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21. August 2002, 09:24 Uhr

Tschetschenien

Russischer Hubschrauber vermutlich von Rakete abgeschossen

Der russische Militärhubschrauber, der über Tschetschenien abgestürzt ist, wurde offenbar von einer Luftwehrrakete abgeschossen. Die Ermittler fanden in der Nähe der Absturzstelle die Geschosshülle einer Rakete des Typs "Strela". Mindestens 115 Insassen wurden bei dem Unglück getötet.



Tschetschenien: Russische Soldaten vor der Absturzstelle
AP

Tschetschenien: Russische Soldaten vor der Absturzstelle

Moskau - Die Rakete wurde laut Staatsanwalt Sergej Fridinskidi erst vor kurzer Zeit abgeschossen; der genaue Zeitpunkt wird noch ermittelt. Gefunden wurde inzwischen auch der Flugdatenschreiber der Mi-26. Das Aufzeichnungsgerät wurde zur Auswertung der Daten nach Mosdok gebracht.

Generalstaatsanwalt Wladimir Ustinow hatte zuvor einen Abschuss durch tschetschenische Rebellen als wahrscheinlichste Unglücksursache bezeichnet. Der Pilot der Maschine sagte, er habe vor dem Absturz einen dumpfen Schlag gehört.

Nach dem folgenschweren Absturz des Militärhubschraubers traf Verteidigungsminister Sergej Iwanow erste personelle Konsequenzen. Der beim Heer für die Lufttransporte zuständige Generaloberst Vitali Pawlow wurde bis zum Abschluss der Untersuchungen suspendiert. Pawlow habe gegen Anweisungen verstoßen, wobei es jedoch keinen ursächlichen Zusammenhang mit der Tragödie gebe, sagte Iwanow.

An Bord des Hubschraubers vom Typ Mi-26 waren nach Angaben Iwanows 147 Menschen und damit weit mehr, als für eine Maschine dieses Typs zugelassen. In der Nacht zum Mittwoch erlag ein Soldat seinen Verletzungen, so dass die Zahl der Todesopfer auf 115 stieg. 33 Insassen des Helikopters wurden verletzt.

An Bord waren etwa zur Hälfte Offiziere und einfache Soldaten. Sie sollten vom Militärstützpunkt Mosdok nach Chankala gebracht werden, einer Kaserne in der Nähe der tschetschenischen Hauptstadt Grosny. Die fünf Besatzungsmitglieder überlebten den Absturz. Der Hubschrauber stürzte nach einem Bericht der Zeitung "Iswestija" aus einer Höhe von 200 Metern ab und verfehlte die Rollbahn von Chankala um 300 Meter. Einen Bericht der Zeitung "Kommersant", wonach die Überlebenden beim Verlassen des Wracks in ein Minenfeld geraten seien, wies der stellvertretende Kommandeur der russischen Truppen in Tschetschenien, Oberst Boris Podoprigora, zurück. Präsident Wladimir Putin erklärte den Donnerstag zum nationalen Trauertag.

Der Absturz fällt in eine Zeit verstärkter Angriffe tschetschenischer Separatisten. Es wird vermutet, dass die Rebellen Russland so zur Wiederaufnahme von Friedensverhandlungen zwingen wollen. Nach zwei Kriegen in den Jahren von 1994 bis 1996 sowie seit 1999 haben sich die Kaukasus-Nationalisten zum Guerillakampf in die Berge zurückgezogen.

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