Fotostrecke

Trauer in Tucson: Die gespaltene Stadt

Foto: JOHN MOORE/ AFP

Tucson nach dem Anschlag Beten, trauern, hassen

Gebete, Tränen, aber auch Trotz: Amerika blickt entsetzt nach Tucson, Arizona, Barack Obama will bei einem Besuch Versöhnung stiften - aber der Stadt fällt die Trauerarbeit schwer. Der Handel mit Waffen geht weiter, der Chef der örtlichen Tea Party redet sich schon wieder in Rage.

Wenn die Tränen kommen, reckt sie ihr Schild hoch, sie versteckt sich dann beinahe dahinter. Susan Shobe ist ganz nahe an das kleine Mahnmal auf dem Rasen vor dem University Medical Center in Tucson getreten, ihre beiden Kinder schmiegen sich eng an sie. Drinnen im Hospital kämpft die demokratische Kongressabgeordnete Gabrielle Giffords weiter um ihr Leben, noch weiß niemand, ob sie den Kopfschuss ohne Schäden überleben wird, den ihr der Attentäter Jared Lee Loughner am Samstagvormittag zufügte.

Draußen vor dem Rasen trauert Shobe um Giffords, die sie mutig fand, aber auch um den Vater ihres guten Freundes, einer der 20 Menschen, auf die Loughner feuerte. "Denkt an die Opfer", hat Shobe auf ihr Schild geschrieben, die Kinder haben morgens beim Ausmalen der Buchstaben geholfen. "Liebe deinen Nachbarn" steht darunter, selbst wenn man nicht einer Meinung sei. Und: "Stoppt den Hass."

"Wir sind zu einem Mekka des Hasses und der Vorurteile geworden", sagte Tucsons Sheriff Clarence Dupnik kurz nach dem Attentat über das politische Klima in Arizona, der Satz ging um die ganze Welt.

Shobe machte der Satz Angst, und deswegen steht die 38 Jahre alte Hausfrau jetzt pünktlich zum Beginn der nationalen Gedenkminute für die Opfer vor dem Krankenhaus in Tucson.

Kleine Teddybären liegen auf dem Rasen vor ihr, rosa Ballons in Herzform, jemand hat ein Plakat gemalt, auf dem das Friedenszeichen zu sehen ist, daneben ein durchgestrichenes Fadenkreuz. Eine Anspielung auf die Fadenkreuze, mit denen Ex-Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin zum Protest gegen demokratische Unterstützer von Obamas Gesundheitsreform aufgerufen hatte - auch gegen Attentatsopfer Giffords.

Gedenkminute geht unter

Nur: Shobe steht fast alleine da für die Gedenkminute. Zwar umringen sie viele Menschen, doch die allermeisten davon sind Reporter. Sie belauern jeden Besucher an der Gedenkstätte, der kein Kollege ist. Aber es sind ziemlich wenige. Als ein einheimischer Vater seine Tochter im rosa Mantel nach vorne zu den Teddybären schiebt, reckt sich gleich ein Mikrokranz in sein Gesicht.

Für Shobe ist das ein Problem, denn sie will ja ihren Mitbürgern ihr Plakat zeigen, nicht den Journalisten. Für die meisten Reporter ist es eher keins. Es geht ja vor allem um das Motiv, das helle Hospitalgebäude mit Giffords' Krankenbett im Hintergrund. Ein paar Meter hinter Shobe haben sich die Moderatoren der US-Abendnachrichten aufgebaut, die bekanntesten Fernsehgesichter der Nation, von ABC, von CBS, von NBC. Und CNN natürlich. Sie alle wollen dieses Bild in ihrem Rücken, diese Einstellung.

Also bekommt vor dem Hospital auch niemand recht mit, wann die Gedenkminute nun eigentlich beginnt. Die Reporter quatschen weiter, die Kameraleute rufen Anweisungen. Irgendwann muss die Minute wohl vorbei sein, denn die bekannten Fernsehgesichter sind nicht mehr zu sehen, sie sind von ihren Assistentinnen wegeskortiert worden.

Tucson ist zur Kulisse geworden, für eine nationale Debatte über die politische Kultur Amerikas. Doch der Preis könnte hoch sein, es droht danach Symbol zu bleiben. Als Stadt, in der Gewalt statt Argumente zählen, wo Hass stärker ist als Ideen.

Aber der Aufstand der Anständigen gegen ein solches Image lässt sich eher langsam an in der 600.000-Einwohner-Stadt, allen Versuchen von Leuten wie Shobe zum Trotz.

"Er wirkte verrückt"

An den Gedenkstätten, wie der Straßenecke vor Giffords' Wahlkreisbüro, hängen zwar gelbe Schilder, die Frieden, Liebe, Einheit und Respekt anmahnen. Doch auch hier verlieren sich am Montag tagsüber nur einige Dutzend Trauernde.

