Fluchtwelle aus Tschetschenien "Kadyrow ist ein Sadist"

In Tschetschenien lässt Putins Statthalter Kadyrow Wolkenkratzer und Moscheen bauen, aber so viele Menschen wie nie zuvor fliehen nach Deutschland. Im Interview spricht die Menschenrechtlerin Swetlana Gannuschkina über die Gründe: Folter, Willkür - und ein rätselhaftes Gerücht.
Umstrittener Machthaber Kadyrow (Archivbild): "Sein Regime ist grausam und totalitär"

Umstrittener Machthaber Kadyrow (Archivbild): "Sein Regime ist grausam und totalitär"

Foto: Musa Sadulayev/ AP

SPIEGEL ONLINE: Tschetschenien hat sich überraschend auf Rang eins der deutschen Asylstatistik geschoben, von dort kommen mehr Flüchtlinge nach Deutschland als aus Syrien und Afghanistan zusammen. Mehr als 10.000 sind es bislang allein in diesem Jahr. Woran liegt das?

Gannuschkina: Ihre Frage hat zwei Teile. Erstens: Warum fliehen die Menschen aus Tschetschenien? Zweitens: Warum kommen sie ausgerechnet nach Deutschland? In Tschetschenien haben Gerüchte die Runde gemacht, Deutschland sei bereit, bis zu 40.000 Tschetschenen aufzunehmen. Ich habe im Mai zum ersten Mal von diesen Gerüchten gehört. Da heißt es, Deutschland gebe ein Stück Land und Geld. Von anderen Ländern ist dagegen bekannt, dass sie Tschetschenen häufig abschieben. Bei Norwegen ist das der Fall oder bei Polen, wo die Bedingungen für Flüchtlinge sehr hart sind.

SPIEGEL ONLINE: Also spielen Gerüchte die Schlüsselrolle?

Gannuschkina: Sie spielen eine Rolle. Aber kein Gerücht der Welt vermag eine solche Fluchtwelle auszulösen, ohne dass es dafür Gründe gibt. Wenn in Deutschland auf einmal jemand behauptet, die USA wollten 40.000 Deutsche aufnehmen - würden die Deutschen dann auch massenhaft ihre Koffer packen?

SPIEGEL ONLINE: Wer hat diese Gerüchte in Umlauf gebracht?

Gannuschkina: Möglicherweise Schlepper. Es gehört zu den Eigenschaften des Menschen, zu hoffen, man warte irgendwo auf ihn. Das hat auch mit der Erfahrung aus Sowjetzeiten zu tun. Wer damals im Westen Asyl beantragte, bekam es auch sehr schnell gewährt. Damals schafften es aber natürlich nur sehr wenige außer Landes. Ljudmila Alexejewa zum Beispiel, die russische Menschenrechtlerin, ging in den siebziger Jahren in die USA. Sie hat noch am Flughafen um Asyl gebeten und ein paar Zeilen zur Begründung geschrieben. Sie hat es auf der Stelle bekommen. Viele denken noch heute: Im Westen fühlt man mit uns und erwartet uns.

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Grafische Darstellung: Asylbewerber in Deutschland

Foto: Nikos Arvanitidis/ dpa

SPIEGEL ONLINE: Das Gegenteil scheint der Fall: 92 Prozent der Tschetschenen werden abgeschoben. Die deutschen Behörden fürchten das Einsickern gewaltbereiter Islamisten. "Tschetschenische Terroristen suchen Asyl in Deutschland", schrieb die Zeitung "Die Welt" .

Gannuschkina: Ein Freund, ein ehemaliger deutscher Abgeordneter, hat sich vor Jahren auf meine Bitte hin um eine Familie in Deutschland gekümmert. Die Mutter war in Tschetschenien auf grausame Weise ermordet worden. Ihre Tochter kam mit zwei kleinen Kindern nach Deutschland, aber ohne Mann. Sie hat es zur Ärztin gebracht, sie arbeitet in einer deutschen Klinik. Mein Freund sagt mir heute: "Danke, dass ihr uns solche Bürger schickt." Aber selbst wenn sich Tausende Tschetschenen problemlos integrieren - ein Anschlag wie in Boston reicht aus, und schon fällt ein Schatten auf alle Tschetschenen.

