PR-Aktion Wie der Tschetschenen-Diktator in Kiel ein Festmahl für Flüchtlinge gab

In russischen Medien lässt sich Tschetschenen-Despot Kadyrow feiern: Er spendierte in Kiel ein Festmahl für Flüchtlinge. Die dortige Stadtverwaltung ist pikiert - und dementiert eine angeblich enge Zusammenarbeit bei der PR-Aktion.
Tschetschenen-Präsident Kadyrow: PR-Aktion in Kiel

Tschetschenen-Präsident Kadyrow: PR-Aktion in Kiel

Foto: MENAHEM KAHANA/ AFP

In Kiel geschieht eher selten etwas, das die Stadt auch über Deutschlands Grenzen hinaus in die Schlagzeilen bringt. Umso ungewöhnlicher ist die Aufmerksamkeit, die russische Medien seit Donnerstag der Hauptstadt von Schleswig-Holstein widmen.

Die staatliche Nachrichtenagentur Ria Nowosti berichtet über Kiel, das beliebte Boulevardportal "Lifenews" tut es, Kiel hat es sogar in die Regierungszeitung "Rossiskaja Gaseta" geschafft.

In den Berichten ist die Rede von einem üppigen Festmahl für 800 Flüchtlinge in einem "der besten Restaurants der Stadt", Ramsan Kadyrow habe es großzügigerweise ausgerichtet, Moskaus berüchtigter Statthalter in der muslimisch geprägten Kaukasus-Republik Tschetschenien.

Tatsächlich hat diese Flüchtlingsspeisung aus Anlass des islamischen Opferfestes stattgefunden. Syrer und Iraker wurden mit Bussen aus der Kieler Flüchtlingsunterkunft abgeholt und in das "Arcadia Eventcenter" gefahren. Dort wartete ein dreistündiges Abendessen auf die Flüchtlinge. Der Besitzer des Restaurants, Cagri Günes, beziffert ihre Zahl auf rund 800. Die Kosten des Essens schätzt er auf 10.000 Euro. Die Flüchtlinge seien "glücklich" gewesen, hätten gelächelt, Fotos und Videos gemacht.

Kadyrow gibt sich als Menschenfreund

"Das Ganze kam für uns sehr spontan", erzählt Günes. Am Dienstag habe ihn ein Freund angesprochen: Tschetscheniens Republikchef würde gern den Flüchtlingen in Deutschland helfen und ein Festessen spendieren. Bei dem Freund handelt es sich um den Boxpromoter Timur Dugazaev.

Der Chef der Hamburger Firma "Terek Box Event" hat einen guten Draht nach Tschetschenien: Im Juli wurde er mit dem Kadyrow-Orden ausgezeichnet. Sein Instagram-Profil  ziert ein Foto, das ihn Arm in Arm mit Kadyrow zeigt. Dugazaev sagt, der Tschetschenen-Präsident selbst habe die Idee gehabt: "Er hat mir gesagt: Lass uns zum Opferfest ein Essen für die Flüchtlinge machen. Wir sind befreundet, er ist ja selber Boxer."

Kadyrow ist allerdings kein selbstloser Wohltäter. In Tschetschenien hat er ein Regime mit Personenkult errichtet. An jeder Straßenecke sind Konterfeis von ihm, seinem Vater Achmat und Russlands Präsident Wladimir Putin zu sehen. Kadyrow regiert mit harter Hand. Menschenrechtler werfen ihm vor, in Folter und Morde verwickelt zu sein.

Viele seiner Gegner hat ein gewaltsamer Tod ereilt: Die Jamadajew-Brüder etwa, politische Konkurrenten, starben in Moskau und Dubai durch Kugeln von Attentätern. Auch im Fall der 2006 getöteten Reporterin Anna Politkowskaja führen viele Spuren nach Tschetschenien.

Russlands Opposition beschuldigt Kadyrow, auch den Mord an dem im Februar erschossenen Oppositionsführer Boris Nemzow in Auftrag gegeben zu haben. Ermittler halten den Tschetschenen Saur Dadajew für den Todesschützen, einen stellvertretenden Kommandeur von Kadyrows Truppen. Kadyrow hat Dadajew nach der Festnahme als "echten Krieger und Patrioten" gelobt.

Mit anderen Worten: Kiel hat die Bühne geboten für die PR-Aktion eines umstrittenen Despoten. Auf seinem Instagram-Account pries Kadyrow auch die angeblich exzellente Zusammenarbeit mit der Kieler Stadtverwaltung. Man habe gemeinsam für den Transport der Flüchtlinge in das Restaurant gesorgt. Im Übrigen wolle er - auch "im Namen der Stadtverwaltung" - herzlich der Achmat-Kadyrow-Stiftung danken.

"Schamlose" PR

Nach Recherchen der angesehenen Moskauer Tageszeitung "Kommersant" steht die Kadyrow-Stiftung im Zentrum eines undurchsichtigen Firmengeflechts, mit dem der Klan des Despoten Teile der Wirtschaft in Tschetschenien kontrolliert. Nach Angaben der Zeitung müssen Staatsbedienstete in der Kaukasus-Republik zehn Prozent ihres Gehalts an die Stiftung überweisen.

"Die Stadt und der Bürgermeister haben Bescheid gewusst", sagt Restaurantbesitzer Günes. Die Kieler Verwaltung stellt das allerdings anders dar: Dort heißt es, ein Vertreter der Stiftung habe überraschend eine Spende von mehr als 100.000 US-Dollar in Aussicht gestellt und die Einladung an die Flüchtlinge ausgesprochen. Die Bitte um eine offizielle Unterstützung von Seiten der Verwaltung habe die Stadt aber ausdrücklich abgelehnt.

Kadyrows Behauptung, Kiel habe eng mit seinen Leuten zusammengearbeitet, sei "frei erfunden" und wird von Stadtrat Gerwin Stöcken zurückgewiesen. Er sei empört, dass die Notlage der Flüchtlinge für politische Zwecke ausgenutzt werde. Das Vorgehen sei "schamlos". Auch sei die von Kadyrow verbreitete Ankündigung falsch, seine Stiftung werde auf dem Gelände der Flüchtlingsunterkunft einen Sport- und einen Kinderspielplatz bauen.

Wie dem auch sei: Freitagabend soll im "Arcadia Eventcenter" ein zweites Festmahl stattfinden.


Zusammenfassung: Tschetschenen-Präsident Kadyrow prahlt mit seinen angeblich guten Kontakten zu deutschen Behörden: In Kiel spendierte Putins Statthalter im Kaukasus für 800 Flüchtlinge ein Festessen. Die Stadtverwaltung findet die PR-Aktion "schamlos".

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