"Viele Leute müssen diesen Schock erst mal verdauen", mutmaßt Terry Moan, ein pensionierter Umweltwissenschaftler, der bei Giffords' Wahlkämpfen half.

Aber was verdauen? Dass mitten unter ihnen ein Irrer residierte? Jared Lee Loughner, so wird jetzt bekannt, hat schon lange Menschen verstört, etwa als Student am nahen Pima Community College. Sein Mathedozent Ben McGahee berichtet, er habe immer gefürchtet, dass Loughner eine Waffe in den Hörsaal mitbringe, "er wirkte verrückt".

Offensichtlich war er fixiert auf Giffords, Berichten zufolge fühlte sich der 22 Jahre alte Attentäter von ihr bei einem Treffen im Jahr 2007 schlecht behandelt.

Es wäre eine einfache Lösung für Tucson, Loughner zum Dämonen abzustempeln. Leichter jedenfalls als die Debatte, wie ein so gestörter Mann vor einigen Monaten in das Sportsman's Warehouse spazieren konnte und sich eine Waffe kaufen konnte, eine handliche 9-Millimeter-Glock 19.

Der Laden ist weiter offen, mächtige Geweihe hängen an den Wänden der riesigen Einkaufshalle, am "Bragging Wall" nahe dem Eingang können Kunden mit ihren besten Jagdaufnahmen angeben, eine SIG-522 Rifle ist im Angebot, 399 Dollar statt 649. Ein Schild am Ausgang listet auf, welche Waffen man mit 18 Jahren erwerben könne, welche erst mit 21. Doch darüber steht, jeder Kunde solle die Garantie vor dem Kauf sorgfältig studieren, das ist wohl wichtiger.

Die Angestellten am Waffenstand sind gut beschäftigt, sie beraten zwei kaufwillige Pärchen. Fragen wollen sie nicht beantworten. Der Chef hat es verboten.

Obama fliegt nach Arizona

"Wir müssen endlich weniger Waffen haben, nicht mehr", sagt Giffords' einstiger Wahlkampfhelfer Moan. Lange schon kämpft er für schärfere Waffengesetze. Doch er weiß auch, wie mächtig die Waffenlobby in Arizona ist. Erst 2009 hat sie durchgesetzt, dass Bürger nun auch in Bars und Restaurants bewaffnet erscheinen dürfen.

Politikerin Giffords wusste das auch, sie besaß selber eine Waffe - genau das Modell, mit dem Loughner sie fast tötete. "Ich bin eine ziemlich gute Schützin", prahlte sie in einem Interview.

Ob es nun wenigstens zu einer rhetorischen Abrüstung kommen wird, gegen die "Nachlade"-Rhetorik einer Palin? Die Dauerproteste etwa der radikalen Tea-Party-Bewegung gegen moderate Politiker wie Giffords. Die waren so vehement, dass ihr Vater nach der Tat klagte, seine Tochter habe viele Feinde gehabt: "die ganze Tea-Party-Bewegung".

Deren Vertreter will davon nichts wissen. "Wir haben nie zur Gewalt aufgerufen, und der Attentäter hatte nie etwas mit uns zu tun", sagt Trent Humphries, 37, früh ergraut, drei Kinder, ihm gehört ein kleiner Computerladen, seit zwei Jahren ist er aktiv als Mitgründer der Tucson-Tea-Party.

Auch er trauere, sagt Humphries, er habe einige der Opfer gekannt. "Republikaner finden solche Akte genauso schlimm wie Demokraten" steht auf einem Schild vor Giffords' Büro. Aber die pauschalen Verdammungen von Leuten wie Palin, was sollten die nützen, fragt Humphries. Und was sei mit den Hass-Mails, in denen man ihm nun vorhalte, Blut an seinen Händen zu haben. Wie zivil seien die denn?

Humphries redet sich in Rage, es klingt fast, als lade er schon neu nach, zwei Tage nach den Schüssen. Habe nicht auch Obama mal gesagt, beim nächsten Mal bringe er ein Gewehr mit, um mit seinen Gegnern fertig zu werden? "Was wäre denn gewesen, wenn kurz danach jemand bei einer Veranstaltung auf Republikaner geschossen hätte?"

Der Präsident hat sich für Mittwoch in Tucson angekündigt, zu einer Gedenkfeier, vermutlich will er Amerikaner daran erinnern, was Amerika groß und einig gemacht hat. Auch Susan Shobe wird genau zuhören, sie hat die Hoffnung nicht aufgegeben. "Natürlich muss ich glauben, dass es bei uns wieder ziviler zugeht. Sonst wäre ich ja keine Amerikanerin."

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.