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Derbe Attacke gegen Rivalen Warum Trump jetzt in der Klemme steckt

Ukraineaffäre, die scharfe Kritik der Republikaner an seiner Syrienpolitik: Derartig unter Druck flüchtet US-Präsident Trump in die Arme seiner Wähler und beschimpft seinen Rivalen Biden bei einem Auftritt vulgär. Findet er doch wieder einen Ausweg?

Wenn Donald Trump angegriffen wird, zieht es ihn stets an die Basis. Dort holt er sich mit wüsten Ausfällen gegen seine Kritiker den sicheren Applaus seiner treuesten Fans. So auch in Minneapolis, in einer Halle vor 20.000 jubelnden Anhängern.

Die Leute schreien: "Sperrt ihn ein, sperrt ihn ein!" - gemeint ist Hunter Biden, der Sohn von Joe Biden, dem demokratischen Präsidentschaftskandidaten.

Dann kommt Trump: "Die Demokraten sind eine linksradikale Partei geworden", ruft er seinen Anhängern zu. "Joe Biden war nur ein guter Vizepräsident, weil er es verstanden hat, Barack Obamas Arsch zu küssen." Und überhaupt: Die Ukraineaffäre sei ein "Hoax", ein Schwindel. "Das politsche Establishment will mich stoppen. Sie wollen mich aufhalten, weil ich ihm nicht folge, sondern für euch kämpfe."

Ob Trump die wilde Polterei diesmal viel bringen wird, ist fraglich. Der Präsident gerät gleich von zwei Seiten unter wachsenden Druck. Da ist nicht nur das drohende Impeachment-Verfahren mit immer neuen Enthüllungen, sondern auch der zunehmende Unmut bei vielen in seiner eigenen Partei über seine erratische Syrienpolitik.

Beide Themen zusammen ergeben derzeit für Trump eine unangenehme politische Melange. Und die Nerven des Präsidenten liegen offenkundig blank.

Republikaner lassen nicht locker

Sollte Trump gehofft haben, dass die Kritik bei den Republikanern an seiner Entscheidung, US-Soldaten aus dem Norden des Bürgerkriegslandes abzuziehen, bald nachlassen würde, hat er sich getäuscht. Nach dem nun tatsächlich erfolgten Einmarsch türkischer Truppen gewinnt der Unmut eher an Schärfe.

Viele Republikaner sehen sich in ihren Befürchtungen bestätigt, dass der amerikanische Rückzug von der Türkei als Freibrief gesehen wird, gegen die Kurden vorzugehen. Erste Berichte über getötete Kurden sorgen in Washington für Entsetzen.

Die Entscheidung von Trump, die US-Truppen zu verlegen, habe "abscheuliche und vorhersehbare Konsequenzen", klagt die einflussreiche republikanische Abgeordnete Liz Cheney stellvertretend für viele Republikaner. "Es ist unbegreiflich, warum Donald Trump zulässt, dass US-Verbündete abgeschlachtet werden und die Terrorgruppe "Islamischer Staat" wieder erstarken kann."

Kritik auch bei Evangelikalen

Ausgerechnet jetzt, da Trump im Ringen mit den Demokraten dringend auf die Geschlossenheit seiner Partei angewiesen wäre, wächst dort das Unverständnis über den eigenen "Commander-in-Chief".

Sogar einige Vertreter aus dem sonst so treuen Lager der Evangelikalen im Süden des Landes kritisieren Trump. Darunter Mike Huckabee, der Vater von Trumps früherer Pressesprecherin Sarah Sanders. Der einflussreiche Ex-Gouverneur von Arkansas erklärte via Twitter, er stimme sonst eigentlich mit Trump in der Außenpolitik überein. Doch die Kurden im Stich zu lassen, sei ein riesiger Fehler. "Sie waren uns treue Verbündete."

Neues zum Impeachment-Verfahren: Giulianis Kontakte

Derweil entwickeln sich die Dinge auch bei dem drohenden Impeachment-Verfahren für Trump nicht gerade zum Besseren. Die Nachricht, dass am Flughafen Washington-Dulles zwei aus Osteuropa stammende Geschäftsleute von den US-Behörden festgenommen wurden, lässt die ganze Ukraineaffäre noch dubioser erscheinen. Die Männer hatten One-Way-Tickets nach Wien via Frankfurt/Main in der Tasche und sollen kurz zuvor noch mit Trumps Anwalt Rudolph "Rudy" Giuliani im Trump-Hotel in Washington zusammengesessen haben.

Die Geschäftsleute sollen Giuliani bei seinen Privat-Ermittlungen gegen Joe Biden und dessen Sohn Hunter in der Ukraine Kontakte vermittelt haben. Festgenommen wurden sie nun vom FBI, weil sie im Verdacht stehen, illegale Parteispenden organisiert zu haben, unter anderem zugunsten der Trump-Kampagne. Die Ermittlungen gegen die Männer sind noch nicht abgeschlossen, hier drohen möglicherweise neue Enthüllungen.

Schlechte Umfragezahlen für Trump

Zwar stehen die Republikaner in der Ukraineaffäre weiterhin treu zu ihrem Präsidenten. Auch praktisch alle Abgeordneten, die ihn in Sachen Syrien kritisieren, wollen ihn in einem möglichen Impeachment-Verfahren verteidigen. Doch Umfragen signalisieren, dass im Wahlvolk der Unmut über den Präsidenten wächst. Sogar in einer Erhebung bei Trumps Lieblingssender Fox News kletterte die Zahl der Impeachment-Befürworter auf einen Rekordwert. Demnach gaben erstmals 51 Prozent der Befragten an, dass Trump des Amtes enthoben werden sollte. Im Juli waren es nur 42 Prozent.

Das alles muss nicht bedeuten, dass Trump politisch erledigt ist. Aber wenn der Trend nicht bald wieder in die andere Richtung dreht, könnte sich das politische Kalkül mancher republikanischer Mandatsträger im Kongress verändern. Bei der Präsidentenwahl im November 2020 stehen das gesamte Repräsentantenhaus und 23 republikanische Senatssitze zur Wiederwahl. Diese Abgeordneten müssen sich irgendwann entscheiden, ob sie Trump für ihre eigenen Wahlen weiterhin als Zugpferd sehen - oder als Belastung, von der man sich lieber zeitig trennt.

Ein Problem für den Präsidenten

Trump wittert diese Gefahr. Am liebsten wäre ihm sicherlich, er könnte sich aus der derzeitigen Klemme wieder einmal mit einem überraschenden Trick befreien. Sein Anwalt Giuliani raunt in einem TV-Interview über angebliche dubiose Zahlungen an Joe Biden aus der Ukraine, die Rede ist von 900.000 Dollar, die der Demokrat für Lobbyarbeit erhalten haben soll. Konkrete Belege dafür liefert Giuliani dafür bislang allerdings nicht.

Was Trump bräuchte, wäre ein richtiger Erfolg. Zum Beispiel bei den Handelsgesprächen mit China. In Washington sprechen derzeit Mitglieder einer chinesischen Delegation mit US-Vertretern über einen Neustart bei den Verhandlungen. Trump selbst will sich heute mit den Chinesen im Weißen Haus treffen. Eigentlich gelten die Gespräche als festgefahren. Doch - was für eine Überraschung - plötzlich zeigt sich Trump sehr optimistisch.

Schon orakelt er, dass die Verhandlungen mit China "sehr gut" laufen. Originalton Trump: "Es ist richtig gut. Ich glaube, wir kommen wirklich voran."

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