Trotz Entschuldigung Merkel will Chávez so schnell nicht wiedersehen

Erst beschimpfte er die Kanzlerin, dann folgte die Kehrtwende: Hugo Chávez versuchte sich beim EU-Lateinamerika-Gipfel an einer Charme-Offensive, prahlte mit einer Einladung Merkels und einem gemeinsamen Kuss. Die Kanzlerin gibt sich kühl: Sie will dem Präsidenten so schnell nicht wieder begegnen.


Lima/Bogotá - Trotz der versöhnlichen Begegnung mit Hugo Chávez auf dem EU-Lateinamerika-Gipfel will Bundeskanzlerin Angela Merkel den venezolanischen Präsidenten zunächst nicht wiedertreffen. Nach der Mega-Konferenz mit Vertretern aus 60 Staaten im peruanischen Lima wies sie die Behauptung Chávez' zurück, sie habe ihn nach Deutschland eingeladen.

Seite an Seite beim Gipfel: Chávez und Merkel in Peru
REUTERS

Seite an Seite beim Gipfel: Chávez und Merkel in Peru

Chávez habe ihr in dem kurzen Gespräch über die guten Erinnerungen an seine bisher insgesamt vier Deutschland-Besuche berichtet, sagte Merkel. "Darüber hinaus ist das Gespräch nicht gegangen. Weitergehende Planungen habe ich im Augenblick nicht."

Merkel und Chávez waren sich beim Familienfoto zum Auftakt des Gipfels begegnet. Der venezolanische Präsident entschuldigte sich für seine Attacken während der vergangenen Tage. Er hatte die Kanzlerin in die Nähe Adolf Hitlers gerückt, ihr noch kurz vor seinem Abflug nach Lima jegliche Vernunft abgesprochen und sie ermahnt, sich wie eine Staatsfrau zu benehmen.

Innerhalb von 24 Stunden änderte er seine Meinung. Bei der Begegnung in Lima entschuldigte sich Chávez überraschend für seine Attacken. "Ich habe ihr gesagt: Wenn ich etwas Hartes gesagt habe, vergeben Sie mir. Hier ist meine Hand", beschrieb er die Situation später. Er habe Merkel zur Begrüßung auch geküsst, fügte Chávez hinzu. "Sie hat mich sogar nach Deutschland eingeladen." Im Umfeld Merkels war dagegen von einem Handschlag zur Begrüßung die Rede und die Einladung nach Deutschland wurde umgehend dementiert.

Linkspolitikerin Wagenknecht gibt Chávez Rückendeckung

Ausgelöst worden war die Auseinandersetzung von einem Interview Merkels, in dem sie Chávez das Recht absprach, die Interessen anderer lateinamerikanischer Staaten zu vertreten. Daraufhin sagte Chávez, Merkels CDU gehöre zu "derselben Rechten, die Hitler und den Faschismus unterstützt hat".

Rückendeckung dafür bekam Chávez am Wochenende aus der deutschen Opposition. Die Sprecherin der Kommunistischen Plattform in der Linkspartei, Sahra Wagenknecht, bezeichnete die Äußerung des Präsidenten in der "Welt am Sonntag" als "historisch korrekt".

Chávez habe nicht behauptet, dass Merkel eine "Wiedergängerin" von Adolf Hitler sei. Er habe vielmehr erklärt, "dass die Partei, in der Angela Merkel wirkt, aus einer Partei hervorgegangen ist, die seinerzeit mit den Nazis zumindest indirekt kooperiert hat", sagte Wagenknecht. "Das ist eine historisch zutreffende Darstellung."

Unterstützung Kolumbiens

Merkel führte beim Gipfeltreffen viele bilaterale Gespräche - allesamt länger als das mit Chávez. Mit dem bolivianischen Präsidenten Evo Morales, der wegen der Abspaltungstendenzen einer Provinz unter Druck steht, saß sie eine Stunde zusammen.

Die Armutsbekämpfung und der Klimaschutz wurden zu Schwerpunkten der künftigen Zusammenarbeit zwischen beiden Kontinenten erklärt. Am Ende des Gipfels zog Merkel eine positive Bilanz. Das Treffen sei "sehr nützlich und sehr weiterführend" gewesen. Aus Peru reiste sie weiter nach Kolumbien.

Bei ihrem Besuch in der Hauptstadt Bogotá sicherte sie Präsident Álvaro Uribe die Unterstützung Deutschlands im Kampf gegen Terror und Drogen zu. Sie versprach Hilfe für die Justizbehörden und forderte deutsche Unternehmen zu Investitionen in dem Andenstaat auf. Uribe bedankte sich und versicherte, dass er den Kampf gegen die Guerilla und die Drogenbarone fortsetzen werde. "Wenn wir keine illegalen Drogen hätten in Kolumbien, hätten wir auch keinen Terrorismus", sagte er.

Kolumbien ist nach Brasilien und Peru das dritte von vier Ländern, das Bundeskanzlerin Angela Merkel auf ihrer einwöchigen Lateinamerika-Reise besucht. Anschließend reist sie weiter nach Mexiko.

han/AP

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