Aufruhr in der Türkei Die neuen Herren vom Taksim-Platz

Der Taksim-Platz ist das Herz Istanbuls - und war Symbol für den Widerstand gegen Erdogan. Nach dem Putsch huldigen dort plötzlich seine Anhänger dem Präsidenten. Die Opposition ist empört.

Aus Istanbul berichtet


In seinem Kalender stand eigentlich für heute: Bregenz, Österreich. In der Landeshauptstadt des Voralbergs wollte Ahmet Misbah Demircan in diesen Tagen das machen, was er so gut kann, wie nur wenige in der Türkei: Er wollte für sein Land werben, für seine Stadt Istanbul, besonders für seinen Stadtteil Beyoglu. Und natürlich hätte er den Besuch auch genutzt, um in Europa für seinen Präsidenten zu werben. Demircan ergreift jede Gelegenheit, um Recep Tayyip Erdogan zu preisen.

Demircan, 49, der umtriebige Bezirksbürgermeister des schillernden Stadtteils Beyoglu, kennt Erdogan seit seinem neunten Lebensjahr; der hochaufgeschossene, gut ein Dutzend Jahre ältere Erdogan und der eher untersetzte Demircan sind beide in Beyoglu aufgewachsen, unten im Arbeiterviertel Kasimpasa; zuletzt gesehen haben sich die Jungendfreunde vor zwei Tagen bei dem Begräbnis von Opfern des Putsches vom vergangenen Freitag.

Demircan spricht von einem "Trauma", das nun bewältigt werden müsse - unter anderem oben auf dem Taksim, dem Herzen Beyoglus und dem berühmtesten Platz der ganzen Stadt. Deshalb hat er die für Bregenz gepackten Koffer stehen lassen. Was bedeute schon eine Werbetour für die 24. Städtepartnerschaft von Beyoglu, wenn man vor der Haustür für Demokratie und Freiheit kämpfen kann?

Bürgermeister Demircan (m.)
REUTERS

Bürgermeister Demircan (m.)

Jedenfalls ist Demircan noch in der Putschnacht zum Taksim geeilt. Das rot-weiß-gestreifte Sommerhemd über der Hose hängend, den noch vor zwei Jahren so umstrittenen Gezi-Park im Rücken und den Blick fest auf das "Denkmal der Republik" gerichtet, hat er eine flammende Rede auf "Vaterland, Volk und Flagge" gehalten. Und natürlich auf den Helden der Nacht, Recep Tayyip Erdogan. Weit über 100.000 Leute haben ihm dabei zugejubelt, vielleicht waren es auch 50.000 mehr, wer weiß das schon so genau. Der Jubel für Erdogan - aber auch für Demircan - ist unbestritten. Seither wiederholen sich die Solidaritätsbekundungen für den Präsidenten Abend für Abend. Es ist zu einem Ritual geworden.

Solidaritätsbekundung oder peinliche Messe für Erdogan?

Demircan und Erdogan verbindet nicht nur eine lange persönliche Geschichte, sondern auch eine politische Erfolgsgeschichte. So uneingeschränkt, wie Erdogan über das ganze Land gebietet, so unangefochten regiert Demircan über Beyoglu. Bei den Kommunalwahlen vor zwei Jahren hat der studierte Islam- und Politikwissenschaftler für Erdogans Gerechtigkeitspartei AKP fast 48 Prozent der Stimmen geholt, seit 13 Jahren ist er an der Macht - und gibt damit auch den Ton vor, der in der Fünfzehn-Millionen-Metropole Istanbul angeschlagen wird.

Obwohl Beyoglu nur eine Viertelmillion Einwohner zählt, sagen Demircans Berater, sei es als das Kultur-, Einkaufs- und Amüsierzentrum der "wichtigste Stadtteil" Istanbuls. An manchen Wochenende strömten an die zwei Millionen Menschen vom Taksim-Platz über die Einkaufsstraße Istiklal hinunter zum Bosporus oder zum Goldenen Horn. Deshalb ist es nicht ganz unwichtig, was da oben, nur einen kurzen Fußweg von Demircan Amtssitz entfernt, auf dem Taksim passiert.

Und deshalb sitzt der Bürgermeister nun im dritten Stock seiner Stadtverwaltung und muss sich der lästigen Frage stellen, ob die spontane Solidaritätsbekundung in der Putschnacht nicht inzwischen zu einer eher peinlichen Messe für den Präsidenten entartet sei?

Szene vom Taksim am 18. Juli
Getty Images

Szene vom Taksim am 18. Juli

Nein, das sei sie natürlich nicht, sagt Demircan, obwohl er einräumt, dass seine Verwaltung die Organisation nicht ganz so fest im Griff hatte, wie sie es eigentlich sollte. Wer an diesem Abend auftritt, wisse er nicht, das Programm gestalte diesmal ein Radiosender. In der Stadtverwaltung heißt es inoffiziell, die Auftritte auf dem Taksim seien Sache der Partei.

Auch viele Istanbuler meiden den Platz

Um genau diesem Verdacht zu begegnen, will der Bürgermeister das Aufgebot der Redner erweitern, es sollen auch Mitglieder anderer Parteien ihre Chance bekommen. Einzelheiten dazu kann er noch nicht sagen. Und so richtig wichtig scheint es ihm auch nicht zu sein. "Das Volk war immer da, das Volk ist da", sagt Demircan, das sei das Entscheidende.

