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US-Einsatz gegen Syrien Das Ablenkungsmanöver

Schon oft haben US-Präsidenten Kriege benutzt, damit die Amerikaner weniger auf innenpolitische Problemen schauen. Das hofft auch Donald Trump.

Für US-Präsidenten ist es längst ein vertrautes Ritual, Kriege im Fernsehen zu erklären. Dazu sitzen sie gerne im Oval Office oder stehen in einem Prunksaal des Weißen Hauses, um Patriotenpathos vom Teleprompter zu verlesen. George Bush, Bill Clinton, George W. Bush, Barack Obama: Ihre Rhetorik rechtfertigte Mittel, die sich später oft als zweifelhaft entpuppten.

So auch Donald Trump. Einen ersten US-Raketenangriff gegen Syrien befehligte er voriges Jahr noch von seinem Luxusanwesen in Florida aus, zwischen Steak und Schokotorte. In der Nacht zum Samstag baute er sich nun im Diplomatic Room des Weißen Hauses auf und trug vor, was man ihm aufgeschrieben hatte - steif, stockend, als entziffere er jedes Wort einzeln.

Diese Worte waren die üblichen Entrüstungs- und Entschlossenheitsfloskeln, modifiziert für den aktuellen Anlass, den jüngsten Giftgaseinsatz in Syrien. "Dies sind nicht die Taten eines Menschen", sagte Trump in Anspielung an den Machthaber Baschar al-Assad. "Es sind die Verbrechen eines Monsters."

Ähnlich hatten seine Vorgänger ihre jeweiligen Kriegsgegner verteufelt, um dann eine Barrage von Tomahawks loszujagen, Amerikas Lieblingswaffe für solche Fälle. Doch mehr noch als bei früheren US-Einsätzen scheint die Motivation des Oberbefehlshabers, sein wahrer Beweggrund, diesmal höchst fraglich - und findet sich eher in seinen eskalierenden Problemen zuhause.

Daran ändert nichts, dass sich Großbritannien und Frankreich an dem nächtlichen Militärschlag gegen Syrien beteiligten, er also kein US-Alleingang war. Wie das Weiße Haus berichtet, hat Trump bereits jeweils mit Emmanuel Macron und Theresa May telefoniert. Die drei seien sich einig, dass der Luftangriff erfolgreich verlaufen und als Abschreckung nötig gewesen sei, um einen nochmaligen Gebrauch von Chemiewaffen zu verhindern.

Timing ist alles: Für Trump verbinden sich an diesem Wochenende die geopolitischen und innenpolitischen Krisen zum idealen Publicity-Moment.

Trump entdeckt Gefühle, weil es ihm nützt

"Hier geht es um Menschlichkeit", sagte er in seiner Rede. Angeblich war er, wie vergangenes Jahr schon, tief berührt von den Fotos getöteter Kinder. Doch seine Empörung klingt hohl: In Syrien stirbt die Menschlichkeit seit langem - trotzdem befahl Trump seinen Militärs gerade erst einen kompletten Abzug, was seine tiefe Gleichgültigkeit über die humanitäre Katastrophe dort offenbart. Diese Gleichgültigkeit zeigt sich auch anderswo: 2016, unter Obama, nahmen die USA noch 15.479 syrische Flüchtlinge auf, im ersten Amtsjahr Trumps waren es nur noch 3024 - und in diesem Jahr bisher elf.

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Syrien: Angriff in der Nacht

Foto: Hassan Ammar/ dpa

Trumps demonstriertes Mitgefühl überzeugt also noch weniger als bei seinen Vorgängern, die ebenfalls oft von innenpolitischen Problemen ablenken wollten. Zumal sich für Trump die Krisen daheim gerade überschlagen.

"So in die Ecke getrieben war Trump lange nicht mehr", schreibt Maggie Haberman, Korrespondentin der "New York Times", auf Twitter. Als größte Bedrohung sieht er nach US-Medienberichten weder die Lage in Syrien noch den langen Schatten des Russland-Sonderermittlers Robert Mueller oder das Enthüllungsbuch des früheren FBI-Chefs James Comey, sondern das unerwartete FBI-Kriminalverfahren gegen Trumps Anwalt Michael Cohen, das ihn und seine Berater überrascht und verunsichert haben soll.

Bei einer ersten Gerichtsanhörung, über die sich Trump am Freitag persönlich informieren ließ, kamen dramatische Details ans Licht, die darauf hindeuteten, dass es dabei um viel mehr geht als um Schweigegelder für angebliche Trump-Geliebte.

Cohen steht im Fadenkreuz der New Yorker Staatsanwaltschaft, unabhängig von Mueller, ist aber auch in die Russlandaffäre verwickelt, als mutmaßlicher Kontaktmann Trumps zu Moskau. Trump kritisierte die FBI-Razzia bei Cohen denn auch mit dem selben Schlagwort wie Muellers Ermittlungen: "TOTALE HEXENJAGD!!!"

Trump-Anwalt Michael Cohen: Muss am Montag vor Gericht aussagen

Trump-Anwalt Michael Cohen: Muss am Montag vor Gericht aussagen

Foto: Yana Paskova/ AFP

Später beschimpfte er das gesamte FBI als "Räuber- und Abschaumhöhle" - ein beispielloser Affront eines Präsidenten gegen die obersten US-Fahnder.

Seit Tagen verdichten sich auch die Hinweise, dass Trump gerne Mueller feuern wolle - oder zumindest Vizejustizminister Rod Rosenstein, dem Mueller direkt untersteht, um so die Russland-Ermittlungen zu bremsen oder kaltzustellen. Im Schatten eines internationalen Militäreinsatzes würde ein solcher Schritt, der eine US-Verfassungskrise auslösen könnte, schnell in den Schlagzeilen verblassen - oder Trump zumindest als rundum starken Mann dastehen lassen.

Video: Syrische Flüchtlinge reagieren auf Militärschlag

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"Hätte kein besseres Ergebnis haben können", twitterte Trump über den Syrien-Angriff, als er an diesem Samstag erwachte. "Mission Accomplished!"

Diese Worte standen auch auf einem Banner, vor dem George W. Bush 2003 das Ende des Irakkriegs verkündet hatte - voreilig, wie sich herausstellte.

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