Türkei Deutscher Botschafter einbestellt - zum zweiten Mal in zwei Tagen

Das deutsch-türkische Verhältnis erodiert weiter: Nach SPIEGEL-Informationen hat Ankara den deutschen Botschafter schon wieder einbestellt. Das diplomatische Dauerfeuer hat System.

Deutscher Botschafter in der Türkei, Martin Erdmann
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Deutscher Botschafter in der Türkei, Martin Erdmann

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Diplomatische Standpauken werden für den deutschen Botschafter in Ankara langsam zur Routine. Erst am Samstag musste Martin Erdmann im Außenministerium in Ankara antreten.

Die Türkei hatte ihn förmlich einbestellt - in der diplomatischen Symbolik ein ziemlich deutliches Signal. Bei einer Tasse Tee musste sich Erdmann in amtlicher Funktion den Protest Ankaras anhören und dann nach Berlin kabeln, dass die Türkei eine Kurden-Demonstration in Köln scharf verurteilt.

Am Montagnachmittag nun steht für Erdmann erneut ein Trip ins Ministerium auf dem Programm. Nach SPIEGEL-Informationen hat die Türkei ihn dieses Mal zum Thema Armenien-Resolution des Bundestags einbestellt. Dass er zwei Mal in zwei Tagen zum Rapport muss, ist durchaus ein Novum.

Die Armenien-Resolution ist eine Art Dauerbrenner im deutsch-türkischen Streit: Der Bundestag hatte im Sommer 2016 eine Note verabschiedet, darin wird die Türkei für den Massenmord und die Vertreibung von Armeniern zur Zeit des Ersten Weltkriegs verantwortlich gemacht.

Die Bundesregierung hatte sich damals nach ersten scharfen Protesten aus Ankara vorsichtig von der Resolution distanziert und versichert, dass sie rechtlich nicht bindend sei. Für die Erdogan-Regierung aber blieb das Thema ein Problem.

Das diplomatische Dauerfeuer der letzten Tage illustriert, wie schlecht das deutsch-türkische Verhältnis ist. Kaum ein Tag vergeht ohne eine öffentliche Schuldzuweisen gen Deutschland von Präsident Erdogan oder einem seiner Minister.

Hierzulande mühen sich alle Parteien im Wahlkampf, so viel Distanz wie möglich zum autokratischen Machtpolitiker zu zeigen. Auch der Abbruch der EU-Beitrittsgespräche ist längst ein Wahlkampfthema.

Die Zahlen des Auswärtigen Amts über die Einbestellungen markieren eine Art Negativ-Rekord der Diplomatie: Ganze 17 Mal bestellte die Türkei Botschafter Erdmann seit März 2016 schon ins Ministerium ein, im Schnitt also mindestens einmal pro Monat.

30 Minuten Standpauke - wohl von ganz oben angeordnet

Oft ging es um die Armenier-Resolution, mal um das Schmähgedicht von Jan Böhmermann, dann wieder um verbotene Auftritte von türkischen Politikern in Deutschland oder, wie am Samstag, um die angebliche Unterstützung der Terrorgruppe PKK durch die Bundesregierung.

Die Abläufe im Außenministerium kennt Erdmann folglich ganz gut. Meist empfängt ihn der Leiter der Europaabteilung und trägt ihm in gut 30 Minuten die aktuelle Kritik vor. Im Auswärtigen Amt geht man davon aus, dass die Einbestellungen direkt aus dem Präsidentenpalast angeordnet werden, wie alles Wichtige seien sie "von ganz oben" gesteuert.

Normalerweise ist die Einbestellung eines Botschafters ein ziemlich harsches Zeichen des Protestes. Unter Nato-Staaten nutzen die Partner diese Maßnahme in der Regel nur, wenn ein Botschafter oder seine Diplomaten Straftaten begangen haben.

In Deutschland wiederum finden Einbestellungen eigentlich nur dann statt, wenn die Behörden Geheimdienstagenten einer fremden Macht enttarnt wollen haben oder Nordkorea mal wieder einen Raketentest durchgeführt hat.

Medien berichten ausgiebig über die Termine

Die Bundesregierung hatte den türkischen Botschafter zuletzt Mitte Juli ins Auswärtige Amt zu einem Gespräch empfangen. Nach der Festnahme von deutschen Staatsbürgern in der Türkei hatte Außenminister Sigmar Gabriel, seinen Urlaub abgebrochen und eine Neuausrichtung der deutschen Türkei-Politik angekündigt.

Sein Haus legte damals Wert darauf, dass es sich nach den Regeln der Diplomatie nicht um eine formelle Einbestellung, sondern nur um die Einladung zu einem Gespräch handelte.

In der Türkei aber haben die Pflichttermine des Botschafters längst eine ganz andere Funktion, sie dienen der Erdogan-Regierung innenpolitisch als eine Art öffentliches Fanal. So dauert es oft nur Minuten, bis die türkischen Agenturen recht detailliert über die Standpauke und darüber berichten, wie scharf die Türkei dem Berliner Gesandten mal wieder die Meinung gesagt hat.

insgesamt 197 Beiträge
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Seite 1
pivot567 18.09.2017
1. Vereinfachung
Herr Erdmann sollte sich im türkischen Außenministerium gleich ein Apartement mieten. Dann hat er´s leichter!
Schulterklopfer 18.09.2017
2. Warum...
wird der türkische Botschafter in Berlin nicht einbestellt? Zug um Zug. Das wäre die beste Antwort auf das Verhalten des Herrn Sultans.
joshuapeik 18.09.2017
3. Täglich grüßt das Murmeltier
Der Größenwahnsinnige vom Bosporus bekommt bei uns medial eine viel zu große Plattform. Das weiß er sehr genau und nutzt dies entsprechend.
uweee85 18.09.2017
4. Türkischen Botschafter...
nicht nur einbestellen, sondern an ihm einen "act of non-connivance" manifestieren!
Teile1977 18.09.2017
5. Neuer Botschafter
Hmm, warum senden wir nicht einen neuen Botschafter nach Ankara? Einen gewissen Götz von Berlechingen könnte ich da empfehlen, der hatte auch früher schon die richtigen Antworten.
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