Das Volk sind inzwischen allenfalls einige Tausende und eher Unterschichts-Istanbuler, die dankbar sind, dass an diesen heißen Abenden Wasserflaschen umsonst ausgegeben werden. Manche versuchen, mit dem Verkauf von Türkei-Fahnen und Erdogan-Stirnbändern ein paar Lira zu verdienen. Das Geschäft läuft eher schlecht. Die meisten AKP-Anhänger bringen ihre Fahnen selber mit.

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Aufruhr in der Türkei: Flammen auf dem Taksim

Die wenigen Touristen in den anliegenden Hotels umlaufen den Taksim ängstlich, auch viele Istanbuler meiden den Platz, der mit türkischen Flaggen ausgehängt ist. Immer wieder rufen Fanatiker "Allah ist groß", fordern die Todesstrafe für den Prediger und Erdogan-Erzfeid Fethullah Gülen. Zeitweilig demonstrierten einige der selbsternannten "Demokratie-Wachen", dass sie mit Putschisten am liebsten kurzen Prozess machen würden: Sie knüpften eine lebensgroße Puppe an einem Galgen auf.

Erdogan-Anhänger mit Puppe am Galgen
AFP

Erdogan-Anhänger mit Puppe am Galgen

"Schmierentheater" auf dem Taksim

Auch die Jugend und die Liberalen, die auf dem Taksim im Mai 2013 gegen Erdogans geplante Bebauung des angrenzenden Gezi-Parks demonstriert haben, müssen sich schwer beherrschen, ihren Frust und Zorn in Grenzen zu halten. Ein "Schmierentheater" sei das, sagt der Anwalt und "Sozialaktivist" Özgür Karaduman, 50, dessen Kanzlei in einer Seitenstraße des Istiklal-Boulevards liegt. Seit den Gezi-Park-Unruhen seien auf dem Taksim keine Demonstration, keine Versammlung mehr genehmigt worden. Die AKP aber dürfe jetzt "da oben auftreten und ihr islamisches Regime propagieren".

Es ist allerdings eine mäßige Inszenierung. Zu Trommelklang und bengalischen Lichtern ereifern sich auf einer durchaus professionell errichteten Bühne von Einbruch der Dämmerung bis zum Morgengrauen vielleicht ein Dutzend Redner, die den Sieg des Volkes, der Demokratie und - natürlich - ihres Präsidenten über den "Militäraufstand" feiern. Einige sind Hinterbänkler aus dem Parlament in Ankara, andere vermeintliche Größen aus der AKP oder gehören wie Demircan zur Lokalprominenz. Aber auch der unlängst im Machtkampf mit Erdogan unterlegene ehemalige Premier Ahmet Davutoglu hat sich einen Auftritt auf dem Taksim nicht nehmen lassen.

Und seit Dienstagabend, an dem die Bühne um zwei gigantischen Multimedia-Wände erweitert wurde, hält sich hartnäckig das Gerücht, auch der Präsident höchstpersönlich werde hier noch auftreten. Sollte es dazu kommen, wird auch Demircan wieder auf dem Taksim stehen - an der Seite seines Jugendfreundes. "Nach Österreich", sagt der mächtigste Mann von Beyoglu, "kann ich immer noch."

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Seite 1
taglöhner 20.07.2016
1.
In wenigen Stunden bereits wirken solche Artikel eher wie die Darstellung von Selbstverständlichkeiten. Ich rechne mit dem Schlimmsten.
arrache-coeur 20.07.2016
2.
Wo liegt das Problem? Die Mehrheit der Wähler wollte den Despoten, dessen Ziele und Methoden seit Jahren bekannt sind. Vor ein paar Tagen schloss sich das Fenster für die möglicherweise letzte Chance, eine Totaldiktatur zu verhindern. Jetzt sollen sie damit leben.
MarieMm 20.07.2016
3.
Zitat von arrache-coeurWo liegt das Problem? Die Mehrheit der Wähler wollte den Despoten, dessen Ziele und Methoden seit Jahren bekannt sind. Vor ein paar Tagen schloss sich das Fenster für die möglicherweise letzte Chance, eine Totaldiktatur zu verhindern. Jetzt sollen sie damit leben.
Sehe ich auch so. Die Mehrheit der Wähler in TR will ihn haben. Beweis: er regiert seit vielen Jahren und wird immer wieder aufs Neue gewählt. Seine Wahlergebnisse können sich dabei durchaus sehen lassen (stärkste Fraktion im TR Parlament - könnt Ihr alles im Netz nachlesen). Er geniesst also eine breite Zustimmung beim Wahlvolk dort. Damit wird auch seine Politik mit seinen Ideen überwiegend angenommen. Das muss akzeptiert werden, ob es nun bei uns einigen Leuten passt oder nicht.
HerrPeterlein 20.07.2016
4. Das erinnert sehr an anderen Personenkult
Erdogan dreht immer mehr durch, die Türkei ist mittlerweile eine komplette Diktatur eines Wahnsinnigen. Er holt mit seiner AKP keine Mehrheit, einige Wochen später Anschläge, ohne Bekennerschreiben sind 5 min später die Kurden daran Schuld, die 10 Minuten später vom Militär angegriffen werden. Jetzt sind sofort Listen, Verhaftungen, Verdächtige parat, die schon von langer Hand vorbereitet waren, selbst wenn der Putsch von außen gesteuert war. Die Türkei versinkt zu einer Diktatur der schlimmeren Sorte.
qwertmaster 20.07.2016
5. Ab wann ist man keine Demoraktie?
Ab wann ist man eigentlich offiziell keine Demokratie mehr? Reichen da freie Wahlen aus oder kann man diesen Eingriff in die Justiz schon als ein abschaffen des Demokratie werten. Immerhin ist doch ein Grundpfeiler dieser stark beschädigt worden.
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