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Trumps sexistisches Video Anatomie eines politischen GAUs

Das Schock-Video könnte Donald Trump endgültig die US-Präsidentschaft kosten - die bizarren Hintergründe seiner Enthüllung offenbaren den Sexismus einer ganzen Branche. SPIEGEL ONLINE hat sie rekonstruiert.

Michele Bachmann weiß genau, wie das alles passiert ist. "Die Clinton-Leute mussten das Thema wechseln", glaubt die Ex-Kongressabgeordnete. Also hätten sie das Video "an die Medien lanciert", um diese für ihre Zwecke zu manipulieren.

Bachmann, die ausrangierte Tea-Party-Ikone, spricht aus, was viele denken: Das Schock-Video, das Donald Trump nun endgültig die US-Präsidentschaft kosten könnte und die Republikaner an den Rand des Nervenzusammenbruchs gebracht hat, sei eine politische Verschwörung der Demokraten. "Das war ein vorsätzlicher Akt, absolut", behauptet Bachmann auf CNN - ohne dafür Beweise vorzulegen.

Die Wahrheit ist viel profaner, doch umso faszinierender: Die Aufzeichnung von 2005, auf der Trump prahlt, wie gerne er Frauen sexuell belästigt, kam durch klassische Detektivarbeit ans Licht, beschleunigt von Eifersüchteleien hinter den Kulissen eines TV-Networks. Zugleich offenbart die so späte Enthüllung den Sexismus der Entertainment-Branche - und ihre lange Komplizenschaft mit Trump.

Am Ende grub der sich sein Grab selbst. Auslöser des ultimativen Skandals waren Trumps Beschimpfungen der früheren Miss Universe Alicia Machado und Vorwürfe, er habe Kandidatinnen seiner Reality-Show "The Apprentice" sexuell belästigt.

Da horchte "Access Hollywood" auf, eine TV-Klatschsendung, die sich sonst nur Stars und Starlets widmet. Sie wird von NBC produziert, demselben Sender, auf dem "The Apprentice" lief. Im "Access Hollywood"-Archiv schlummern angeblich Hunderte Trump-Interviews - Restmüll einer täglichen PR-"Synergie" aller NBC-Shows. Ob sich da nicht etwas Relevantes finden ließe? "Jemand erinnerte sich, dass wir da was haben könnten", berichtete ein Insider der Entertainment-Website "The Wrap".

Nach tagelangem Suchen seien die Produktionsassistenten schließlich auf besagtes Video gestoßen - nie gesendete Szenen eines Gastauftritts von Trump in der Soap Opera "Days of our Lives" (ebenfalls NBC). "Access Hollywood"-Moderator Billy Bush begleitete ihn, der Wortwechsel fand im Bus auf dem Weg zum Studio statt.

"Access Hollywood" bereitete anhand des sensationellen Funds sofort einen Bericht vor - der wäre aber erst nach der zweiten TV-Debatte an diesem Sonntag gesendet worden. Grund für die Verzögerung, so die "Washington Post": Angst der NBC-Justiziare, Trump könnte sie verklagen. Billy Bushs nicht minder sexistisches Gepöbel ("tolle Beine!", "dein Girl ist irre geil!") hätten sie obendrein herausgeschnitten, offenbar, um nicht auch ihn zu kompromittieren.

Zufall? Billy Bush, 44, ist der Cousin von Ex-Präsident George W. Bush - sein Vater, der Banker Jonathan Bush, ist der Bruder des früheren US-Präsidenten George Bush - und ein Cousin von Jeb Bush, Trumps Vorwahl-Rivale. Die Bush-Dynastie hat Trump längst als inakzeptabel verurteilt.

Im Mai wurde Billy Bush zu "Today" befördert, die lukrativste, doch von internen Machtkämpfen zerrissene NBC-Frühstücksshow. Auch Bush machte sich dort schnell Feinde - nicht zuletzt, als er den US-Schwimmer Ryan Lochte, der bei den Olympischen Spielen von Rio einen Überfall erfunden hatte, in Schutz nahm.

Irgendjemand wollte nun offenbar nicht nur Trump schaden, sondern auch Bush: Bevor "Access Hollywood" das Video senden konnte, landete es bei NBC News, dem "Today" untersteht - ungeschnitten, samt der abstoßenden Kommentare Bushs, von denen klar war, dass sie ihn um seinen neuen Job bringen könnten.

Mittlerweile arbeiteten also zwei NBC-Abteilungen an der Enthüllung des Videos. Doch dann kam ihnen ein Dritter zuvor - auch das dank eines anonymen Leakers.

Dieser Dritte war David Fahrenthold, ein investigativer Reporter der "Washington Post", der schon mit mehreren Exposés über Trump Furore gemacht hatte - zuletzt über dessen "Wohltätigkeitsstiftung", die demzufolge gar nicht so wohltätig war.

Am Freitagvormittag klingelte Fahrentholds Bürotelefon: Ob er er ein geheimes NBC-Video über Trump sehen wolle? Fahrenthold merkte sofort, wie brisant das Material war. Um 16.01 Uhr twitterte er: "Stand by für Neues von Trump..." Kurz darauf ging sein erster Bericht online. "Access Hollywood" und NBC waren düpiert.

Fahrenthold kennt seine Quelle, will sie aber nicht verraten. Diese sitzt ganz offensichtlich bei NBC und nicht, wie gerne gemutmaßt, im Lager Hillary Clintons.

Was ganz andere Fragen aufwirft. Neben Trump und Bush waren sieben Personen an Bord des Busses, die meisten NBC-Angestellte. Doch in elf Jahren fand keiner der Zeugen, deren Lachen zu hören ist, den Dialog meldenswert - er passte wohl zum Alltag der Entertainment-Medien, die von Männern beherrscht werden, die Frauen zu Sexobjekten reduzieren und jahrelang mit Trump unter einer Decke steckten.

Was ruht also sonst noch im NBC-Archiv?

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