Trotz Waffenpause im Libanon Israel will Jagd auf Hisbollah-Chefs fortsetzen

Nach fünf Wochen Krieg scheint der Waffenstillstand im Libanon vorerst zu halten. Tausende Flüchtlinge kehrten heute zurück. Der in Israel immer stärker unter Druck stehende Ministerpräsident Olmert kündigte an, die Armee werde die Jagd auf Hisbollah-Führer fortsetzen und niemanden "um Erlaubnis" bitten.


Jerusalem/Beirut - "Wir werden sie überall und zu jeder Zeit verfolgen, und wir haben nicht vor, irgendjemanden um Erlaubnis dafür zu bitten", sagte Ehud Olmert bei einer Sondersitzung der Knesset über die Jagd auf die Hisbollah-Anführer. "Diese Leute werden von uns keine Ruhe bekommen", sagte Olmert.

Ein Staat wie der Libanon dürfe keine "terroristische Organisation" mehr beherbergen. "Es gibt keinen Staat im Staat mehr." Die libanesische Regierung sei verantwortlich für das, was auf ihrem Territorium geschehe. Israel wird nach den Worten Olmerts keine Angriffe gegen seine Souveränität mehr dulden. Auch nicht die "kleinste Attacke" werde akzeptiert werden, betonte er.

Olmert gab "Unzulänglichkeiten" in der Kriegsführung Israels zu. Dafür trage er die volle Verantwortung. "Wir müssen uns auf allen Ebenen selbst prüfen. Die Gesamt-Verantwortung für diesen Einsatz liegt bei mir, dem Ministerpräsidenten. Ich bitte niemanden darum, sie mit mir zu teilen."

Verteidigungsminister Amir Perez hatte zuvor bereits eine gründliche und breit angelegte Untersuchung aller Ereignisse vor und während des Krieges angekündigt. Der Chef der sozialdemokratischen Arbeitspartei hat wie Olmert so gut wie keine militärische Erfahrung und stand gemeinsam mit dem Regierungschef in der Kritik, die Offensive nicht entschlossen und umsichtig genug geführt zu haben. Vor allem wird gerügt, dass die Armee weder die von der Hisbollah entführten Soldaten befreit noch die Miliz völlig zerschlagen hat. Olmert hatte diese beiden Ziele zu Beginn der Offensive gesetzt.

Der Regierungschef verteidigte das Ergebnis der fünfwöchigen Kämpfe und erklärte, der Einsatz habe sich gelohnt. Die Hisbollah, die tausende Raketen auf Israel abgefeuert habe, könne nicht mehr "als Teil der Achse des Bösen von innerhalb des Libanons aus agieren", sagte er. Dabei benutzte er eine Formulierung von US-Präsident George W. Bush, die dieser auf Staaten wie Iran und Nordkorea gemünzt hatte.

Die Opposition warf Olmert vor, mit dem Krieg sei sein gesamtes Konzept für eine Lösung des Nahost-Konflikts gescheitert. Die Kritik am Ergebnis der Kämpfe gipfelte zuletzt in Rücktrittsforderungen an den Ministerpräsidenten. Olmert hatte die Regierung im Januar von Ariel Scharon übernommen und war erst im März im Amt bestätigt worden.

Wenige Stunden vor der Parlamentsdebatte war die Waffenruhe zwischen Israel und der libanesischen Hisbollah-Miliz in Kraft getreten. Uno-Generalsekretär Kofi Annan erklärte, sie habe im Großen und Ganzen Bestand. An die Kriegsparteien appellierte er, den Waffenstillstand weiter einzuhalten. Kurz nach Einstellung der Feindseligkeiten um 7 Uhr (MESZ) hatten sich Zehntausende libanesische Flüchtlinge auf den Rückweg in ihre bombardierten Heimatorte gemacht.

Israelische Luftwaffe und Artillerie setzten libanesischen Sicherheitskreisen zufolge bis kurz vor Beginn der Waffenpause ihre Angriffe auf den Libanon fort und töteten dabei mindestens 18 Menschen. Dann trat die Waffenruhe in Kraft. Die israelische Armee berichtete, bei Schießereien sei mindestens ein Hisbollah-Kämpfer getötet worden.

Israel und Hisbollah sehen sich als Sieger

"Der Waffenstillstand beginnt, der Kampf ist vorbei." Mit diesen Worten hatte ein hoher israelischer Offizier seinen Soldaten am Morgen über Funk, das Feuer einzustellen. Jedoch blieben Tausende israelische Soldaten im Libanon. Offiziere riefen sie zur Wachsamkeit und zur Kampfbereitschaft auf. Zurückkehrende Soldaten wurden von ihren Kameraden in Nordisrael mit Umarmungen und Handschlag begrüßt.

Die israelische Armee warnte libanesische Flüchtlinge davor, vor einem Eintreffen internationaler Truppen in den umkämpften Süden des Landes zurückzukehren. "Die israelische Armee wird die Waffenruhe respektieren, wird aber weiter ihre Truppenverbände und die Bürger Israels schützen", teilten die Streitkräfte mit.

Israel und die Hisbollah beanspruchten unterdessen jeweils beide den Sieg für sich. "Wir haben in diesem Krieg nicht versagt", sagte Innenminister Roni Bar-On. Der Hisbollah seien schwere Schläge versetzt worden. Ihre Fähigkeit, Israel mit Raketen längerer Reichweite angreifen zu können, sei nun gleich Null. Die Hisbollah wiederum feierte auf Flugblättern, die in Beirut verteilt wurden, ihren "göttlichen Sieg" über Israel. Während des Krieges kamen etwa 1100 Libanesen - zumeist Zivilisten - und 156 Israelis - unter ihnen 116 Soldaten - ums Leben. Die israelische Seite beziffert die gegnerischen Verluste mit etwa 530 Toten, die Hisbollah will etwa 80 Kämpfer verloren haben.

Die Waffenruhe ist Teil der Sicherheitsratsresolution 1701. Sie sieht vor, dass jeweils 15 000 libanesische und internationale Soldaten anstelle der Israelis und der Hisbollah in den Südlibanon einrücken.

In der Hafenstadt Tyrus trafen erstmals seit Tagen zwei Uno-Hilfskonvois mit Wasser, Lebensmitteln und Medikamenten ein. Nach Angaben des Internationen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) sind im Libanon insgesamt zwischen 400.000 und 450.000 Flüchtlinge auf Hilfsleistungen angewiesen.

Schwedens Regierung lud 60 Staaten und internationale Organisationen zu einer Geberkonferenz für den Wiederaufbau im Libanon am 31. August ein.

als/dpa/Reuters/AFP/AP

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