Trauer in Polen "Er ist nicht zu ersetzen"

Sie erklingt nur in historischen Momenten: Vergangene Nacht schlug die Siegesmund-Glocke in Krakau, um den Tod des Papstes zu verkünden. Dort, wo Johannes Paul II. 40 Jahre lang gelebt hatte, versammelten sich Tausende in Kirchen und auf Plätzen. Sie trauerten um den größten Polen aller Zeiten.

Aus Krakau berichtet Alexander Schwabe


Krakau nach der Todesnachricht: Tausende Gläubige beten vor dem Bischofssitz
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Krakau nach der Todesnachricht: Tausende Gläubige beten vor dem Bischofssitz

Krakau - Plötzlich ist wieder Leben in der Stadt. Nur wenige Minuten nachdem der Tod Johannes Pauls II. bekannt gegeben wurde, verlassen die Menschen ihre Häuser. Sie strömen den Kirchen zu, wo des Toten gedacht wird. Viele, die es gegen 22 Uhr zum Wawel zieht, der alten Burg der polnischen Könige in Krakau, halten brennende Kerzen in ihren Händen. Schweigend gehen sie den gepflasterten Fußweg hinauf. Hoch über ihnen schickt das bekannteste Geläut Polens, die Siegmund-Glocke, ihre dumpfen Klänge Unheil kündend in die Stadt hinab. Diese Glocke, benannt nach einem König, ertönt nur zu historisch wichtigen Ereignissen.

Für die Krakauer ist die Nachricht aus Rom ein derart bedeutender Moment, dass viele auf ihrem Weg hinauf zur Kathedrale der Burg stehen bleiben und zum beleuchteten Turm aufblicken, in dem die Glocke schlägt und schlägt. Es ist die Stunde, in der der in ihren Augen größte Pole aller Zeiten das Zeitliche gesegnet hat.

In der Grabeskirche der polnischen Könige sitzen die Menschen eng an eng. Einige kauern tief gebeugt in der Bank, den Kopf tief in ihre Hände gelegt. Vor dem Hochaltar ist ein großes Gemälde aufgebaut. Auf ihm Johannes Paul II., noch in jüngeren Jahren, in weißem Gewand mit purpurnem Umhang - die päpstliche Robe in den polnischen Nationalfarben. Die meisten Gläubigen blicken wie betäubt auf das Gemälde. Die Totenglocke oben im Turm läutet und läutet, doch der für immer Abwesende ist auf diesem Abbild doch anwesend.

Dann setzt die Orgel ein. Es ist kein Trauerlied, das die Gemeinde anstimmt, es ist ein Auferstehungslied: "Der Sieger über Tod, Hölle und Teufel ersteht nach drei Tagen auf." Es ist das Lied, das am Ostersonntag um 6 Uhr zur Frühmesse als allererstes gesungen wird.

An die 20 Priester ziehen ein und scharen sich vorne am Altar um das Gemälde mit dem Papst. Der Hauptzelebrant setzt ein mit den Worten: "Der Vater ist gestorben." Erst danach nennt er ihn den "Heiligen Vater", für den es bei Gott zu danken gelte, "denn durch ihn konnten wir uns selbst entwickeln und unsere Heimat entwickeln".

Trauer: "Er wird in meinem Herzen ewig leben"
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Trauer: "Er wird in meinem Herzen ewig leben"

Der Priester spricht den Gläubigen aus dem Herzen. Die Zwillingsschwestern Dorota und Anna, noch keine Zwanzig, gehen Arm in Arm den Wawel hoch, um für den Toten zu beten. "Der Papst war für uns ein Vater", bestätigen sie die Worte des Predigers in der Kathedrale, "wir sind gekommen, weil wir ihn lieben". Mehr wollen sie nicht sagen, die Trauer unterdrückt ihre Stimmen.

Viele Menschen folgen einer inneren Stimme. "Ich weiß nicht, warum ich hierher komme, ich fühlte einfach, dass es sein muss", sagt eine 60-jährige Frau. Ihr Mann, den Tränen nahe, hat eine Erklärung für seine Anteilnahme: "Der Papst war einer, der die alte Welt verändert hat."

