Terrorgefahr Ausgangssperre für deutsche Soldaten in der Türkei

Die Sorge vor Terrorangriffen trifft auch die deutschen Soldaten in der Türkei: Die Sicherheitsvorkehrungen wurden erhöht. Berlin schickt jetzt einen Vermittler in die Region.

Deutscher Soldat vor "Patriot"-Abwehrsystem im türkischen Kahramanmaras (Archiv): Termine außerhalb des Camps auf "absolut notwendiges Maß" reduzieren
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Deutscher Soldat vor "Patriot"-Abwehrsystem im türkischen Kahramanmaras (Archiv): Termine außerhalb des Camps auf "absolut notwendiges Maß" reduzieren

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Wegen der latenten Gefahr in der Südtürkei gelten für die deutschen Soldaten dort jetzt "zusätzliche Schutzmaßnahmen". Darüber informierte die Bundesregierung ausgewählte Abgeordnete des Bundestags. Zu den neuen Regeln gehört demnach eine Ausgangssperre für die 260 in der südtürkischen Stadt Kahramanmaras stationierten deutschen Soldaten, die dort eine Raketenabwehr-Batterie vom Typ "Patriot" betreiben. Dienstliche Termine außerhalb des Camps sollen auf "das absolut notwendige Maß" reduziert und in zivil durchgeführt werden, damit die Soldaten nicht sofort zu erkennen sind.

Neben den neuen Verhaltensregeln für die Soldaten hat die Bundeswehr eine "verstärkte Sicherung der Kaserne durch türkische Streitkräfte" veranlasst, um den Schutz für die Deutschen zu erhöhen. Seit die Bundeswehr im Rahmen einer Nato-Mission in der Türkei stationiert ist, bewachen die Türken das Camp mit den "Patriot"-Batterien, die mögliche Angriffe auf die Türkei aus Syrien abwehren sollen. Die Bundeswehrsoldaten sind nur leicht bewaffnet.

Bisher hat die Bundeswehr laut dem Schreiben keine konkreten Hinweise auf eine Gefährdung der deutschen Soldaten. Allerdings werden mögliche Attacken auf das Camp, das etwa hundert Kilometer von der türkisch-syrischen Grenze entfernt liegt, nicht mehr ausgeschlossen. Derzeit stuft die Truppe die Gefahrenlage durch Terrorangriffe nach Informationen von SPIEGEL ONLINE als "mittel" ein, allerdings wird die Situation jeden Tag neu bewertet. Ministerin Ursula von der Leyen lässt sich fortlaufend informieren.

Oberst Michael Hogrebe, der Kommandeur der Deutschen in der Türkei, sprach in einem Interview von reinen Vorsichtsmaßnahmen. Er betonte aber, dass die Bundeswehr in der Ortschaft hoch willkommen sei. Grundsätzlich sehen die Analysten der Bundeswehr die Deutschen bisher nicht im Visier von Terroranschlägen, allerdings könnten Gruppierungen auch die türkischen Soldaten angreifen, die das Camp bewachen. Deshalb bereite man sich auf jede mögliche Situation vor, hieß es aus der Truppe.

"Hinweise auf mögliche Anschläge in Istanbul"

Auch um deutsche Zivilisten in der Türkei sorgt sich Berlin. Das Auswärtige Amt hat die Reise- und Sicherheitshinweise für das Land aktuell verschärft. "Bei Reisen über Land wird zu besonderer Umsicht und Vorsicht geraten. Darüber hinaus gibt es Hinweise auf mögliche Anschläge auf die U-Bahn und Bushaltestellen in Istanbul", heißt es seit Mittwoch auf der AA-Internetseite. Nach den Militärschlägen der Türken gegen Stellungen des "Islamischen Staats" und die kurdische PKK werden Racheakte befürchtet.

Die türkische Luftwaffe war in der vergangenen Woche nach dem blutigen Anschlag von Suruc erstmals militärisch gegen die Terrormiliz IS in Syrien vorgegangen, die Ankara als Urheber des Anschlags betrachtet. Inzwischen werden vor allem Luftschläge gegen die kurdische Guerillatruppe PKK gemeldet, die seit Jahren einen Krieg für ein unabhängiges Kurdistan führt. Eine 2013 ausgerufene Waffenruhe hatten die PKK und die Türkei nach den Luftschlägen für nichtig erklärt.

Die Bundesregierung müht sich derzeit intensiv um eine Vermittlung in dem Konflikt. Berlin wolle sich "weiter mit Nachdruck für eine Annäherung zwischen türkischer Regierung und Kurden einsetzen", kündigte die Regierung in dem Schreiben an die Abgeordneten an.

Erfahrener Diplomat auf dem Weg nach Ankara

Am Donnerstag schickte Außenminister Frank-Walter Steinmeier deswegen seinen politischen Direktor Andreas Michaelis zu Gesprächen nach Ankara - unter anderem mit dem türkischen Außenstaatssekretär Feridun Sinirlioglu. Im Mittelpunkt der Treffen des erfahrenen Diplomaten Michaelis stehe "die Fortsetzung des Lösungsprozesses mit den Kurden", hieß es im Berliner Außenamt.

Berlin versucht zwischen Ankara und den Kurden zu moderieren, um eine weitere Eskalation zu verhindern. Minister Steinmeier telefonierte am Mittwoch mit Kurden-Präsident Masoud Barzani, der von Arbil aus den de facto bereits unabhängigen Kurden-Staat im Nordirak anführt. Barzani zeigte sich offen für einen weiteren Dialog mit der Türkei, denn allein schon wirtschaftlich sind die beiden Nachbarn eng verflochten.

