Tribunal in Den Haag Karadzic boykottiert seinen Kriegsverbrecherprozess

Einer der größten Völkermord-Prozesse am Uno-Balkan-Tribunal beginnt - doch der Angeklagte kam nicht ins Gericht. Der frühere bosnische Serbenführer Radovan Karadzic beklagte sich, er habe zu wenig Zeit gehabt, seine Verteidigung vorzubereiten. Er blieb in seiner Zelle.

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Den Haag - Die Welt schaut auf das Uno-Tribunal Den Haag - doch Radovan Karadzic hat es an diesem Montagmorgen vorgezogen, in seiner Zelle des Untersuchungsgefängnisses zu bleiben. Der frühere bosnischen Serbenführer boykottierte damit den Völkermord-Prozess, der vor dem Uno-Strafgerichtshof in Den Haag gegen ihn eröffnet wurde.

"Ich stelle fest, dass Herr Karadzic nicht anwesend ist", sagte der Vorsitzende Richter O-Gon Kwon. Der Angeklagte habe sich trotz einer dringenden Aufforderung des Gerichtshofes entschieden, nicht an der Eröffnungssitzung teilzunehmen. Der Prozess wurde kurz nach Beginn vertagt, am Dienstag soll er mit der Eröffnungserklärung der Anklage fortgesetzt werden. Es wird erwartet, dass dies rund zwei Tage dauert.

Die deutsche Staatsanwältin Hildegard Uertz-Retzlaff beantragte im Namen der Anklage, dass Karadzic das Recht entzogen wird, sich selbst zu verteidigen. Das Gericht müsse stattdessen einen Pflichtverteidiger für ihn bestellen. Karadzic versuche mit einer Blockadehaltung, den Prozess gegen ihn massiv zu behindern. Dies dürfe nicht hingenommen werden.

Karadzic hatte in der vergangenen Woche erklärt, ihm sei nicht genügend Zeit zur Vorbereitung seiner Verteidigung eingeräumt worden. Richter O-Gon Kwon wies dies als unbegründet zurück.

Karadzic ist wegen Kriegsverbrechen während des Bosnien-Kriegs von 1992 bis 1995 angeklagt. Darunter ist auch das Massaker von Srebrenica, bei dem 1995 etwa 8000 muslimische Männer und Jungen getötet wurden.

Der 64-Jährige bestreitet die Anklagevorwürfe. Der Angeklagte war 2008 nach elfjähriger Flucht verhaftet worden. Während dieser Zeit lebte er als Heilpraktiker unter falschem Namen in Serbien.

Karadzic war im Juli 2008 in Belgrad verhaftet und an den Gerichtshof in Den Haag ausgeliefert worden. Er hatte seitdem Zeit, sich auf den Prozess vorzubereiten.

hen/dpa/Reuters



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Seite 1
semir, 26.10.2009
1.
Zitat von sysopEiner der größten Völkermord-Prozesse am Uno-Balkantribunal beginnt - doch der Angeklagte kam nicht ins Gericht. Der frühere bosnische Serbenführer Radovan Karadzic beklagte sich, er habe zu wenig Zeit gehabt, seine Verteidigung vorzubereiten. Droht ein endloses Ringen um Gerechtigkeit?
Er weiß das er schuldig ist und verurteilt wird.Deswegen baut er schon jetzt an einem neuen serbischen Opfermythos um eine Auseinandersetzung mit dem serbischen Nationalismus während des Krieges und der Gegenwart unter der serbischen Bevölkerung zu verhindern. Es gibt keine Gerechtigkeit, denn seine Eroberungen wurden - zumindest bis jetzt - legitimiert.
SaT 26.10.2009
2.
Zitat von sysopEiner der größten Völkermord-Prozesse am Uno-Balkantribunal beginnt - doch der Angeklagte kam nicht ins Gericht. Der frühere bosnische Serbenführer Radovan Karadzic beklagte sich, er habe zu wenig Zeit gehabt, seine Verteidigung vorzubereiten. Droht ein endloses Ringen um Gerechtigkeit?
Die Kroaten und Bosniaken hatten in den 90'er auch wenig Zeit ihre Verteidigung vorzubereiten.
spontanous 26.10.2009
3.
Zitat von sysopEiner der größten Völkermord-Prozesse am Uno-Balkantribunal beginnt - doch der Angeklagte kam nicht ins Gericht. Der frühere bosnische Serbenführer Radovan Karadzic beklagte sich, er habe zu wenig Zeit gehabt, seine Verteidigung vorzubereiten. Droht ein endloses Ringen um Gerechtigkeit?
Man möge ihn verurteilen. Aber wirkliche Gerechtigkeit wird es erst geben, wenn auch die albanischen, kroatischen und bosnisch-muslimischen Verbrechen an serbischen Zivilisten aufgeklärt werden. Solange ein Verbrecher wie z.B. Thaci unter NATO-Schuld Staatsmann spielen darf, wird es nie Gerechtigkeit geben. Gerechtigkeit ist eine Einbahnstrasse!
Daniel Freuers, 26.10.2009
4. Karadzic boykottiert seinen Kriegsverbrecherprozess
"Er blieb in seiner Zelle. " Unglaublich was heute alle so geht...
spontanous 26.10.2009
5.
Zitat von semirEr weiß das er schuldig ist und verurteilt wird.Deswegen baut er schon jetzt an einem neuen serbischen Opfermythos um eine Auseinandersetzung mit dem serbischen Nationalismus während des Krieges und der Gegenwart unter der serbischen Bevölkerung zu verhindern. Es gibt keine Gerechtigkeit, denn seine Eroberungen wurden - zumindest bis jetzt - legitimiert.
[QUOTE=semir;4478944]Deswegen baut er schon jetzt an einem neuen serbischen Opfermythos um eine Auseinandersetzung mit dem serbischen Nationalismus während des Krieges und der Gegenwart unter der serbischen Bevölkerung zu verhindern. QUOTE] Wie wäre es, wenn Sie diese Auseinandersetzung auch mal bei den Albanern (UCK-Banditen, Grossalbanien) oder Kroaten (Ustascha, Operation Oluja) einfordern würden.
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