Terror in der Türkei "Eine ganze Generation radikalisiert sich"

Bombenanschläge, Hinrichtungen - kurdische Extremisten überziehen die Türkei seit Monaten mit Terror. In türkischen Städten geht der Mob aus Rache auf Kurden los. Droht dem Land ein Bürgerkrieg?

Aus Istanbul berichtet


Das Morden beginnt an einem Mittwoch, einen Tag vor Weihnachten 2015: Aus einem Waldstück feuern Terroristen der Organisation Freiheitsfalken Kurdistans (TAK), einer Splittergruppe der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK, vier Mörsergranaten auf den Flughafen Sabiah Gökcen in Istanbul. Eine Frau kommt bei dem Anschlag ums Leben, ein Mann wird verletzt.

Der Angriff auf den Flughafen bildet den Auftakt einer Terrorkampagne, die bis heute andauert. Die Freiheitsfalken haben in den vergangenen zwölf Monaten bei einer Reihe von Attentaten in der Türkei mehr als hundert Menschen getötet. Am Samstag starben bei einem Anschlag auf einem Bus in Kayseri, Anatolien, 14 Soldaten. Noch ist unklar, wer hinter dem Verbrechen steckt. Aber die Indizien deuten auf kurdische Extremisten hin. Erst eine Woche zuvor kamen bei zwei Bombenanschlägen der TAK in Istanbul 44 Menschen ums Leben.

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Nach Anschlag in Kayseri: Türkei in der Gewaltspirale

Die Freiheitsfalken geben vor, für die Rechte der Kurden zu kämpfen. Doch jeder Anschlag erschwert das Zusammenleben zwischen Kurden und Türken weiter.

Noch vor weniger als zwei Jahren, im Februar 2015, schien der Frieden in der Türkei nah: Nach jahrelangen Verhandlungen zwischen der türkischen Regierung und der PKK präsentierten Vizepremier Yalcin Akdogan und eine Delegation der prokurdischen Partei HDP im Dolmabahce-Palast in Istanbul einen Zehn-Punkte-Plan zur Lösung des türkisch-kurdischen Konflikts. Die Kurden sollten mehr Rechte erhalten, die PKK-Kämpfer im Gegenzug ihre Waffen niederlegen.

Doch Radikale auf beiden Seiten haben den Friedensprozess torpediert. Im Juli 2015 erschossen PKK-Rebellen zwei Polizisten im Süden der Türkei. Präsident Recep Tayyip Erdogan nahm den Vorfall zum Anlass, die Verhandlungen mit der PKK endgültig aufzukündigen und zur Kriegspolitik der Neunzigerjahre zurückzukehren. Bei Gefechten zwischen Militär und PKK starben im vergangenen Jahr Tausende Menschen, Hunderttausende wurden aus ihren Häusern vertrieben.

Hardliner übernehmen das Kommando

Die Europäer haben den Kurdenkonflikt bislang weitgehend als innertürkisches Problem betrachtet. Zwar stuft die EU die PKK offiziell als Terrororganisation ein, trotzdem gingen die Behörden eher halbherzig gegen Anhänger der Miliz vor. Laut Bundesverfassungsschutz rekrutieren PKK-Funktionäre in Deutschland gezielt Mitglieder und treiben Gelder ein. "Deutschland behandelt die PKK wie einen gemeinnützigen Verein", kritisiert Mustafa Yeneroglu, Abgeordneter der Regierungspartei AKP.

Die PKK hat sich unterdessen in den vergangenen Monaten weiter radikalisiert. Lange Zeit rangen in der PKK gemäßigte und radikale Kräfte um Einfluss. Mittlerweile haben die Hardliner das Kommando übernommen. Sie lehnen Gespräche mit der Regierung ab und glauben, einen Kurdenstaat durch Gewalt erzwingen zu können.

Der Terror der PKK richtet sich längst nicht mehr nur gegen Soldaten oder Polizisten, sondern immer öfter auch gegen Zivilisten. Die Miliz hat seit dem Sommer mindestens vier AKP-Politiker hingerichtet. Der Bezirksvorsitzende der AKP in Van, im Osten der Türkei, Aydin Mustu, wurde im Oktober in seiner Wohnung vor den Augen seiner Kinder erschossen. Ein Attentat auf Kemal Kilicdaroglu, den Vorsitzenden der türkischen Sozialdemokraten, konnten Sicherheitskräfte im August im letzten Moment verhindern.

Vor allem die TAK nimmt bei ihren Operationen eine hohe Zahl an Toten in Kauf. Solange PKK-Führer Abdullah Öcalan in Haft und die "faschistische" AKP an der Macht sei, heißt es in einem Statement der TAK, sollte niemand in der Türkei mit einem "ruhigen Leben" rechnen.

Gesamte kurdische Bewegung im Visier

Zwar bestreiten TAK und PKK jegliche Verbindung. Sicherheitsexperten aber gehen davon aus, dass die Führung der PKK die Splittergruppe protegiert. Gareth Jenkins vom Central Asia-Caucasus Institute spricht von einer "Arbeitsteilung". Die PKK würde im Südosten der Türkei gegen das Militär kämpfen, während die Freiheitsfalken vor allem im Westen des Landes Anschläge verübt.

