Tsipras in Italien Amore für den Syriza-Star

Europa hat ein neues linkes Traumpaar: Griechenlands Premier Tsipras und Italiens Regierungschef Renzi zelebrieren ein Treffen voller Harmonie. Aber warum beteuern sie, dass Europa keine Angst vor ihnen zu haben brauche?
Griechenlands Premier Tsipras (l.), italienischer Amtskollege Renzi

Griechenlands Premier Tsipras (l.), italienischer Amtskollege Renzi

Foto: REMO CASILLI/ REUTERS

Wenn die Reisen des neuen griechischen Premiers Alexis Tsipras quer durch Europa eine Art Polit-Tournee sind, dann erhält der Auftritt in Rom das Prädikat: ausverkauft. Vor dem Pressesaal im feinen Palazzo Chigi, dem Amtssitz des Ministerpräsidenten von Italien, stauen sich Journalisten, so viele sind gekommen, dass ganze Gruppen draußen bleiben müssen.

Drinnen wartet der beste Partner, den sich Tsipras wünschen kann: Matteo Renzi, gleiches Alter, gleiches lockeres Auftreten, gleiches Ziel - ein Ende des strikten Sparkurses in Europa. Renzi wirkt zudem regelrecht beflügelt: Gerade hat er daheim seinen Kandidaten für das Amt des Staatspräsidenten, Sergio Mattarella, geschickt durchgesetzt.

Die beiden 40-Jährigen stehen im Palast vor einem gewaltigen Schlachtgemälde und brennen ein Feuerwerk der Ideen ab, wie Europa und speziell Griechenland aus der Krise kommen. "Es gibt die Möglichkeit für eine Einigung Griechenlands mit den EU-Institutionen", sagt Renzi, und versichert seinem Besucher die "größtmögliche Unterstützung".

"Die Bürger Europas und Europas Gläubiger sollten die neue griechische Regierung nicht fürchten", ergänzt Tsipras.

Renzi souffliert: "Wir alle müssen das Wahlresultat in Griechenland als eine Botschaft der Hoffnung lesen - von einer Generation, die mehr Aufmerksamkeit für die Opfer der Krise verlangt." Und: "Die Welt ruft Europa auf, mehr in Wachstum zu investieren."

Europäer müssten nur Angst haben, wenn diese sinnlose Politik weiterginge - die Schulden weiter aufblähte, sodass sie früher oder später durch neue Schulden ersetzt werden müssten, so Tsipras.

Keinen Schuldenschnitt mehr?

Ironischerweise ist Italien einer der größten Kreditgeber Griechenlands, mehr als 40 Milliarden Euro schuldet Athen Rom. Doch italienische Offizielle versichern: "Wir sind ein Gläubiger, der glaubt, dass der Schuldner nicht erstickt werden darf."

Über 40 Minuten dozieren die beiden jungen Regierungschefs, sie wirken beinahe enttäuscht, als sie von der Bühne gehen müssen. Am Ende überreicht Renzi seinem Besucher, der doch Krawatten meidet, eine edle italienische Krawatte.

"Ich werde sie tragen, wenn wir eine tragfähige Lösung in Griechenland gefunden haben", gelobt Tsipras. Renzi strahlt, er ist ohnehin glänzend gelaunt: "Ich gelte nicht länger als der gefährlichste Linke in Europa", flachst er mit Blick auf Tsipras.

Der spritzige römische Zweier-Auftritt ist ein weiterer Höhepunkt in dieser an Höhepunkten reichen Woche in Europa. Eigentlich hatte Renzi - dessen Land ebenfalls ein gewaltiger Schuldenberg plagt - Kanzlerin Merkel telefonisch zugesichert, er werde keine Anti-Reformallianz mit Tsipras bilden.

Seine Worte im Palazzo Chigi hören sich aber anders an - und könnten die Debatte um den Schuldenstreit mit Athen neu befeuern, in den gerade moderatere Töne einzuziehen schienen. Griechenlands umstrittener Finanzminister Giannis Varoufakis mochte etwa auf einmal nicht mehr das Wort "Schuldenschnitt" verwenden. Der Begriff sei in Deutschland und anderen Gläubigerländern schlicht nicht akzeptabel, erklärte er. Stattdessen präsentierte die Athener Regierung Vorschläge für Umschuldungmaßnahmen.

Treffen mit Juncker

An die Stelle von Griechenland-Bonds, erworben von der Europäischen Zentralbank, sollten Anleihen mit unbegrenzter Laufzeit treten. Zudem wolle Athen gerade reiche Griechen strenger besteuern.

Doch wie soll dies das Problem kurzfristiger Verbindlichkeiten lösen? Allein im vergangenen Jahr hat Athen rund 14 Milliarden Euro in Anleihen bei griechischen Banken, aber auch internationalen Hedgefonds aufgenommen. Erhebliche Summen werden bald fällig.

Wie er sich die nahe und weitere Zukunft vorstellt, muss Premier Tsipras am Mittwoch Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker erläutern. Im Vorfeld bemüht sich Junckers Mannschaft, die Erwartungen an das Treffen mit Tsipras am Mittwochmorgen herunterzuspielen. Erst war von einer Pressekonferenz mit dem Griechen die Rede, dann wurde nur eine Fotogelegenheit daraus.

Juncker warnte persönlich vor übertriebenen Forderungen. "Man wird nicht alles ändern wegen eines Wahlresultats, das einigen gefällt und anderen missfällt", sagte der Luxemburger am Dienstag. Ein hoher EU-Beamter ergänzt: "Es geht erst mal darum, den Griechen ihre Lage klar vor Augen zu führen."

Auch Kanzlerin Angela Merkel gab sich zurückhaltend. "Ich möchte jetzt nicht alles kommentieren", sagte sie am Dienstag über die griechischen Umschuldungsvorschläge. Ihr Finanzminister Wolfgang Schäuble will am Donnerstag seinen griechischen Amtskollegen empfangen.

Renzi und Tsipra werden ihren nächsten gemeinsamen Auftritt am 12. Februar in Brüssel haben, beim EU-Gipfel. Zuvor reist Tsipras nach Paris - vielleicht wird er Frankreichs Präsident Hollande die Mitgliedschaft in Europas exklusivster Boygroup anbieten.

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