Trauerfeier in Warschau Polen nimmt Abschied von Präsident Kaczynski

Ein Land trauert: Hunderttausende Polen versammeln sich in Warschau zum Gedenken an ihren Präsidenten Lech Kaczynski. Am Sonntag soll die Beisetzung stattfinden - doch weil auch der Luftraum über Polen gesperrt ist, könnten viele Staatsgäste den Feierlichkeiten fernbleiben.

REUTERS

Hamburg/Warschau - Um genau 8.56 Uhr war am Samstag vor einer Woche ein Flugzeug im westrussischen Smolensk in einen Wald gestürzt und in Flammen aufgegangen. An Bord: der polnische Präsident Lech Kaczynski, seine Frau Maria und 94 weitere Politiker, Geistliche, Militärs und Staatsbeamte - ein wesentlicher Teil der politischen Elite Polens.

Um genau 8.56 Uhr an diesem Samstag gedachte ganz Polen der Opfer der Katastrophe, die das Land so tief bewegt wie zuvor nur der Tod von Papst Johannes Paul II. vor fünf Jahren. Alarmsirenen heulten, Glocken läuteten, Autos hielten mitten auf der Straße. Überall verharrten Menschen im Gebet, viele weinten während der Schweigeminute.

Seit dem frühen Morgen strömten Zehntausende Menschen ins Stadtzentrum von Warschau. Viele trugen Blumen und die rot-weiße Nationalflagge, hielten Plakate mit dem Foto des Präsidenten in die Höhe. Hunderttausende wurden zu den Trauerfeierlichkeiten rund um den Pilsudski-Platz erwartet, bei strahlendem Sonnenschein unter freiem Himmel. Zu Beginn des Gedenkgottesdienstes wurden die Namen aller 96 Opfer der Katastrophe verlesen. Gefasst standen Kaczynskis Zwillingsbruder Jaroslaw und Marta, die Tochter des verunglückten Präsidentenpaares, vor der Bühne, auf der ein Altar aufgebaut war. Dahinter hängen Fotos der Toten. Die Trauernden reichen sich solidarisch die Hände.

Luftraum über Polen weiter gesperrt

Am Nachmittag werden die Särge des Staatsoberhaupts und seiner Gattin in die Johannes-Kathedrale in der Warschauer Altstadt gebracht, wo abends auch ein Trauergottesdienst stattfinden soll. Am Sonntag folgt dann die Beisetzung im Dom der Wawel-Burg in Krakau, der traditionellen Grabstätte der polnischen Könige. Der Wawel ist eines der bedeutendsten nationalen Symbole und war einst politisches und religiöses Zentrum des polnischen Reiches. Der Ort ist als letzte Ruhestätte für Kaczynski umstritten. Kritiker finden, dass der Präsident nicht neben Königen und Nationalhelden beerdigt werden sollte.

Zu den Trauerfeierlichkeiten werden zahlreiche Staatsgäste aus dem Ausland erwartet. Ob sie aber allesamt rechtzeitig eintreffen werden, ist unklar - fast überall in Europa sind die Lufträume wegen der Aschewolke aus einem isländischen Vulkan gesperrt, seit Freitag auch der Luftraum über Polen vollständig. "Die Chance ist gering, dass sich die Lage heute verbessert", sagte am Samstag Grzegorz Hlebowicz, Sprecher der polnischen Flugsicherung.

Die polnische Regierung hatte am Freitag angekündigt, dass die Beisetzung von Kaczynski und seiner Frau Maria trotz Aschewolke wie geplant stattfinden solle. Die Familie habe darum gebeten, die Trauerfeier "unter keinen Umständen" zu verschieben. Ihre Teilnahme zugesagt haben unter anderem Bundeskanzlerin Angela Merkel, US-Präsident Barack Obama und der russische Präsident Dmitri Medwedew.