Die Angriffe auf die PKK bringen Barzani politisch in eine schwierige Lage. Zwar herrscht zwischen seinen Peschmerga-Truppen und der PKK eine militärische Konkurrenz, aber im Kampf gegen den "Islamischen Staat" im Nordirak agieren sie gemeinsam. Hinzu kommt, dass Barzani in der Kurden-Hauptstadt Arbil mit der Partei PUK koaliert, die der PKK nahesteht.

Ob die deutschen Bemühungen Erfolg haben, ist ungewiss. Erst am Donnerstag gab es wieder einen Zwischenfall im Südosten der Türkei. Drei Soldaten sollen von PKK-Kämpfern erschossen worden seien, hieß es aus Ankara. Ein Militärkonvoi wurde demnach auf einer Straße im Bezirk Akcay in der Provinz Sirnak angegriffen. Bei einer Schießerei nach dem Überfall sei ein "Terrorist" getötet worden, nun seien zusätzliche Truppen in die Region unterwegs.

Türkische Angriffe gegen IS und PKK: Wie der Konflikt eskaliert
Montag, 20. Juli 2015

Bei dem Selbstmordanschlag vor dem Kulturzentrum in Suruc im Südosten der Türkei werden 32 Menschen getötet, die meisten davon Studenten. Rund hundert Menschen werden verletzt. Suruc liegt nur zehn Kilometer von der zerstörten syrischen Stadt Kobane entfernt. Den türkischen Behörden zufolge ist die Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS) für das Attentat verantwortlich.

Mittwoch, 22. Juli 2015

Zwei türkische Polizisten werden in der Stadt Ceylanpinar getötet. Die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK bekennt sich zu den Morden. Sie seien als Vergeltung für das Attentat in Suruc verübt worden, heißt es in einer Erklärung. Viele Kurden werfen der türkischen Regierung schon lange vor, die Extremistenmiliz IS in Syrien heimlich zu unterstützen, um die Kurden zu schwächen. Die PKK kämpft seit Jahrzehnten für mehr Autonomie der Kurden.

Donnerstag, 23. Juli 2015

Die Türkei verstärkt ihre Schutzmaßnahmen entlang der 900 Kilometer langen Grenze zu Syrien. Auf 150 Kilometern werde eine Mauer errichtet, kündigt die Regierung an. 20.000 Soldaten sind im Einsatz. Bei Gefechten in der türkischen Provinz Kilis an der Grenze zu Syrien sterben ein Soldat und ein IS-Kämpfer. Vier weitere Soldaten werden verletzt.

Freitag, 24. Juli 2015

Türkische Kampfjets bombardieren in den frühen Morgenstunden Stellungen des IS in Syrien. In der gesamten Türkei geht die Anti-Terror-Polizei mit einer groß angelegten Razzia gegen IS-Leute und kurdische Extremisten vor. Hunderte werden festgenommen. Präsident Recep Tayyip Erdogan erlaubt den USA, die Luftwaffenbasis Incirlik für Luftschläge gegen den IS zu nutzen.

Samstag, 25. Juli 2015

Die Türkei fliegt neue Angriffe gegen den IS und erstmals offiziell auch gegen die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK. Die spricht von einem Bruch der Waffenruhe und ruft zum Kampf auf. In Ankara geht die Polizei gegen Anti-Kriegs-Demonstranten vor.

Sonntag, 26. Juli 2015

Die Türkei bombardiert erneut Stellungen der PKK im Irak (Eine Analyse lesen Sie hier). Kanzlerin Angela Merkel appelliert in einem Telefonat mit Ministerpräsident Ahmet Davutoglu, den Friedensprozess mit den Kurden nicht aufzugeben. Ankara erbittet eine Sondersitzung der Nato-Botschafter.

Montag, 27. Juli 2015

Die Kurden-Miliz YPG wirft der Türkei vor, Stellungen ihrer Einheiten in Syrien angegriffen zu haben. Dem syrischen Ableger der PKK zufolge werden sie von der türkischen Armee gezielt beschossen. Das Außenministerium in Ankara dementiert.


Zusammengefasst: Die Bundesregierung hat mehrere Abgeordnete darüber informiert, dass für die deutschen Soldaten in der Türkei jetzt "zusätzliche Schutzmaßnahmen" gelten. Auch die Sorge um deutsche Zivilisten in der Region wächst. Berlin will sich für eine Annäherung zwischen türkischer Regierung und Kurden einsetzen. Außenminister Steinmeier schickt dafür seinen politischen Direktor nach Ankara. Der Außenminister selbst telefonierte mit Kurden-Präsident Barzani.

insgesamt 61 Beiträge
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kasam 30.07.2015
1. Ist nur zu hoffen,
das die Türkei das deutsche Lager nicht mit einer PKK Terrorzelle, oder mit einer kurdischen Stellung gegen die IS, nicht verwechselt. Dann ist die deutsche Regierung endgültig kopflos.
TomsAlias 30.07.2015
2. Raus da!
Unsere Jungs haben im sunnitisch-schiitischen Krieg nichts zu suchen. Das sollte Saudi-Arabien (Türkei/IS) und Iran (PKK) untereinander ausmachen.
Babonono 30.07.2015
3. abziehen!
zieht unsere soldaten und raketen aus der türkei ab. erdogan lacht sich doch ins fäustchen! jeder deutsche soldat der dort stirbt geht auf das konto der bundesregierung!
grafheini2 30.07.2015
4. Optional
Hat der gute Assad eigentlich noch viel Kriegsgerät, dass potentiell die Türkei treffen könnte?
surry 30.07.2015
5. Na und?
Was haben unsere Soldaten dort zu suchen? Ich hatte seinerzeit geschworen, die Bundesrepublik Deutschlland tapfer zu verteidigen - sonst nicht - KLAR? Was schwören die Herren in Uniform heute? Vielleicht: "Ich schwöre die Welt zu retten"?
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