Tschetschenien Geld gewinnt die Schlacht um Grosny

Grosny lebt auf - ein bisschen. Acht Jahre nach dem russischen Einmarsch kommt der Wiederaufbau voran, nur wenige Ruinen künden noch vom Krieg. Doch Moskaus Statthalter Kadyrow regiert mit eiserner Faust. Und tausende Mütter suchen noch immer nach ihren Söhnen.

Aus Grosny berichtet


Grosny - Die Zeugen des Krieges verstecken sich hinter Bauzäunen, Ruinen bröckeln hinter hohen Mauern vor sich hin. In Grosny, der von zwei Kriegen zerstörten Hauptstadt Tschetscheniens, künden nur noch Überreste zerschossener Gebäude von den Schrecken der Vergangenheit. Grosny wächst. Selbst bei Temperaturen von minus sechs Grad Celsius turnen Bauarbeiter über die Gerüste unzähliger Baustellen. Schulen und Krankenhäuser werden errichtet, und in der Innenstadt spiegelt sich die Abendsonne in den Fenstern futuristisch anmutender Wohnhäuser.

Die staatliche tschetschenische Universität zählt heute wieder 16.000 Studenten. Ihre Dozenten bereiten sie auf rund 70 verschiedene Berufe vor. Russische Mobilfunkanbieter erschließen den tschetschenischen Markt. Sie preisen einen Handytarif an, mit dem sich Eltern rund um die Uhr davon überzeugen können, dass ihr Spross wohlauf ist. Die Firmen buhlen um Kunden, die noch vor wenigen Jahren in den Kellern der Trümmerwüsten hausten. Ziviles Leben hält in Grosny Einzug. Endlich.

Die Wende kam nach Putins Rundflug über der Stadt

"Wir müssen der tschetschenischen Bevölkerung binnen eines halben, höchstens eines Jahres beweisen, dass sie mit uns besser lebt", sagte der ehemalige russische Premierminister Sergej Stepaschin bereits im Jahr 2000. "Wenn wir den Frieden nur mit militärischen Mitteln errichten wollen, gibt es für uns im Kaukasus kein logisches Ende." Im Oktober 1999 waren russische Truppen in Tschetschenien eingerückt, die Luftwaffe bombte Grosny sturmreif. Bald kontrollierten Moskaus Truppen die Hauptstadt, doch noch Jahre später ähnelten die zerstörten Straßenzüge dem verheerten Stalingrad.

Die Wende kam mit Wladimir Putin, der im Mai 2004 im Helikopter einen Rundflug über Grosnys Trümmern unternahm. Noch als Premierminister hatte er den russischen Einmarsch in der abtrünnigen Teilrepublik verantwortet und profilierte sich damit an der Heimatfront als Feldherr. Fünf Jahre später zeigte er sich bestürzt. "Es sieht furchtbar aus vom Hubschrauber." Man hatte ihm vorgegaukelt, der Wiederaufbau schreite voran. Prompt begannen nach der Visite die Hilfsgelder aus Moskau zu fließen.

Acht Jahre nach Kriegsbeginn scheint Russland heute im einst so aufsässigen Tschetschenien einen späten Sieg davon getragen zu haben. Nur noch versprengte Guerilla-Trupps widersetzen sich Moskaus Statthalter in der Kaukasusrepublik, Präsident Ramsan Kadyrow. Ihre Zahl wird auf wenige Hundert geschätzt. Kadyrow, auf Russlands Seite gewechselter ehemaliger Rebell, hat sie erfolgreich dezimiert. Viele der ehemaligen Kämpfer dienen heute in seiner Privatarmee. Wen der 31-Jährige nicht auf seine Seite ziehen kann, den machen seine Schwadronen nieder. Die verbliebenen Widerständler haben sich inzwischen in verfeindete Islamisten und Nationalisten gespalten. Die verbesserte Sicherheitslage lässt die Menschen in Grosny aufatmen.

Der Wiederaufbau gelingt in Rekordzeit

Tschetschenische Jungen toben durch den Sportsaal ihrer neuen Schule. "What is your name", fragt Drittklässler Magomed Hunijew keck. "Look, look - schau" ruft der 9-Jährige, schlägt einen Salto und springt in den Spagat. Wera Umalatowa leitet das Vorzeigeprojekt, das im vergangenen September seine Pforten für 1400 Kinder und Jugendliche geöffnet hat. Deutsch und Englisch werden hier schon in den zweiten Klassen unterrichtet. "Die Schule war völlig zerstört. Wir haben gedacht, der Wiederaufbau würde mindestens zehn Jahre dauern", sagt Umalatowa, 55. Die Schule wurde binnen eines Jahres im Eiltempo errichtet. Ihren Schützlingen wünscht die Direktorin vor allem, dass die neue Ruhe Bestand hat. "Wir wollen einfach Frieden - und sei er noch so schwer. Wir alle sind den Krieg leid."

Es ist ein merkwürdiger Aufbruch in Tschetschenien, gespeist von Erschöpfung. Den Wiederaufbau treiben enorme Zuwendungen aus Moskau. Die neue Stabilität fußt auf der Kriegmüdigkeit der Menschen - und auf Angst. Wenige wagen heute noch, in aller Öffentlichkeit Präsident Ramsan Kadyrow zu kritisieren.



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