Mächtiges Gülen-Netzwerk Der Pate

Als Gandhi des Islam inszeniert sich der Prediger Fethullah Gülen, auch in Deutschland hat er eine riesige Gemeinde. Nun fordern seine Anhänger den türkischen Premier Erdogan heraus. Der Konflikt offenbart den gefährlichen Einfluss der religiösen Bewegung.
Prediger Gülen: Großer Einfluss aus dem US-Exil

Prediger Gülen: Großer Einfluss aus dem US-Exil

Foto: DPA/ fgulen.com

Sie beteuert, eine zivilgesellschaftliche Bewegung zu sein, wer Gegenteiliges behauptet, wird verklagt oder bedroht: Seit Jahren inszeniert sich die Gemeinde des muslimischen Predigers Fethullah Gülen als lose Initiative, interessiert an Bildung und dem Weltfrieden. In Deutschland betreibt die Gülen-Gemeinde mehr als 300 Schulen, Nachhilfezentren, Medienunternehmen.

Im SPIEGEL zeichneten Aussteiger ein anderes Bild der "Bewegung". Sie beschrieben Gülen, 72, als Paten, der keinen Widerspruch dulde, seine Gemeinde als Sekte wie Scientology. Nun ist die Gülen-Gemeinde in einen erbitterten Machtkampf mit der Regierung des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan verstrickt. Der Konflikt offenbart, was Anhänger des Predigers bislang stets als Verschwörungstheorie abtaten: Dass die Gemeinde eine politische Agenda verfolgt, dass sie Polizei und Justiz in der Türkei unterwandert hat.

Kurz vor Weihnachten verhafteten türkische Sicherheitskräfte mehr als 50 Verdächtige, darunter hochrangige AKP-Mitglieder, Unternehmer und die Söhne dreier Minister. Sie sollen Schmiergeld kassiert und illegale Ölgeschäfte mit Iran eingefädelt haben. Experten interpretieren die Festnahmen als Rache der Gülen-Bewegung an Erdogan.

Gülen hat Millionen Anhänger weltweit

Der Regierungschef hatte im Herbst angekündigt, Nachhilfezentren der Gülen-Bewegung schließen zu lassen. Er wirft Anhängern des Predigers vor, einen "Staat im Staat" geschaffen zu haben. Die Justiz in der Türkei ist notorisch parteiisch. Jahrelang haben laizistische Machthaber sie missbraucht, um Gegner zu beseitigen. Seit einigen Jahren aber hat sich das Kräfteverhältnis verschoben: Heute gehen Beobachter davon aus, dass die Justiz vielfach von Kadern der Gülen-Bewegung kontrolliert wird.

Gülen selbst lebt in den USA, im Bundesstaat Pennsylvania. 1999 ist er aus der Türkei geflohen, die damalige säkulare Regierung warf ihm vor, das Land islamisieren zu wollen. Seine Anhänger unterhalten Schulen, Medienhäuser, Kliniken und eine Bank in 140 Ländern. Lange Zeit waren Erdogan und Gülen Verbündete. Gemeinsam haben sie Militär und Opposition bekämpft. Nach seinem Wahlsieg 2011 aber glaubte Erdogan, nicht länger auf Gülen angewiesen zu sein. Die beiden Lager stritten über den Umgang mit den Kurden. Gülen kritisierte Erdogans Außenpolitik.

Die Drohung des Premiers, die Nachhilfezentren zu schließen, ließ den Konflikt eskalieren. Die Gülen-Bewegung hat Millionen Anhänger weltweit, aber keine Adresse, kein Register. Die Gemeinde operiert im Verborgenen. Fethullah Gülen bestimmt Kurs und Ausrichtung. Vertraute des Predigers, "Brüder", kontrollieren die wichtigsten Unternehmen der Bewegung, darunter "Zaman", die auflagenstärkste Zeitung der Türkei, und Bank Asya, eines der größten Finanzinstitute des Landes.

Loyale Kader

In ihren Schulen und Nachhilfezentren rekrutiert die Cemaat (Gemeinde) neue Anhänger, um sie in Wohngemeinschaften, sogenannten "Lichthäusern", zu entschlossenen Kämpfern ihrer Ideologie auszubilden, zu "Soldaten des Lichts". Sie sollen den Einfluss der Gemeinde ausdehnen und Gülens Vision einer frommen, islamischen Gesellschaft verbreiten: als Manager in einem Unternehmen der Cemaat, als Politiker, Lehrer, Richter. Ein hochrangiger Aussteiger berichtet, zahlreiche türkische Staatsbeamte würden auf Befehl der Gülen-Brüder handeln: "Sie waren unsere Schüler. Wir haben sie ausgebildet und unterstützt. Wenn diese dankbaren Kinder ihr Amt antreten, dienen sie weiterhin Gülen."

Die Loyalität der Gülen-Kader gilt augenscheinlich nicht dem türkischen Premier - oder gar dem Rechtsstaat. Sie gilt Gülen. In Deutschland erfuhr die Gemeinde des dubiosen Predigers bislang trotz allem viel Zuspruch. Politiker loben das Bildungsengagement der Bewegung. Ihre klandestine Struktur, ihr politischer Ehrgeiz, das Brainwashing junger Gläubiger, die Verfolgung von Kritikern - all das wird gerne ausgeblendet.

Noch heute engagieren sich die CDU-Politikerin Rita Süssmuth und Omid Nouripour, sicherheitspolitischer Sprecher der Grünen, in Vereinen der Gülen-Bewegung. In der "Süddeutschen Zeitung" erschien erst vor wenigen Tagen ein erstaunlich positives Porträt Fethullah Gülens. Der Imam wird darin als "wichtigster Prediger der islamischen Moderne" beschrieben. Ausführlich wird Gülens Engagement für Verständigung und Toleranz gewürdigt.

Nicht erwähnt wird der Hintergrund des "SZ"-Autors: Er war selbst Schüler an einer Gülen-Schule und Mitarbeiter der Gülen-freundlichen Tageszeitung "Zaman".