Präsident Erdogan hat inzwischen nicht nur der TAK und der PKK, sondern der gesamten kurdischen Bewegung den Krieg erklärt. In den vergangenen Monaten wurden Hunderte Abgeordnete und Amtsträger der prokurdischen Partei HDP verhaftet, darunter die beiden Ko-Vorsitzenden Figen Yüksekdag und Selahattin Demirtas.

Der Niedergang der HDP führt dazu, dass sich noch mehr Kurden der PKK anschließen. "Eine ganze Generation radikalisiert sich gerade", warnt Türkeiexperte Jenkins.

In türkischen Städten macht sich unterdessen eine regelrechte Pogromstimmung gegen Kurden breit. In Kayseri stürmte nach dem Anschlag am Samstag ein aufgebrachter Mob das Büro der HDP. Die Demonstranten warfen die Fensterscheiben ein und steckten das Gebäude in Brand. In der Türkei scheint gerade kaum noch jemand gewillt, die Eskalation der Gewalt aufzuhalten.

Mitarbeit: Eren Caylan

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Mara Cash 18.12.2016
1. Gewaltspirale
Nachdem Erdogan nach einer verhältnismäßig gemäßigten Phase alles über den Haufen geworfen und die PKK wieder zum Staatsfeind Nr. 1 erklärt hat (neben der Gülen-Bewegung), hat sich die Situation wieder erheblich verschlechtert. In der Südtürkei werden kurdische Städte incl. Zivilisten durch Polizei und Regierungstruppen getötet und die PKK (bzw. ihr Ableger TAK) antwortet mit Terroranschlägen. Das Problem ist die Rachsucht von Regierungsanhängern und auch der PKK. Auf dieser Grundlage sehe ich keine friedliche Option am Horizont - das ist verdammt traurig, aber wohl Realität.
carinanavis 18.12.2016
2. sicher getürkt
sind die Terroranschläge, die letztlich nur Erdogan die Argumente für ein hartes Vorgehen gegen die Kurden geben. Dem Westen gegenüber wird auch behauptet, man bekämpfe den IS, doch in Wirklichkeit richtet sich der Großteil der türkischen Angriff in den Nachbarstaaten gegen die Kurden, die wirklich den IS bekämpfen. Ebenso dürfte der höchstwahrscheinlich getürkte Gülen-Putsch in die Kategoerie Sender Gleiwitz und Golf von Tonkin gehören.
haresu 18.12.2016
3. Erdogan kann diesen Konflikt nicht gewinnen
Er kriminalisiert die gemäßigten, gewählten Vertreter der Kurden und legitimiert so indirekt die radikalen Gruppen. Die Bedrohung durch den Terror nützt ihm kurzfristig, langfristig aber kann er nicht gewinnen.
at.engel 18.12.2016
4.
Seltsamer Artikel! Spätestens seit Juli läßt sich das, was in der Türkei los ist, ja nicht mehr einfach als ein "Kurdenproblem" abtun. Da ist gerade ein autokratisches Regime dabei, seine Macht auszuweiten, und da dürfte weiten Teilen eines demokratisch gesinnten Bürgertums - einschließlich der Journalisten - nicht viel anderes übrig bleiben, als in irgendeiner Form in den Widerstand zu gehen. Hier jetzt ausschließlich von den Kurden zu reden, lenkt da vom eigentlichen Problem ab... mal ganz abgesehen davon, dass Erdogan die Kurden jetzt ganz klar auch außerhalb der Türkei mit Waffen bekämpft.
syuyucu34 18.12.2016
5. Ich bin kein Erdogan-Wähler aber
der Erdoğan, der für vieles verantwortlich gemacht wird, war derjenige, der trotz heftiger Kritik von allen Seiten in der TR Gesellschaft, den sogenannten Friedensprozess mit PKK fast 2 Jahre aufrechterhalten hat. Was hat PKK in der Zeit gemacht, in den Städten im Osten ganze Straßenzüge mit Bomben/Mienen besäet u. sich m. Gewalt zu Hunderten in den Wohnhäusern der Unschuldigen Leute eingenistet u.hatte nie Friedensabsicht. Jede operation der Sicherheitskräfte war der besonderen Freigabe durch den jeweiligen Gouverneur unterstellt, die auf Anweisung von Ankara keine Frigabe erteilt haben. Die meisten denken Erdogan hätte den Friedensprozess aufgekündigt. Das ist nicht richtig. Die PKK hat es erst gekündigt und 2 unschuldige Polizisten im Schlaf in deren Wohnung mit Kopfschüssen getötet. Bitte Chronologie genauer analysieren. Im Intro des Artikels steht das Wort 'Hinrichtungen' Wo und wer würde in der TR hingerichtet. Es gibt doch keine Todesstrafe in der TR. Bitte korrigieren, falls es doch keine Absicht war.
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