Türkische Medienberichte Regierungschef Davutoglu erwägt offenbar Rücktritt

Der Streit zwischen dem türkischen Präsidenten Erdogan und Regierungschef Davutoglu spitzt sich zu. Laut Medienberichten denkt der Ministerpräsident über einen Rücktritt nach.

Erdogan, Davutoglu
Umit Bektas/ REUTERS

Erdogan, Davutoglu


Seit Monaten streiten der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan und Ministerpräsident Ahmet Davutoglu: über die künftige Ausrichtung der Regierungspartei AKP, über die wachsenden Machtansprüche des Staatschefs. Jetzt verschärft sich die Auseinandersetzung zwischen den beiden Spitzenpolitikern: Medienberichten zufolge denkt Davutoglu mittlerweile sogar laut über einen Rücktritt nach.

Eine Entscheidung über seine Zukunft habe er noch nicht getroffen, sagte der Ministerpräsident laut den Zeitungen "Hürriyet" und "Cumhuriyet" nach einem Treffen mit Parteimitgliedern in Ankara. Erdogan und Davutoglu seien unter anderem wegen einer geplanten Verfassungsänderung unterschiedlicher Meinung, die dem Staatschef mehr Macht verleihen würde. Außerdem hatte die AKP kürzlich Davutoglus Einfluss als Parteichef beschnitten.

Nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu hatte Davutoglu am Dienstag bei einer Rede in Ankara gesagt, er werde eher sein "Ego mit Füßen treten", als dem Wohle der Partei zuwiderhandeln.

"Es gibt einen Bruch"

Davutoglu hatte das Amt des Ministerpräsidenten und den Parteivorsitz der islamisch-konservativen AKP von Erdogan übernommen, nachdem dieser im Sommer 2014 vom Volk zum Staatspräsidenten gewählt worden war. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet nun unter Berufung auf Informationen aus Erdogans Umfeld, der Präsident könnte Davutoglu aus dem Amt drängen.

"Erdogan könnte mit Davutoglu weitermachen, aber zurzeit gibt es einen Bruch", zitiert Reuters eine Quelle aus der Umgebung des Staatschefs. Wenn es nicht gelinge, den Streit beizulegen, könne es sein, dass Erdogan einen anderen Ministerpräsidenten benenne.

Laut "Cumhuriyet" werden als mögliche Nachfolger Verkehrsminister Binali Yildirim und der Schwiegersohn Erdogans - Energieminister Berat Albayrak - gehandelt. Wegen der Spannungen knickte der türkische Aktienleitindex zeitweise um 3,5 Prozent ein. Auseinandersetzungen gibt es offenbar auch über den außenpolitischen Kurs der Türkei. Die Flüchtlingsvereinbarung mit der EU, heißt es, habe vor allem Davutoglu vorangetrieben. Am Mittwoch hatte die Kommission in Brüssel in diesem Zusammenhang eine Visafreiheit für türkische Staatsbürger empfohlen.

kev/dpa/Reuters

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