Trauer in Polen "Das Menschliche rangiert vor dem Politischen"

Im Ausland folgten auf den Absturz von Smolensk die üblichen Spekulationen: ein Rückschlag für die polnisch-russischen Beziehungen? Eine Verschwörung? Wer beerbt Kaczynski? Die Polen aber rückten noch enger zusammen - und zeigen, worauf es in einer solchen Krise ankommt.

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Ein Gastbeitrag von Gesine Schwan


Noch immer liegt der Absturz der polnischen Präsidentenmaschine in Smolensk wie ein Alptraum auf Polen, auf Russland, auf uns allen. Auch am vierten Tag, da wir mit diesem Ereignis leben müssen, können wir die menschliche Tragödie kaum fassen. Als sich die Nachricht darüber am Samstag verbreitete, traf sie die Menschen wie ein Schock, aus dem es schwer ist, sich langsam zu befreien.

Die Polen tun auch gut daran, ihrer Trauer Sichtbarkeit und Raum zu geben. Sie haben immer wieder nationale Tragödien verarbeiten müssen und wissen, dass man danach nicht einfach zur Tagesordnung oder zur kühlen politischen Analyse übergehen kann.

Deshalb ist es wichtig, dass wir in Deutschland die polnische - ganz unpolitische - Achtung vor dem Leid unsererseits verstehen und respektieren. Wir können von unseren Nachbarn lernen, dass das Menschliche vor dem Politischen rangiert und dass es gut ist, sich gerade in existentieller Not darauf zu besinnen und zusammenzustehen.

Der Unfall geschah vor dem Hintergrund einer polnisch-russischen Annäherung in der Deutung der gemeinsamen Geschichte. Nichts repräsentiert gegenwärtig die Gräben zwischen beiden Ländern mehr als der Name Katyn und das, was Deutsche gemeinsam mit den Polen den "Hitler-Stalin-Pakt" nennen. Damit, dass Russlands Ministerpräsident Wladimir Putin zunächst am 1. September 2009, sieben Jahrzehnte nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, auf der Westerplatte das polnische Leid anerkannte, das dieser Pakt ausgelöst hat, und nun, nach erneutem jahrelangem Leugnen, auch die russische Verantwortung für die Morde von Katyn übernahm, kam er Polen und dem polnischen Premier Donald Tusk in bemerkenswerten Schritten entgegen.

Einige Tage vor der Katastrophe dokumentierten beide diese Annäherung in einer glücklichen Zeremonie in Katyn. In Deutschland berichteten die Medien davon, aber der Mehrheit unserer Gesellschaft war das symbolische Gewicht dieser Zeremonie wohl kaum bewusst.

Gemeinsame Trauer in Polen und Russland

Präsident Lech Kaczynski wollte diese Annäherung durch seine Reise mit einer offenbar durchaus versöhnlichen Rede bekräftigen. Es war ihm nicht vergönnt. Angesichts der traumatischen Spur, die Katyn im gemeinsamen Gedächtnis der Polen bis heute hinterlassen hat, haben viele befürchtet, dass der Absturz die vorangegangene polnisch-russische Annäherung wieder aus dem Gedächtnis verdrängen und dass sich stattdessen das Trauma vertiefen würde. Auch bestand die Sorge, dass Verschwörungstheorien die mühsam gewonnene Verständigung wieder zunichtemachen und den Graben zwischen Polen und Russland erneut vertiefen würden.

Aber das ist nicht geschehen. Das schreckliche Ereignis, das tiefe Leid über die vielen Opfer hat, wie es scheint, nicht nur die polnische Gesellschaft über politische Teilungen hinweg wieder enger zusammengeführt. Es hat sogar die polnisch-russischen Beziehungen ein wenig von dem gegenseitigen Misstrauen befreit, das bisher einer weiter reichenden Verständigung im Wege stand.

Dieser wunderbare Wandel geschah vor allem, weil die Menschen in beiden Ländern im Gefühl einer aufrichtigen gemeinsamen Trauer zusammenfanden. Aber auch Premier Putin hat offenbar Worte und Gesten gefunden, als er Premier Tusk an der Unfallstelle zur Seite stand, die die Polen von seiner Aufrichtigkeit überzeugten.

Präsident Dmitrij Medwedew hat russische Staatstrauer für das polnische Nachbarvolk ausgerufen. Die Polen und ihre Medien zeigten sich ihrerseits offen für diese überraschende Erfahrung, blieben nicht im Gehäuse des historischen Misstrauens, sondern bekundeten Dankbarkeit. Das russische Fernsehen zeigte als Reaktion auf die Katastrophe zum ersten Mal zur Hauptsendezeit den polnischen Film "Katyn" von Andrzej Wajda, in dem die von Stalin befohlene Ermordung von mehr als 20.000 polnischen Offizieren, Ärzten, Intellektuellen, also der Elite Polens, bewegend dargestellt wird. Der Film erreichte damit ein Publikum von vielleicht 100 Millionen Russen.

