Treffen mit Pädophilie-Opfern Benedikt, der Wundenheiler

Der Termin wich vom offiziellen Programm ab: Benedikt XVI. hat sich auf seiner USA-Reise überraschend mit Opfern pädophiler Priester getroffen. Die Botschaft des Papstes: Die Kirche soll sich mehr um das Schicksal der sexuell Missbrauchten kümmern.

Aus Washington berichtet Alexander Schwabe


Washington - Die Pressemitteilung des Vatikan, die am späten Nachmittag (Ortszeit) des gestrigen Donnerstags in Washington für Verblüffung sorgte, war einmal mehr wortkarg und nüchtern: "Heute um 16.15 Uhr ist der Heilige Vater in einer Kapelle der Apostolischen Nuntiatur in Washington D.C. mit einer kleinen Gruppe von Personen zusammengetroffen, die von Mitgliedern des Klerus sexuell missbraucht wurden.

Der Erzbischof von Boston, Kardinal Sean O'Malley, begleitete die Gruppe. Sie beteten mit dem Heiligen Vater, der sich anschließend ihre persönliche Geschichte anhörte und ihnen Worte der Ermutigung und Hoffnung zuteil werden ließ. Seine Heiligkeit versicherte ihnen, für ihren weiteren Weg, für ihre Familien und für alle Opfer sexuellen Missbrauchs zu beten."

Sachlich, knapp - dabei hätte der Vatikan dazu viel mehr sagen können. Denn Papst Benedikt hat einen Schritt getan, zu dem die Kirche lange nicht fähig war und hinter den sie nicht zurück kann. Lange hatte sie verschwiegen, dass Tausende pädophiler Priester in ihren Reihen waren - und sind. Jahrelang waren in US-Diözesen Schweigegelder in Milliardenhöhe geflossen, um den Skandal geheim zu halten. Erst die Medien - angefangen mit dem "Boston Globe" im Jahr 2002 - brachten das ganze Ausmaß der Verbrechen ans Licht. Etwa 5000 Priester haben in den Jahren von 1950 bis 2002 mehr als 13.000 Minderjährige sexuell missbraucht.

Die Kirche büßte mit einem enormen Verlust an Glaubwürdigkeit und mit horrenden Wiedergutmachungszahlungen, einige Diözesen mussten Bankrott anmelden. Joseph Ratzinger hatte als Kardinal und Präfekt der Glaubenskongregation in Rom tiefen Einblick in den Skandal. Viele Fälle der priesterlichen Verfehlungen gingen über seinen Tisch. Als Papst nun ist er unumkehrbar in die Offensive gegangen. Kein Tag bisher während seines US-Besuchs, an dem er nicht auf das für die Kirche beschämende und für die Opfer schreckliche Thema zu sprechen kommt.

Wenige Stunden vor dem Treffen mit den Misshandelten hatte er am Vormittag im Stadion von Washington vor rund 46.000 Gläubigen erneut gezeigt, wie sehr ihm die schweren Entgleisungen innerhalb der Kirche im Magen liegen. In der Mitte seiner Predigt begann er, sein oft verhaspeltes Englisch zu zügeln und sehr klar und langsam zu sprechen. Jetzt war jeder Satz deutlich zu verstehen: "Keines meiner Worte kann den Schmerz und den Schaden beschreiben, den solcher Missbrauch bringt. Es ist wichtig, dass denen, die gelitten haben, liebende, seelsorgerliche Aufmerksamkeit zuteil wird."

Damit hat der Papst nun selbst begonnen. Im Laufe des Abends drang durch, dass sich Benedikt mit fünf Missbrauchsopfern traf, erwachsenen Männern und Frauen. Sie seien 20 bis 25 Minuten zusammen gewesen. Tränen seien geflossen, als die Geschändeten von ihren Geschichten erzählten. Der Erzbischof von Boston habe dem Papst ein Buch mit einer Liste von tausend Missbrauchsopfern seiner Diözese überreicht.

Mit dem Schritt signalisiert das Oberhaupt von mehr als einer Milliarde Katholiken auf der Welt: Das Totschweigen des Missbrauchproblems im Weinberg des Herrn - wie er die Arbeit in der Kirche nennt - muss ein Ende haben. Statt wie bisher häufig Täter zu schützen, gilt es, sich den Opfern zuzuwenden. Tags zuvor hatte er bereits bei einem Treffen mit neun Kardinälen und 360 Bischöfen verlangt: "Wir müssen alles Mögliche tun, um diese Wunde zu heilen."

Barbara Blaine, Vorsitzende des "Netzwerks der vom Missbrauch durch Priester betroffenen Opfer" (Snap) begrüßte gegenüber SPIEGEL ONLINE das Treffen des Papstes mit den Missbrauchten. "Ich bewundere den Mut der Opfer, ihre Geschichte zur Sprache zu bringen, denn es ist unglaublich schmerzhaft, darüber zu reden." Sie hoffe, dass der Papst durch das Treffen zu einem "Wandel seines Herzen inspiriert" werde. Denn Gesten und Symbole reichten nicht aus. "Der Papst muss nun entschieden handeln", forderte Blaine.

Benedikt müsse seine Bischöfe an die Kandare nehmen, sie hätten die Missstände ermöglicht und gedeckt. Blaine forderte, die Bischöfe müssten die Identität der "Raubtier-Priester" preisgeben, damit klar sei, wo sie sich aufhalten und Kinder entsprechend geschützt aufwachsen könnten. Auch religiöse Gemeinschaften und Orden dürften diesen gefährlichen Männern keine Zuflucht bieten. Stattdessen sollten Priester, gegen die Anklage erhoben ist, in diejenigen Länder zurückgeschickt werden, in denen ein Verfahren gegen sie anhängig ist.

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