Nach Arbeitsverbot für Korrespondenten Özdemir warnt vor Reisen in die Türkei

Der Grünenpolitiker Cem Özdemir vermutet politische Gründe hinter der Ausweisung der deutschen Korrespondenten von ZDF und "Tagesspiegel" aus der Türkei. Er findet deutliche Worte.

Cem Özdemir (Archivbild von 2018)
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Cem Özdemir (Archivbild von 2018)


Am Wochenende hatte das Auswärtige Amt seine Reisehinweise für die Türkei verschärft und vor Verhaftungen gewarnt. Nun rät auch der Bundestagsabgeordnete Cem Özdemir (Bündnis 90/Die Grünen) von Reisen in das Land ab. "Keiner ist in der Türkei sicher, weder Deutsche noch Nichtdeutsche. Das ist ein Willkürstaat", sagte der ehemalige Bundesvorsitzende der Grünen im Deutschlandfunk.

Hintergrund ist die Entscheidung Ankaras, drei deutschen Korrespondenten die Arbeitserlaubnis zu entziehen (mehr dazu lesen Sie hier). Das Vorgehen kritisierte Özdemir scharf. "Erdogan hat die türkischen Medien weitgehend gleichgeschaltet. Und jetzt ist offensichtlich der internationale Medienmarkt dran."

ZDF-Korrespondent Jörg Brase und "Tagesspiegel"-Reporter Thomas Seibert mussten am Sonntagnachmittag die Türkei verlassen und nach Deutschland fliegen. Das Presseamt in Ankara hatte ihnen ebenso wie einem nicht ständig in der Türkei lebenden NDR-Reporter vor rund einer Woche mitgeteilt, dass ihr Antrag auf eine neue Presseakkreditierung nicht bewilligt worden sei.

Nach türkischem Recht mussten Brase und Seibert zehn Tage nach Ablehnung ihres Antrags auf eine Verlängerung das Land verlassen. Weshalb es zu diesem Schritt kam, wissen die beiden laut Brase nicht: Weder sei ihnen ein Grund genannt worden, noch hätten sie in irgendeiner Weise gegen die Bestimmungen verstoßen, sagte er vor seiner Abreise im ZDF-Studio in Istanbul.

Özdemir wittert dahinter eine politische Entscheidung: "Journalismus ist für Erdogan, dass man ihm huldigen darf. Das ist nicht, dass man ihm kritische Fragen stellt", sagte der 53-Jährige.

Der Grünenpolitiker sieht auch die Bundesregierung in der Verantwortung. Schließlich sei die Türkei Partner in der Nato sowie Mitgliedstaat im Europarat. "Vielleicht sollte das Berlin mal langsam zur Kenntnis nehmen, dass die reale Türkei mit der Türkei, die man sich in Berlin wünscht, nicht mehr viel gemeinsam hat."

vks/dpa



insgesamt 40 Beiträge
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derhey 11.03.2019
1. Jedem/Jeder
muß eigentlich schon seit langem klar sein, daß eine Reise in die Türkei unternimmt grundsätzlich mit persönlichen Gefährungen verbunden sein kann, wenn man vorher sich kritisch zu Erdogan geäußert hat, sei dies in "Bekanntenkreisen", am Arbeitsplatz, in den soz. Netzwerken oder anderswo. Auch eine Namensverwechselung (so in Österreich vor ein, zwei Jahren?) kann böse Folgen haben. Nein, keine Panikmache sondern Realität. Schade um die türkische Bevölkerung.
bstendig 11.03.2019
2. Also ich bin beileibe kein Freund von Cem Özdemir.
Aber wo er Recht hat hat er Recht. Ic hrufe alle Landsleute und türkischen Mitbewohner in Deutschland dazu auf, das Land so weit wie möglich zu boykottieren. Urlaub kann man auch in anderen Mittelmeerländern machen. Und man kann auch nicht-türkische Paprika kaufen, auch wenn man Türke ist.
schofseggel 11.03.2019
3. mir tun wirklich nur...
die vielen Menschen die im Tourismus tätig sind leid! diese Mitteilung kostet in der Türkei eine Menge Jobs. Und diese Menschen können nicht einmal auf die Straße gehen, denn da werden sie von der Polizei niedergeknüppelt, siehe Weltfrauentag.
hardeenetwork 11.03.2019
4. Reisen in die Türkei?
Warum die Leute wieder in die Türkei reisen ist mir unbegreiflich. Und wer trotzdem dort hinreist und sich dann wundert das er in Haft kommt, hat es sich dann auch redlich verdient. Es ist ja nicht neu das Erdogan gegen alle Menschenrechte verstößt und ein populistischer Diktator ist. Er hat und wird sich nicht ändern. Vergessen die Deutschen alles so schnell oder sind sie einfach zu geistfrei um die Realität zu begreifen?
marialeidenberg 11.03.2019
5. Zu der AA-Warnung gehört die Mitteilung an ALLE, d.h.
türkische Behörden und Urlauber (Doppelpass oder nicht), dass im Falle von politisch motivierter Sistierung der Deutsche Staat sich nicht durch politisch-ökonomisch-militärische Zugeständnisse um die Rückführung bemühen wird. Nach unserem Recht kriminell gewordene Türkei-Reisende mit deutschem Pass müssen selbstverständlich konsularisch / juristisch betreut werden. Das müsste doch gehen, auch wenn die Tourismusbranche aufjault.
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