Neue Keime der polnisch-russischen Versöhnung

Diesen geradezu sensationellen Schritt kann man in der polnisch-russischen Auseinandersetzung um die Geschichte als einen Meilenstein bezeichnen. Denn damit wurde eine jahrzehntelange, nur kurz unterbrochene Leugnung der sowjetischen Verantwortung für die Morde definitiv aufgehoben mit möglicherweise durchaus unberechenbaren Folgen für die innerrussische Debatte. Angesichts der russischen Mittrauer war dies vielleicht ein Kairos, um zu einer gemeinsamen Deutung der bisher trennenden Geschichte zu kommen. Möglicherweise kann man so der Katastrophe von Smolensk einen tröstlichen Sinn geben.

Nach der Trauer werden Vorbereitungen für die Präsidentenwahlen in Polen beginnen, auch für die Neubesetzung der wichtigen Positionen, die vakant geworden sind. Was dabei im Einzelnen herauskommen wird, darüber gegenwärtig zu spekulieren, erscheint nicht angebracht. Weil das wie Kaffeesatzlesen wäre, aber vor allem aus Achtung vor den Opfern.

Nur so viel ist klar, der neue Staatspräsident muss innerhalb von 60 Tagen gewählt werden. Ein erheblicher politischer Wechsel steht wohl nicht an. Donald Tusk hat trotz seiner tiefen Erschütterung gezeigt, dass die polnische politische Spitze handlungsfähig bleibt. So wie wir ihn in den letzten Jahren kennengelernt haben, wird er versuchen, die neuen Keime der polnisch-russischen Versöhnung zu pflegen. Die von einigen befürchtete Vertiefung der polnischen Märtyrertradition steht nicht an.

Umso mehr sind wir alle aufgerufen, unsererseits der polnischen Opfer inne zu sein, mit unseren Nachbarn zu trauern und die polnische Katastrophe auch als unsere Katastrophe anzunehmen.

insgesamt 844 Beiträge
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Berto v. Klick 10.04.2010
1. große Chance für Polen
Zitat von sysopDer plötzliche Tod von Polens Präsident Lech Kaczynski bedeutet für das Land eine Zäsur. Ende des Jahres 2010 stehen die Wahlen zum nächsten Präsidenten an. Wie wird das Unglück Polens politische Landschaft verändern?
An sich eine traurige Angelegenheit - aber eine große Chance für Polen zu besserer Intgration in die Europäische Gemeinschaft.
Smartone 10.04.2010
2. Herzliches Beileid
Zitat von Berto v. KlickAn sich eine traurige Angelegenheit - aber eine große Chance für Polen zu besserer Intgration in die Europäische Gemeinschaft.
Wie kann man so zynisch sein und als alle Menschen um in der Katastrophe getötete trauern, über umstrittene politische Fragen zu diskutieren. Die Integration von Polen in die EU ist eine interne Angelegenheit von Polen... Herzliches Beileid an das polnische Volk!!!
AlexN, 10.04.2010
3. schlimmer Verdacht
Der Pilot hat eindringliche Nebelwarnungen sowie Vorschläge für Ersatzflughäfen bekommen. Er hat trotzdem vier (!) Landeversuche unternommen. Bei mir drängt sich ein Verdacht auf. Ich glaube, Kaczynski sperrte sich, in Minsk oder in Moskau zu landen, um Lukaschenko oder Putin aus dem Weg zu gehen. Er hat wohl den Piloten angewiesen trotz allem in Smolensk zu landen. Der ganzen Reise ist ohnhein schon ein politisches Hickhack sondergleichen vorausgegangen, da Putin nur Tusk nach Katyn eingeladen hatte, während Kaczynski sich selbst einlud. Vermutlich sind die 130 Opfer der Sturheit dieses Mannes zu verdanken...
Klaschfr 10.04.2010
4. Nachruf
Viele werden es nicht sein, die ihm eine Träne nachweinen - allen internationalen Trauerbekundungen zum Trotz.
Berto v. Klick 10.04.2010
5. politische Bedeutung dieses Flugzeugabsturzes
Zitat von SmartoneWie kann man so zynisch sein und als alle Menschen um in der Katastrophe getötete trauern, über umstrittene politische Fragen zu diskutieren. Die Integration von Polen in die EU ist eine interne Angelegenheit von Polen... Herzliches Beileid an das polnische Volk!!!
Macht Merkel auch, wenn sie den traurigen und sinnlosen Tod von bedauernswerten Bundeswehrsoldaten nutzt, um die fragwürdige Kriegspolitik in Afghanistan politisch zu rechtfertigen.
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