Tschetschenien Putins zwielichtiger Kraftmeier
Der Auftritt im Kreml passte gar nicht zur gewohnten Erscheinung von Ramsan Kadyrow, 27. Wenige Stunden nach der Ermordung seines Vaters Achmed, 52, des Präsidenten Tschetscheniens, trat er vergangenen Sonntag an der Seite des russischen Präsidenten Wladimir Putin im Kreml vor die Kameras - statt im Anzug, oder wie sonst oft in Uniform, zeigte er sich in einem blauen Sportdress.
Ramsan Kadyrow, von Putin zum stellvertretenden Regierungschef ernannt, ist der neue starke Mann in Tschetschenien - auch wenn Sergej Abramow bald nach der Bluttat zum Übergangspräsidenten bestellt wurde.
Wie einst Saddam Husseins Sohn Kussei die Elitetruppen der Republikanischen Garden befehligte, so steht auch Ramsan einer mehrere Tausend Mann starken Eliteeinheit vor. Wie für die Republikanischen Garden, so ist der Begriff Sicherheitstruppe auch für Ramsans Soldaten eine Beschönigung. Die dem Rebellenführer und früheren tschetschenischen Präsidenten Aslan Maschadow nahe stehende Exilzeitung "Chechen Times" schreibt, die Kommandos seien zu Räuberbanden verkommen, sie raubten, entführten und mordeten - möglicherweise unter direkter Beteiligung ihres obersten Befehlshabers.
Anfang des Jahres berichtete die britische Zeitung "Guardian" von einem 27-jährigen Tankstellengehilfen, der von Ramsan persönlich misshandelt worden sein soll. Nachdem sie ihn drei Tage lang im Keller eines Hauses in der Ortschaft Hosi Yurt verprügelt hatten, sei der Sicherheitschef persönlich in die Zelle getreten, in der drei weitere Männer festgehalten wurden. "Weißt du wer ich bin?", habe Ramsan gefragt.
Boxer und Folterer
Der Befragte, der Ramsan aus dem Fernsehen kannte, bejahte. Daraufhin habe ihm der Präsidentensohn, der sich auch als Boxer versucht, auf den Kopf geschlagen und ihm in den Unterleib getreten. "Sie schlugen mich und brachen mir die Nase", sagte das Opfer weiter. Er sei schließlich frei gekommen, weil seine Familie der Polizei drei AK-47-Gewehre als Lösegeld überbracht habe.
Hosi Yurt ist ein Ort des Schreckens. "Ich hatte schlimme Dinge über den Ort gehört", sagte der Tankstellengehilfe gegenüber dem "Guardian". Kadyrows Sicherheitsdienst verhört dort unliebsame Tschetschenen auf Verbindungen zu antirussischen Rebellen. Oder man hält sie schlicht fest, um von Angehörigen Lösegeld zu erpressen.
Die Methoden sind skrupellos: "Ich habe von Leuten gehört, die dort 40 Tage lang mit Metallstangen geschlagen wurden", sagt der Tankwart, "sie zerschmettern einem auch die Enden der Finger". Regierungssprecher Abdulbek Vakheyev sagte dazu lediglich, Ramsan habe noch nie an Folterungen teilgenommen. Der Gefolterte dagegen sagt: "Wenn ich die Möglichkeit hätte, würde ich Ramsan eigenhändig töten."
Die Schlägertrupps Ramsan Kadyrows, gefürchtet als "Kadyrowzis", haben die Arbeit übernommen, die früher der russische Inlandsgeheimdienst FSB erledigte. "Bisher gab es marodierende russische Einheiten, die in Häuser eindrangen, raubten, vergewaltigten und mordeten, jetzt verlaufen die Säuberungen wie in der Stalinzeit: gezielt und heimlich", sagt Ekkehard Maass von der deutsch-kaukasischen Gesellschaft in Berlin.
Komplott- und Rachetheorien
Fünf Tage nach dem blutigen Anschlag im Dynamo-Stadion in Grosny ist noch immer unklar, wer hinter der Ermordung des Präsidenten steckt. Die Ermittler kommen nicht weiter. Niemand hat sich bisher zu dem Anschlag bekannt.
