer von der sozialdemokratischen SPÖ erklärte: "Als langjähriger Landeshauptmann hat Jörg Haider nicht nur die Kärntner Politik entscheidend beeinflusst, sondern auch die gesamte österreichische innenpolitische Landschaft über Jahrzehnte hinweg geprägt."

Haider hinterlässt eine Frau und zwei erwachsene Töchter.

Lesen Sie in Teil 2 bis 7 - die umstrittenen Äußerungen von Jörg Haider:

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