SPIEGEL ONLINE: Wer an Tschetschenien denkt, hatte lange Jahre die zerschossenen Fassaden von Grosny vor Augen. Heute sieht man andere Bilder: In Grosny recken sich Wolkenkratzer in den Himmel, in einem hat Gérard Depardieu eine Wohnung. Wie passt der Wiederaufbau mit der Fluchtwelle zusammen?

Gannuschkina: Auch unter Stalin wurden Parkanlagen angelegt und Hochhäuser gebaut. In Tschetschenien herrscht eine alles verschlingende Angst. Die Tschetschenen fürchten, offen zu sprechen. Sie haben Angst, ein falsches Wort zu viel zu sagen. Und sie haben Angst, ein nötiges Wort nicht zu sagen.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit?

Gannuschkina: Wir haben ein Seminar für Dorflehrer veranstaltet. Ein Schuldirektor lud uns zu sich ein. Es war wie üblich: tschetschenische Gastfreundschaft, Gespräche, Gelächter. Auf einmal fragt ein junger Lehrer betont laut: "Was halten Sie eigentlich von Ramsan Kadyrow?" Er hat selbst geantwortet: "Also ich persönlich finde ihn gut." Er ging davon aus, dass das Haus des Direktors abgehört wird.

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Bauboom in Grosny: Blendend schön

Foto: ? Maxim Shemetov / Reuters/ REUTERS

SPIEGEL ONLINE: Wie ist die Lage der Frauen in Tschetschenien?

Gannuschkina: Ramsan Kadyrow ist für viele in Tschetschenien heute ein Idol: ein starker Mann, der andere zwingt, sich unterzuordnen. Ein Mann, der sich jede Frau nehmen kann. Hübsche junge Frauen müssen damit rechnen, dass jederzeit einer der "Kadyrowzy", der Gefolgsleute Kadyrows, Gefallen an ihr findet. "Nein" kann sie ihm nicht sagen. Das würde sie nicht nur selbst in Gefahr bringen, sondern ihre ganze Familie.

SPIEGEL ONLINE: Viele junge Männer berichten von Folter in tschetschenischen Gefängnissen.

Gannuschkina: Viele werden zu Haftstrafen verurteilt, weil sie Rebellenkämpfern Lebensmittel gekauft haben. Das gilt in Tschetschenien als Beihilfe zum Terrorismus. Aber wie läuft so etwas ab? Die Kämpfer kommen nachts schwerbewaffnet in ein tschetschenisches Haus. Den Sohn schicken sie los, damit er ihnen für 200 Rubel Snickers kauft. Die Eltern und Geschwister behalten sie zurück. Der Sohn gilt damit als Helfer der sogenannten Ungesetzlichen Bewaffneten Formationen. Aber was hätte er denn tun sollen? Und wer einmal die Aufmerksamkeit der Behörden erregt, wird immer wieder verhört und gefoltert, und auch seine Brüder geraten in den Fokus. Viele sind danach traumatisiert, viele haben von der Folter kaputte Nieren. Diese Leute fliehen ins Ausland, um ihr Leben zu retten.

SPIEGEL ONLINE: Was treibt Kadyrow an? Ist er ein Sadist?

Gannuschkina: Ramsan ist seit langem ein Sadist, seit seiner Kindheit. Misshandlungen sind für ihn etwas Normales. Und natürlich umgibt er sich mit Leuten, die so sind wie er selbst. Sein Regime ist grausam und totalitär.

SPIEGEL ONLINE: In Moskau gilt er als einer der einflussreichsten Republikchefs. Wieso lässt der Kreml ihm freie Hand?

Gannuschkina: Moskau interessiert nur, dass Kadyrow weiter beteuert, Tschetschenien bleibe Teil der Russischen Föderation.

Das Interview führte Benjamin Bidder in Moskau

Die Reiserouten der Tschetschenen

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