Nach Angaben des stellvertretenden Innenministers Kadayew hatte der russische Geheimdienst FSB die Tribüne zwei Mal überprüft, so dass die Mine kurz vor Beginn der Gedenkfeier anlässlich des 59. Jahrestags des Sieges über Hitler eingeschmuggelt worden sein muss. In tschetschenischen Zeitungen kursiert die Verschwörungstheorie, ein Komplott zwischen Ramsan und Putin habe Kadyrow und sechs weitere Menschen das Leben gekostet.
Laut "Chechen Times" ist der Statthalter Moskaus zu selbstherrlich geworden, habe seine Begehrlichkeiten zu sehr auf die Öleinkünfte der Republik gerichtet und über Gebühr nach Unabhängigkeit gestrebt. Allein Ramsan soll gewusst haben, wo der Vater im Dynamo-Stadion von Grosny genau Platz nehmen würde. Die tödliche Explosion wurde von einer kleinen Landmine ausgelöst, die direkt unter dem Sitz des Präsidenten angebracht worden war.
Nach Ansicht Ahmed Sakajews, Maschadows Vertreter in Europa, steckt Sulim Jamadaew, ein enger Freund Ramsans, hinter dem Anschlag. In angetrunkenem Zustand hatte er sich vor wenigen Tagen mit Ramsan gestritten. Es kam zu Schüssen, Jamadaew verletzte den Freund am Bein. Aus Freunden seien Feinde geworden. Behandelt wurde Ramsan in einem Moskauer Krankenhaus - weshalb er bereits wenige Stunden nach dem Attentat an der Seite Putins im Kreml auftreten konnte. Aus Furcht vor Rache habe Jamadaew - in Zusammenarbeit mit dem militärischen Geheimdienst GRU den Kopf des Kadyrow-Clans getötet.
Nach Einschätzung der russischen Regierung haben tschetschenische Rebellen den tödlichen Anschlag vom vergangenen Sonntag verübt. Bereits vor zwei Jahren waren am "Tag des Sieges" 43 Menschen bei einem Bombenanschlag in Kaspiisk im benachbarten Dagestan gestorben. Sergej Fridinski, stellvertretender Generalstaatsanwalt in Moskau, vermutet den oder die Täter von Grosny unter früheren Widerstandskämpfern, die Ramsan Kadyrow in seine berüchtigte Sicherheitstruppe aufgenommen hatte.
Putins Tschetschenien-Strategie
Trotz Ramsans miserabler Reputation setzt Russlands Präsident Putin weiter auf die Kadyrow-Schiene. Seine Strategie: Der schmutzige Job, den tschetschenischen Widerstand zu brechen, sollen nun Kadyrows Truppen übernehmen. Das Kalkül: Die russische Bevölkerung toleriert den von ihm begonnenen zweiten Tschetschenienkrieg eher, wenn Tschetschenen von Tschetschenen getötet werden, anstatt von russischen Soldaten - das Prinzip "Teile und Herrsche" gilt auch in Grosny.
Um die Kontinuität seiner Politik zu unterstreichen, entschloss sich Putin diese Woche gar, überraschend nach Grosny zu reisen. Als er in einem Hubschrauber über dem Alltag der tschetschenischen Bevölkerung stand, zeigte er sich erschrocken, wie sehr das Land durch den Krieg ruiniert worden ist. "Es sieht schrecklich aus", sagte Putin und versprach die tschetschenische Polizei um 1125 Mann zu verstärken und Wirtschaftsexperten für den Wiederaufbau in die Region zu entsenden.
Ob sich Putins Strategie auszahlt, scheint fraglich. Seit Ramsan Sicherheitschef in Tschetschenien ist, verging kein Jahr, in dem es nicht zu einem Mordanschlag auf den verhassten Kadyrow-Sohn kam. Dabei wurde er wiederholt verletzt. Auf einer von Rebellen betriebenen Website heißt es, man müsse nicht Nostradamus sein, um das Schicksal Ramsans vorauszusehen. Sollte er am Wahltag im September noch leben, sei das ein großer Erfolg für Moskau. "Es gibt einfach zu viele Menschen in Tschetschenien, die bereit sind, zu sterben, um ihn los zu werden", heißt es weiter. Die Reaktion Ramsans ist nicht weniger brachial. In einem Interview mit der vom früheren Kreml-Berater Gleb Pawlowski gegründeten russischen Internetzeitung "strana.ru" sagte er: "Ich werde diese Banditen und Terroristen zerquetschen."