Türkei Aussöhnung mit Armeniern rückt näher

Ein neuer Präsident in Amerika, der Georgienkrieg - zwei Großereignisse haben Bewegung ins kriselnde türkisch-armenische Verhältnis gebracht. In der Türkei entschuldigten sich binnen weniger Stunden Tausende Menschen für den Völkermord an den Armeniern - bisher ein Tabu.

Von Jürgen Gottschlich, Istanbul


Istanbul – Es war eine mit Spannung erwartete Aktion. Als die Initiatoren einer Kampagne, die zur Entschuldigung für die Leugnung des Genozids an den osmanischen Armeniern einlädt, ihren Aufruf am Montagmorgen ins Netz stellten, hätte alles mögliche passieren können. Die Staatsanwaltschaft hätte einschreiten können, die Web-Site hätte sabotiert werden können, oder, schlimmer noch, es wären keine Reaktionen gekommen.

Archivbild aus dem Jahr 1915: Türkische Soldaten stehen neben gehängten Armeniern
AFP

Archivbild aus dem Jahr 1915: Türkische Soldaten stehen neben gehängten Armeniern

Stattdessen wurde die Seite zu einem Fanal. Innerhalb weniger Stunden hatten sich bereits mehr als 2000 Leute den rund 200 Erstunterzeichnern angeschlossen und einen Text unterschrieben, der bei den Armeniern in aller Welt um Entschuldigung dafür bittet, dass die türkische Regierung bis heute "die große Katastrophe" die den osmanischen Armeniern 1915 geschah, immer noch leugnet und so unsensibel mit dem Leid unserer armenischen Brüder umgeht. "Dafür entschuldige ich mich". Bis heute Mittag sind es bereits 5000 Unterzeichner.

Die große Teilnahme an der Unterschriftenaktion, der sich unter anderen auch der Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir als einer der ersten angeschlossen hat, zeigt, dass die Initiatoren der Kampagne ein gesellschaftliches Bedürfnis getroffen haben. Die meisten türkischen Intellektuellen sind mittlerweile zutiefst beschämt darüber, dass die offizielle Geschichtsschreibung die Massaker an der armenischen Bevölkerung während des Ersten Weltkrieges immer noch als Kollateralschaden des Krieges abtut oder gar behauptet, die damalige muslimische Bevölkerung hätte sich nur gegen Angriffe armenischer Banden gewehrt.

Professor Baskin Oran, einer der vier Initiatoren sagte, er hoffe, dass die Kampagne auch dazu führen wird, dass mehr Leute genauer nachfragen werden, was damals passiert ist. Denn viele Türken wissen es wirklich nicht, sondern kennen nur die offizielle Propaganda. Um der zu erwartenden Kritik aus dem nationalistischen Lager etwas den Wind aus den Segeln zu nehmen, sagte Professor Ahmet Insel, ebenfalls ein Verantwortlicher der Kampagne, jeder türkische Bürger habe schließlich das Recht, seine Meinung über die Geschichte kundzutun. Die Unterschrift sei eine individuelle Entscheidung. "Wer sich entschuldigen will tut es, wer nicht eben nicht."

Nationalisten verweigern Entschuldigung

Doch natürlich ließen sich die Nationalisten davon nicht beschwichtigen. Noch bevor die Kampagne überhaupt gestartet wurde, gab Devlet Bahceli, Chef der rechtsradikalen Parlamentspartei MHP bereits den Ton vor: "Wir Türken brauchen uns für gar nichts zu entschuldigen, im Gegenteil. Die Armenier haben damals ihre türkischen Mitbürger massakriert und später etliche türkische Diplomaten ermordet."

Auf diese Aktionen der armenischen Rachebrigade Asala, die in den siebziger und achtziger Jahren durch Angriffe auf türkische Diplomaten bekannt wurde, nimmt auch eine Gegenerklärung Bezug, die gestern von Angehörigen ermordeter Diplomaten und Ex-Botschaftern ebenfalls ins Netz gestellt wurde. Darin bezeichnen rund 60 Ex-Botschafter die Entschuldigungsaktion als "Verrat" und fordern ihrerseits eine Entschuldigung Armeniens für die Asala-Morde.

