Beitrittsverhandlungen Die türkische Generation Europa

Der türkische Regierungschef Erdogan mag noch nicht bereit für Europa sein, doch die Demonstranten auf dem Taksim-Platz in Istanbul sind es allemal. Sie reagieren erleichtert auf die Entscheidung der EU, die Beitrittsgespräche mit der Türkei trotz der Unruhen fortzusetzen.
Demonstration in Istanbul: Junge Türken fordern mehr Demokratie und Freiheit für ihr Land

Demonstration in Istanbul: Junge Türken fordern mehr Demokratie und Freiheit für ihr Land

Foto: Sedat Suna/ dpa

Die immer gleichen Bilder haben den Blick der Deutschen auf die Türkei in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten geprägt: Stereotype von anatolischen Hirten, verhüllten Frauen, Moscheen - und in letzter Zeit, um den Wirtschaftsboom zu symbolisieren, Wolkenkratzer.

Einer der vielen Verdienste der Demonstranten vom Taksim-Platz in Istanbul ist es, mit diesen Klischees, die der türkischen Wirklichkeit schon sehr lange nicht mehr entsprachen, ihr nie entsprochen haben, zu brechen.

Wochenlang haben Bürger friedlich gegen ihre autoritäre Regierung demonstriert; junge Männer und Frauen, die Chucks und bunter Banner trugen, über Facebook und Twitter kommunizierten und in geschliffenem Englisch erklärten, warum sie sich mehr Demokratie und Freiheit für ihr Land wünschen.

Vernünftiger Kompromiss der EU

Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hat versucht, die Demonstranten als "Terroristen" zu denunzieren. Doch seine Ausfälle zeigen nur, wie wenig er versteht. Es ist eine junge, urbane Mittelschicht, die in Istanbul, Ankara und vielen anderen Städten der Türkei auf die Straße geht. Sie fordern offensiv die Werte ein, die auch Europa angeblich vertritt.

Die EU, die seit 2005 Beitrittsgespräche mit der Türkei führt, steht vor einem Dilemma: Wie kann sie die Zivilgesellschaft in der Türkei bestärken, ohne die Regierung Erdogan zu belohnen? Die EU-Mitgliedstaaten haben sich am Dienstag auf Initiative Deutschlands auf einen Kompromiss geeinigt: Die Eröffnung des 22. Verhandlungskapitels, das sich mit Regionalpolitik befasst, wird eröffnet - allerdings nicht, wie geplant, an diesem Mittwoch, sondern einige Monate später, nach Veröffentlichung des Türkei-"Fortschrittsberichts" und nach der Bundestagswahl, Mitte Oktober.

Es ist trotz allem ein vernünftiger Kompromiss. Denn er ist einerseits ein Zeichen an die türkische Regierung, dass ihr brutales Vorgehen gegen friedliche Demonstranten nicht widerspruchslos hingenommen werden. Gleichzeitig kappt die EU nicht alle Bande zur Türkei.

"Gut, dass ihr uns jetzt nicht allein lasst"

Dies wäre vor allem für die Zivilgesellschaft ein fatales Zeichen gewesen. Zwar hat die EU-Euphorie in der Türkei in den vergangenen Jahren stark nachgelassen, der Blick der Demonstranten vom Taksim-Platz ist dennoch eindeutig in Richtung Europa gerichtet. Viele junge Türken zeigten sich deshalb auch erleichtert über die Entscheidung der EU, die Beitrittsverhandlungen mit ihrem Land weiterzuführen. Gut, dass ihr uns jetzt nicht allein lasst, kommentierten sie auf Twitter.

Die Distanzierung von der Türkei in den vergangenen Jahren hat Deutschland weitgehend der Einflussmöglichkeiten auf die Regierung in Ankara beraubt. Doch es ist noch nicht zu spät.

"Die EU sollte die Türkei in diesem großen Moment ihrer demokratischen Reise noch enger umarmen", sagt Heather Grabbe, die Direktorin des Open Society European Policy Institute. Es sei nun an der Zeit, mit der Regierung Erdogan über Pluralismus und Freiheitsrechte zu sprechen.

Die EU-Verhandlungskapitel 23 und 24 böten dafür eine gute Gelegenheit: Sie befassen sich mit Innerer Sicherheit, Justiz - und Grundrechten.

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