Jan Fleischhauer

Trumps Popularität Der unterschätzte Präsident

Ein Präsident so unbeliebt wie keiner zuvor: Das ist der Trost, an dem sich die Trump-Gegner festhalten. Nur, stimmt das auch? Es gibt Zahlen, die etwas ganz anderes sagen.
Pro-Trump-Demonstration

Pro-Trump-Demonstration

Foto: Aaron P. Bernstein/ AFP

In den vergangenen Tagen machten Videos die Runde, die republikanische Abgeordnete auf Besuch in ihren Wahlbezirken zeigten. Der US-Kongress hatte für eine Woche Pause, viele Politiker trafen zum ersten Mal seit der Wahl wieder auf die Bürger. Man sah in den Filmausschnitten, wie die Abgeordneten von aufgebrachten Menschen bestürmt wurden, die in Sprechchören ihrer Wut auf Trump Luft machten. In einem Kommentar war von einer "landesweiten Protestwelle" die Rede. Endlich, so lautete der Subtext, kommt der Volkszorn bei den richtigen Leuten an.

Trump ist sagenhaft unpopulär, das ist eine Gewissheit, die vielen Menschen derzeit Trost spendet. Dass die Deutschen Trump ablehnen, ist keine große Überraschung. Aber auch in den USA sind die Zustimmungswerte im Keller. Noch nie war ein Präsident kurz nach Amtsübernahme so unbeliebt wie Trump, heißt es. Selbst bei Bill Clinton und George W. Bush, die vom politischen Gegner ebenfalls heftig angefeindet wurden, war die Ablehnung deutlich geringer.

Die schlechten Umfragewerte geben allen Anlass zur Hoffnung, die ein Ende der Trump-Herrschaft herbeisehnen. Im Herbst 2018 stehen die nächsten Wahlen an, die sogenannten Midterm Elections. Die Republikaner müssen sich also beizeiten darüber Gedanken machen, was es für sie bedeutet, wenn sich Trumps Ansehen nicht bessert. Ein historisch einmalig unbeliebter Präsident könnte viele dazu verleiten, sich von ihm loszusagen - so lautet das Kalkül.

Ich habe mir die Beliebtheitswerte genauer angesehen. Es ist Montag, Wochenanfang. Alle, die Trump hassen und nicht schon jetzt schlechte Laune bekommen wollen, sollten an dieser Stelle nicht weiterlesen. Eine andere Wahrheit ist nämlich: Das Stimmungsbild ist keineswegs so negativ, wie es die Trump-Gegner gern hätten.

Die Umfrage, die am häufigsten zitiert wurde, stammt von Gallup. Nur 45 Prozent der Amerikaner, so hatte eine Erhebung des Unternehmens Ende Januar ergeben, seien mit der Arbeit des neuen Präsidenten zufrieden. In einer weiteren Befragung Anfang Februar ist die Zahl derer, die von Trump eine gute Meinung haben, sogar auf 40 Prozent gefallen. Zum Vergleich: Obama lag vier Wochen nach Amtsübernahme bei 64 Prozent.

Aber Gallup ist nur eine besonders prominente Stimme. Das Umfrageinstitut YouGov, das im Auftrag des "Economist" die Stimmung in den USA analysiert, hat für Trump einen Zustimmungswert von 48 Prozent ermittelt. Rasmussen Reports sieht ihn aktuell sogar bei 53 Prozent. Das ist nicht mehr weit von den Werten entfernt, wie sie Ronald Reagan oder Bill Clinton erreichten. Und der Trend spricht nicht gegen Trump, sondern für ihn: Glaubt man dem Umfrageinstitut, das den Präsidenten im Aufwind sieht, dann legte er in den letzten Tagen kontinuierlich zu.

Eine Erklärung für die hohen Abweichungen liegt in der Erhebungsmethode. Bei Telefoninterviews, wie sie Gallup benutzt, schneidet Trump durchwegs schlechter ab als bei den anonymen automatisierten Befragungen, auf die sich YouGov und Rasmussen stützen. Dennoch könnte man sich immer noch damit beruhigen, dass der Umfragekonsens gegen den Präsidenten spricht.

Dann bin ich auf eine Zahl gestoßen, die mir wirklich zu denken gegeben hat, weil sie allem zuwiderläuft, was man nach der Berichterstattung über Trump erwarten sollte. Rasmussen Reports hat die Bürger gefragt, ob das Land auf dem falschen oder aber auf dem richtigen Weg sei. 46 Prozent der Befragten haben geantwortet, dass sich die USA in die richtige Richtung bewege. Das ist ein enorm hoher Wert. Wenn man die Zahlenreihe bis zurück ins Jahr 2009 verfolgt, stellt man fest, dass es unter Obama nicht in einer einzigen Woche solche Zuversicht gab.

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Was die Sache noch erstaunlicher macht: Rasmussen hat seine Umfrage zwischen dem 12. und 16. Februar durchgeführt. Das ist die Woche, in der Trump erst seinen nationalen Sicherheitsberater verlor und dann den Kandidaten für das Arbeitsministerium und in der in allen großen Medien stand, welches Chaos im Weißen Haus herrsche.

Keine historische Analogie wird derzeit mit solcher Wonne durchgespielt wie die zu Watergate. Nixon 1974, das ist die große Parallele. Ein Einbruch bei den Demokraten, um interne Dokumente zu entwenden, diesmal mit den Russen als Handlanger. FBI-Insider, die Hinweise an Journalisten durchstechen. Eine furchtlose Presse, die sich gegen den Mann im Weißen Haus stellt. Eine nervöse Partei, die es mit der Angst bekommt und dem Impeachment den Weg bereitet. So oder so ähnlich geht das Szenario.

Aber wenn die Umfragen stimmen, dann erleben wir nicht Nixon 74, sondern Nixon 69, nach seinem Wahlsieg über den glücklosen Hubert Humphrey. Die Republikaner stehen geschlossen hinter ihrem jetzigen Präsidenten, darin stimmen nahezu alle Umfrageinstitute überein. 84 Prozent der republikanischen Anhänger sagen, dass Trump sie hoffnungsvoll stimme, 72 Prozent erklären, er mache sie stolz. Das sind nicht die Zahlen von jemandem, der kurz davor steht, seine Basis zu verlieren.

Der Wahlforscher Nate Silver hat vor ein paar Tagen auf seiner Seite FiveThirtyEight geschrieben, dass ihn die selektive Auswahl der Umfragewerte an den Wahlkampf erinnere, als viele Sympathisanten der Demokraten nur die Zahlen glaubten, die sie glauben wollten. Man durfte das als Warnung verstehen, den Fehler nicht zu wiederholen. "Trump ist nicht sehr populär", schrieb Silver, "aber er ist auch nicht unpopulärer, als Obama das während der meisten Zeit seiner Präsidentschaft war."

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