Tsipras-Vertraute Dourou "Ein Schuldenschnitt ist unsere einzige Chance"

Sie gilt als enge Vertraute von Syriza-Chef Tsipras. Rena Dourou ist die mächtige Gouverneurin der Region Attika. Hier sagt die Radikallinke, wie die neue Regierung Griechenlands über Schulden verhandeln will.
Gouverneurin Dourou: "Die Austeritätspolitik hat Gesellschaften gefoltert"

Gouverneurin Dourou: "Die Austeritätspolitik hat Gesellschaften gefoltert"

Foto: LOUISA GOULIAMAKI/ AFP

Athen - Sie gilt als eine der engsten Vertrauten von Griechenlands neuem Premier Alexis Tsipras: Rena Dourou, 40, ist die erste radikallinke Gouverneurin der Region Attika, zu der Athen, Piräus und der wirtschaftliche Speckgürtel rund um die Hauptstadt gehören. Etwa vier Millionen Menschen leben hier, rund 40 Prozent der griechischen Bevölkerung, deshalb wird der Verwaltungschef gern "Mini-Premier" genannt.

Die Politikwissenschaftlerin empfängt zum Interview in einem geräumigen Büro mit fantastischem Blick auf die Akropolis, der Schreibtisch ist voller Papiere. "Schauen Sie sich nur um, wir haben keine Geheimnisse", sagt sie.

SPIEGEL ONLINE: Wenn die neue Regierung das Rettungspaket für Griechenland und die europäische Krisenpolitik neu verhandeln will, braucht sie Partner. Auf wen setzen Sie?

Dourou: Um der europäischen Sache willen müssen wir zusammenarbeiten und einen besseren Weg im Kampf gegen die Schuldenkrise finden. Fünf Jahre nach Einsetzen des Rettungspakets für Griechenland und der Sparprogramme in anderen Ländern sind vor allem die Bürger die Opfer. Die Austeritätspolitik hat den Euro nicht stark gemacht, sondern Gesellschaften gefoltert.

SPIEGEL ONLINE: Davon müssen Sie die deutsche Regierung erst noch überzeugen.

Dourou: Wir müssen uns von dem Mythos lösen, dass bei Neuverhandlungen über die Schuldenkrise gleich der Zerfall der Europäischen Union droht. Und wir müssen Schluss machen mit dem Stereotyp einer Gegnerschaft zwischen Deutschland und Griechenland, einer Konkurrenz zwischen Nord und Süd. Wir haben jetzt in Athen zum ersten Mal eine Regierung, die ein echtes Programm für Reformen hat. Wir werden dafür schon Partner finden. Erinnern Sie sich nur daran, dass sogar einige Mitglieder der Christdemokraten unterstrichen haben, dass der Kampf gegen die Schuldenkrise so nicht mehr tragbar ist.

SPIEGEL ONLINE: Will sich die Syriza-Regierung an die Spitze des "Club Med" setzen, in dem die südeuropäischen Länder gegen den Rest für ihre Interessen kämpfen?

Dourou: Unterschiedliche Klubs wie im Süden oder um die Ostsee herum, ein Europa von zwei oder mehr Geschwindigkeiten sind doch das Ergebnis eines Mangels an solider Finanzpolitik in den letzten Jahrzehnten. Wir hatten eine europäische Führung, die viel zu sehr an nationalen Interessen und nicht an gesamteuropäischen orientiert war. Jetzt haben wir die Möglichkeit für einen neuen Weg, der unseren Bürgern hilft, die Krise zu überleben, und die zugleich der EU neue politische Perspektiven eröffnet.

SPIEGEL ONLINE: Was ist, wenn die Neuverhandlungen über ein Rettungspaket und der angestrebte Schuldenschnitt scheitern?

Dourou: Wir machen keine Politik nach dem Motto: "Wenn..., dann...". Und ich vertraue keinem Verhandler, der schon vor Beginn der Gespräche einen Plan B oder C parat hat. Wir reden jetzt über Plan A, und dann sehen wir weiter.

SPIEGEL ONLINE: Wird Griechenland im Euro bleiben, oder können Sie sich ein Szenario vorstellen, in dem die Rückkehr zur Drachme denkbar ist?

Dourou: Ich bin keine Träumerin und hasse Visionen. Und war es nicht der Chef der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, der gesagt hat, es gibt das Thema "Grexit" nicht, also den Ausstieg Griechenlands? Das wünsche ich mir, und dafür kämpfe ich.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind als Gouverneurin der Region Attika die erste Syriza-Politikerin mit Regierungsverantwortung. Was kann Alexis Tsipras mit seiner Mannschaft von Ihnen lernen?

Dourou: Die Herausforderungen für eine nationale Regierung sind natürlich größer, aber wir haben gemeinsame Probleme, zum Beispiel beim Kampf gegen die humanitäre Krise als Folge der Sparmaßnahmen. Wir haben ein Programm "Strom für alle" aufgelegt, das verarmte Haushalte, die ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen konnten, wieder ans elektrische Netz angeschlossen hat. Das haben wir nach einer Änderung unseres Haushaltes mit 2,25 Millionen Euro finanziert. Wir haben Entlassungslisten für die Verwaltung zurückgewiesen oder Streichungen im Schülertransport rückgängig gemacht, von dem 96 Prozent der Schüler in Attika profitierten.

SPIEGEL ONLINE: Das Geld dafür muss ja aber irgendwoher kommen?

Dourou: Wir brauchen einen signifikanten Schuldenschnitt. Das ist die einzige Chance, einen wachstumsorientierten Weg zur Erholung unserer Wirtschaft frei zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Warum will eine radikallinke Partei wie Syriza den Weg ausgerechnet mit einer Partei von fremdenfeindlichen Rechtspopulisten gehen?

Dourou: Mit wem hätten wir denn sonst koalieren sollen? Mit der Partei von Antonis Samaras, in der Mitglieder mit Neofaschisten von der "Goldenen Morgenröte" zusammengearbeitet haben? Wir versprechen nicht wie ein altes Ehepaar, dass wir keine Probleme und Meinungsverschiedenheiten haben. Aber wir haben ein gemeinsames Ziel, zum Wohle der griechischen Wirtschaft und zur Neubestimmung unseres Verhältnisses zu Europa.