Walesa: "Bin jederzeit bereit"

Ursprünglich sollten am Sonntagmorgen rund 80 Flugzeuge in Krakau landen; angemeldet waren Vertreter von 98 Staaten. Abgesagt hätten bislang Vertreter von acht Staaten, darunter Delegationen aus Indien, Japan, Südkorea, Mexiko, Neuseeland und Pakistan, teilte das polnische Außenministerium am Samstag mit. US-Präsident Obama dagegen will trotz Ascheregen am Staatsbegräbnis teilnehmen: Obama wolle sich am Samstagabend auf den Weg nach Krakau machen, dort am frühen Sonntagnachmittag europäischer Zeit eintreffen und am Montag den Rückflug nach Washington antreten, so das Weiße Haus.

Der frühere polnische Staatspräsident Lech Walesa, 66, hält es für möglich, nach dem tragischen Tod seines Nach-Nachfolgers Lech Kaczynski in die Politik zurückzukehren. "Wenn das Vaterland mich braucht und wenn meine Landsleute das wünschen, dann bin ich jederzeit bereit", sagte er in einem Interview mit der Zeitschrift "Focus". Er selbst werde aber "keine Initiative ergreifen", fügte der Friedensnobelpreisträger hinzu.

jol/dpa/APN/AFP



insgesamt 844 Beiträge
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Berto v. Klick 10.04.2010
1. große Chance für Polen
Zitat von sysopDer plötzliche Tod von Polens Präsident Lech Kaczynski bedeutet für das Land eine Zäsur. Ende des Jahres 2010 stehen die Wahlen zum nächsten Präsidenten an. Wie wird das Unglück Polens politische Landschaft verändern?
An sich eine traurige Angelegenheit - aber eine große Chance für Polen zu besserer Intgration in die Europäische Gemeinschaft.
Smartone 10.04.2010
2. Herzliches Beileid
Zitat von Berto v. KlickAn sich eine traurige Angelegenheit - aber eine große Chance für Polen zu besserer Intgration in die Europäische Gemeinschaft.
Wie kann man so zynisch sein und als alle Menschen um in der Katastrophe getötete trauern, über umstrittene politische Fragen zu diskutieren. Die Integration von Polen in die EU ist eine interne Angelegenheit von Polen... Herzliches Beileid an das polnische Volk!!!
AlexN, 10.04.2010
3. schlimmer Verdacht
Der Pilot hat eindringliche Nebelwarnungen sowie Vorschläge für Ersatzflughäfen bekommen. Er hat trotzdem vier (!) Landeversuche unternommen. Bei mir drängt sich ein Verdacht auf. Ich glaube, Kaczynski sperrte sich, in Minsk oder in Moskau zu landen, um Lukaschenko oder Putin aus dem Weg zu gehen. Er hat wohl den Piloten angewiesen trotz allem in Smolensk zu landen. Der ganzen Reise ist ohnhein schon ein politisches Hickhack sondergleichen vorausgegangen, da Putin nur Tusk nach Katyn eingeladen hatte, während Kaczynski sich selbst einlud. Vermutlich sind die 130 Opfer der Sturheit dieses Mannes zu verdanken...
Klaschfr 10.04.2010
4. Nachruf
Viele werden es nicht sein, die ihm eine Träne nachweinen - allen internationalen Trauerbekundungen zum Trotz.
Berto v. Klick 10.04.2010
5. politische Bedeutung dieses Flugzeugabsturzes
Zitat von SmartoneWie kann man so zynisch sein und als alle Menschen um in der Katastrophe getötete trauern, über umstrittene politische Fragen zu diskutieren. Die Integration von Polen in die EU ist eine interne Angelegenheit von Polen... Herzliches Beileid an das polnische Volk!!!
Macht Merkel auch, wenn sie den traurigen und sinnlosen Tod von bedauernswerten Bundeswehrsoldaten nutzt, um die fragwürdige Kriegspolitik in Afghanistan politisch zu rechtfertigen.
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