Doch diese Reaktionen können nicht darüber hinwegtäuschen, dass im türkisch-armenischen Verhältnis grundlegende, positive Veränderungen bevorstehen. Die Entschuldigungskampagne ist der bisherige Höhepunkt einer Entwicklung, die vor Jahren damit begann, dass Bücher erschienen, die die offizielle Position in Frage stellten und die zu einem innertürkischer Historikerstreit führten, der in einer öffentliche Großveranstaltung mündete, während der erstmals die Dissidenten ihre Position vortrugen.

Seitdem wird in vielen Medien das Tabu, nicht über einen Genozid zu reden, nach und nach aufgeweicht, was letztlich weder durch die berüchtigten Prozesse wegen "Beleidigung des Türkentums" noch durch den Mord an dem armenischen Journalisten Hrant Dink im Januar 2007 aufgehalten werden konnte.

Georgien-Krieg führt zu Dialog mit Armeniern

Vor allem seit dem Krieg in Georgien ist eine ganz neue Situation entstanden. Tief besorgt über die möglichen Auswirkungen des Krieges auf die gesamte Region, startete die türkische Regierung noch vor dem offiziellen Waffenstillstand eine Kaukasus-Initiative, mit dem Ziel, durch einen vertieften Dialog den Kaukasus langfristig zu stabilisieren. Russland, Georgien, Armenien, Aserbaidschan und die Türkei sollen sich dafür an einen Tisch setzen und neue Kooperationsmechanismen beschließen.

Vordringlichstes Anliegen der Initiative ist es, den neben Südossetien und Abchasien ebenfalls gefährlich schwelenden Konflikt um die zwischen Armenien und Aserbaidschan umstrittene Region Berg Karabach endlich diplomatisch zu lösen, bevor es dort ebenfalls zu einem neuen Krieg kommt. Will die Türkei aber dazu positiv beitragen, muss sie selbst ihre Beziehungen zu Armenien erst einmal normalisieren.

Wohl noch nie seitdem die Republik Armenien 1991 aus den Trümmern der Sowjetunion entstand, sind sowohl die türkische wie auch die armenische Regierung beide so sehr an einer Normalisierung interessiert, wie zur Zeit. Die Türkei weiß, dass sie ihre angestrebte Rolle als moderierende Regionalmacht im Kaukasus und im Nahen Osten nur ausfüllen kann, wenn sie selbst mit allen Nachbarn im Reinen ist. Außerdem ist Ankara klar, dass die Türkei sich mit ihrer hartnäckigen Leugnung des Genozids international immer mehr isoliert.

Obama übt Druck auf die Türkei aus

Der kommende US-Präsident Barack Obama hatte bereits im Wahlkampf angekündigt, er werde eine Resolution zum Völkermord im Senat unterstützen, was einer Katastrophe für die bisherige türkische Außenpolitik gleichkäme. Das ist ein weiterer Grund, warum die türkische Regierung auf Armenien zugeht. Für Armenien wird es auf der anderen Seite ebenfalls unhaltbar, als letzter Alliierter Russlands im Kaukasus von der Außenwelt völlig abgeschnitten zu sein.

Die Grenzen zur Türkei und Aserbaidschan sind dicht, die Beziehungen zu Georgien angespannt die Straßen nach Iran durch hohe Gebirge kaum zu gebrauchen. Armenien braucht dringend eine offene Grenze zur Türkei und ist deshalb bereit, auf die Anerkennung des Völkermords als Vorbedingung für die Normalisierung der Beziehungen zu verzichten und gleichzeitig einen Kompromiss mit Aserbaidschan über die von Armenien besetzten Gebiete im und um Berg Karabach anzustreben.

Als deutliches Entspannungssignal war der türkische Präsident Abdullah Gül vor zwei Monaten nach Jerewan gereist, als dort die türkische Fußball Nationalmannschaft zur Weltmeisterschaftsqualifikation gegen Armenien antreten musste. Diesem Schritt wird ein Gegenbesuch des armenischen Präsidenten Sergej Sarkisian im Frühjahr folgen, wenn Armenien zum Rückspiel in die Türkei kommt. Eine Öffnung der Grenze zwischen beiden Ländern dürfte dann unmittelbar bevorstehen. Schon jetzt arbeiten rund 60.000 Armenier in der Türkei, die von Ankara stillschweigend geduldet werden.



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