Ein Großvater mit seiner siebenjährigen Enkeltochter ist gegen 23 Uhr in den Straßen Krakaus unterwegs. Das Kind hat nicht geschlafen, gebannt saß es mit Eltern und Großeltern vor dem Fernseher, um die Entwicklung in Rom zu verfolgen. Nach dem Tod des Kirchenoberhaupts um 21.37 Uhr haben sie sich auf den Weg zum Platz vor dem bischöflichen Ordinariat gemacht, wo sich Tausende versammelt haben. "Sie spürt, dass es sehr wichtig ist", sagt der Großvater. Das Mädchen mit den müden, großen Augen schiebt die Mütze aus dem Gesicht und sagt: "Ich glaube an den Papst" - als ob er bereits ins Credo Eingang gefunden habe.

Der Platz vor dem Bischofssitz in der Franciszkanska-Straße zieht in dieser Nacht die meisten Menschen an. In diesem Gebäude lebte Karol Wojtyla 14 Jahre lang als Bischof und Erzbischof von Krakau. Hier übernachtete der Pontifex maximus während seiner Polenbesuche als Gast seines Nachfolgers, Kardinal Macharski. Hier zeigte sich die Volksnähe des Papstes - jetzt will ihm das Volk hier nahe sein. Neben dem Eingang hängt ein Plakat an der Wand: "Gott, nimm uns den Papst nicht weg, wir lieben ihn. Grüße von Deiner Cracovia." "Cracovia" war der Lieblingsverein des Papstes, der in seiner Jugend selbst eine Zeit lang Torwart war. Neben dem Plakat hängt ein blauer Fanschal des Clubs.

Hier an diesem Platz machte es sich der Papst zur Gewohnheit, abends am geöffneten Fenster zu sitzen und mit seinen Landsleuten zu reden. In dem Fenster, aus dem er mit dem Volk auf Du und Du war, steht jetzt ein Kreuz, geschmückt mit einer roten Schlaufe, wie sie Priester um den Hals tragen. Auf den Fensterbänken des gelb getünchten Gebäudes liegen unzählige Blumen, Rosen, Gerbera und Tulpen.

Hier zeigte sich, was die 20-jährige Malgorzata am Papst faszinierte: "Er sprach eine verständliche Sprache, er sprach nicht die Sprache der Bibel, er sprach nicht, wie alte Menschen sprechen." In der Tat: Hier aus dem Fenster der Kurie flachste er mit seinen Besuchern, gab Kalauer und Wortspiele zum Besten. "Wenn sie papiez, papiez (Papst, Papst) skandieren", so spielte er mit der polnischen Sprache, "so stelle ich mir vor, sie rufen mir rhythmisch lupiez, lupiez zu" - was Haarschuppen bedeutet.

Er signalisierte den Leuten, dass er einer von ihnen sei. Er gab ihnen zu erkennen, dass er sie kannte, und dass ihm nichts Menschliches fremd war. Der Papst habe ihn einmal gefragt, wie die Polen seine Wahl zum Kirchenoberhaupt aufgenommen hätten, erzählt Bischof Tadeusz Pieronek. Die Antwort sei ihm nicht recht über die Lippen gekommen, so der Bischof. Der Papst habe ihm eine Hilfsfrage gestellt: "Haben sie getrunken?" Die Antwort fiel kurz aus: "Ja, sie haben getrunken." "Lasst mich schlafen gehen", bat er sie eines Abends am Fenster, "sonst werde ich morgen auf den Wimpern daherkommen" - er bediente sich damit eines Ausdrucks, zu dem Studenten greifen, nachdem sie eine Nacht durchgezecht haben.

Um Mitternacht ist die Marienkirche im Zentrum der Stadt brechend voll. Viele Gläubige stehen vor der Kirche und beten vor einem Bild des Papstes. Blumen liegen davor, Kerzen rücken die Betenden in ein warmes Licht. Ganz vorne kniet eine junge Frau auf dem Boden des Marktplatzes. Sie betet lange, Tränen fließen aus ihren Augen. Was bedeutete ihr der Papst? "Alles", lautet die kurze Antwort. "Er wird in meinem Herzen ewig leben, er ist unsterblich", sagt sie, während sie eine Kerze anzündet. Und noch etwas sagt sie, bevor sie mit ihrer Trauer wieder allein sein möchte: "Er ist nicht zu ersetzen."



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