Tsipras bei Merkel Ein Anfang, mehr nicht

"Wir müssen uns besser verstehen": Beim Treffen in Berlin mühen sich Angela Merkel und Alexis Tsipras, die Schärfe aus dem Schuldenstreit zu nehmen. Doch noch fehlt das Vertrauen, die Verhandlungen bleiben hart.
Ministerpräsident Tsipras, Kanzlerin Merkel: "Gemeinsamer Grund"

Ministerpräsident Tsipras, Kanzlerin Merkel: "Gemeinsamer Grund"

Foto: Stephanie Pilick/ dpa

Berlin - Alexis Tsipras will ein guter Gast sein. Zweimal ist er Angela Merkel am Rande von EU-Gipfeln begegnet, nun hat er gerade mal ein knapp einstündiges Tête-à-tête mit der Kanzlerin hinter sich und behauptet: "Vielleicht haben Sie von draußen ein anderes Bild von unserer Beziehung, aber die ist doch sehr positiv."

Man darf diese Behauptung leicht übertrieben nennen, ohne den beiden zu nahe zu treten. Denn bis es soweit ist, bedarf es wohl noch einiger Stunden der Gemeinsamkeit. Aber immerhin: Der griechische Ministerpräsident und die deutsche Kanzlerin geben sich an diesem Montag redlich Mühe, die Spannungen der vergangenen Wochen abzubauen. "Wir müssen uns besser verstehen", sagt Tsipras und fordert: Schluss mit den Stereotypen. Man müsse einen "gemeinsamen Grund" finden. Merkel betont: "Wir möchten, dass Griechenland wirtschaftlich stark ist."

Doch die versöhnlichen Töne können nicht darüber hinwegtäuschen: Noch fehlt das Vertrauen. Ein Anfang ist gemacht zwischen Merkel und Tsipras mit dessen Antrittsbesuch im Kanzleramt. Mehr aber auch nicht.

Das ist kaum verwunderlich. Das deutsch-griechische Verhältnis hat mächtig gelitten, in einem Streit, in dem es nicht nur um griechische Schulden und die Zukunft der europäischen Währungsunion geht. Die Athener Rufe nach Entschädigungszahlungen für NS-Verbrechen, Drohungen und Warnungen von beiden Seiten und Debatten über echte und gefälschte Mittelfinger haben für schlechte Stimmung gesorgt.

Die miese Atmosphäre erschwert die Verhandlungen in der Sache. Dabei sind die kompliziert genug: Schon am 9. April könnte Athen das Geld ausgehen, Tsipras selbst sandte per Brief einen Hilferuf an Merkel und die Euro-Partner, in dem er vor einer Überforderung seines Landes bei den anstehenden Schuldenrückzahlungen warnte. Die internationalen Geldgeber wollen aber konkrete Reformpläne sehen, bevor sie die verbleibenden 7,2 Milliarden Euro aus dem laufenden Hilfsprogramm freigeben.

"Ich kann nichts zusagen", betont Merkel

Tsipras kommt an diesem Montag nicht mit leeren Händen nach Berlin. Schon im Vorfeld sickerten Details des Maßnahmenkatalogs durch, mit dem er EU-Kommission, Europäische Zentralbank (EZB) und Internationalen Währungsfonds (IWF) überzeugen will. Höhere Steuern, Privatisierungen, Rückzahlungen von Steuersündern, die Rente mit 67 sind einige Punkte, die beim Wahlvolk daheim nicht unbedingt gut ankommen werden. Konkret geht Tsipras auf die Liste nicht ein, verspricht aber Vertragstreue "mit bestimmten Prioritäten" und "umfangreiche Strukturreformen".

Merkel wiederum tut ihrem Gast nicht den Gefallen, mögliche Zugeständnisse auch nur anzudeuten. "Ich kann nichts zusagen, schon gar nicht Liquidität." Nicht einmal ein leises Lob für die jüngsten Bemühungen kommt ihr über die Lippen. Dafür hat sich die griechische Regierung zu viel Zeit gelassen mit ihren Detailvorschlägen.

Tsipras wird es egal sein. Er kann seinen Anhängern schon das Treffen allein als Erfolg verkaufen. Der junge, hemdsärmelige Syriza-Rebell fordert die mächtige Kanzlerin heraus - und das sehr selbstbewusst und auf Augenhöhe. Verbale Abrüstung hin oder her, beim gemeinsamen Auftritt vor der Presse referiert Tsipras länglich, warum er die Hilfsprogrammpolitik der vergangenen Jahre für gescheitert hält.

Und er spricht auch das heikle Thema der Reparationsforderungen offen an. Dabei gehe es nicht in erster Linie um materielle Fragen, sondern um ein "ethisches, moralisches Thema". Aber immerhin, auch hier gibt es Signale der Entspannung. So kassiert Tsipras kurzerhand die jüngst geäußerten Drohungen, deutsches Eigentum in Griechenland zu pfänden: "Das können Sie vergessen."

Tsipras nimmt Merkel in Schutz

Der Ministerpräsident nimmt seine Gastgeberin auch gegen immer wieder aufkommende Nazi-Vergleiche in seiner Heimat in Schutz. Auch seine eigene Parteizeitung hatte eine entsprechende Karikatur gebracht - "das geht so nicht", sagt Tsipras. Und er erwähnt auch das aktuelle SPIEGEL-Cover, auf dem Merkel - allerdings in absichtlich plumper und ironisierender Art - in ein Bild von Wehrmachtsoffizieren 1941 vor der Athener Akropolis montiert wird. Ein ungerechter Angriff sei das, eine Provokation, findet Tsipras. (Zu dem Cover hat sich SPIEGEL-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer bereits hier geäußert.)Nach Wochen des Streits ist so viel Mitgefühl für die andere Seite ungewöhnlich.

Wird an diesem Abend also ein neues Kapitel in den deutsch-griechischen Beziehungen aufgeschlagen? Was die neuen Töne wert sind, werden erst die anstehenden Verhandlungen im Schuldendrama zeigen. In der Sache gibt es bisher keine Bewegung, die Griechen brauchen Geld, aber Merkel will nicht nur Reformlisten sehen, sondern auch Taten. Das wird die Kanzlerin ihrem Gast beim Dinner zu Entenkeule und Brandenburger Gemüse freundlich, aber bestimmt klargemacht haben.

Insofern bleibt von diesem Tag vor allem die banale, deshalb aber nicht weniger bedeutende Erkenntnis: Miteinander reden ist allemal besser als übereinander reden.


Zusammengefasst: Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras war zum offiziellen Antrittbesuch bei Kanzlerin Angela Merkel in Berlin. Nach wochenlangen Spannungen haben beide Seiten versöhnliche Töne angeschlagen. Im Schuldenstreit gibt es bisher jedoch keine Annäherung.

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