Istanbuler Wahlsieger Imamoglu Der Mann, der Erdogan triezt

In Istanbul hat die Erdogan-Partei eine überraschende Wahlschlappe kassiert - gegen Sozialdemokrat Ekrem Imamoglu. Im Rathaus sitzt der dadurch aber vorerst nicht. Sein größter Kampf kommt erst noch.
Ekrem Imamgolu: Shootingstar der Opposition

Ekrem Imamgolu: Shootingstar der Opposition

Foto: Lefteris Pitarakis / AP

Er ist jetzt nicht mehr der Herausforderer. Er ist der Wahlsieger. Und er will, dass die ganze Stadt und das ganze Land das wissen.

Bereits am frühen Montagmorgen vergangener Woche, die Kommunalwahl in der Türkei war gerade erst vorüber, aktualisierte Ekrem Imamoglu, Spitzenkandidat der Republikanischen Volkspartei (CHP) für Istanbul, seinen Twitteraccount. Er nennt sich seither "Istanbul Büyüksehir Belediye Baskani", Oberbürgermeister von Istanbul. Als er einen Tag später mit seiner Familie das Mausoleum von Staatsgründer Atatürk in Ankara besuchte, trug er sich mit genau diesem Titel in das Gästebuch ein.

Präsident Recep Tayyip Erdogan hat bei der Wahl am 31. März einen Rückschlag erlitten. Zwar holte seine Partei, die AKP, gemeinsam mit ihrem rechtsextremen Bündnispartner, der MHP, landesweit eine knappe Mehrheit der Stimmen. Sie verlor jedoch die Großstädte Istanbul, Ankara, Izmir und Antalya.

Vor allem die Niederlage in Istanbul dürfte schmerzen. Erdogan hat die Stadt in den Neunzigerjahren als Bürgermeister regiert. Die 15 Millionen Einwohner machen etwa ein Fünftel der türkischen Bevölkerung aus, was unter anderem erklärt, warum sich Erdogan weigert, das Ergebnis der Kommunalwahl anzuerkennen.

Erdogans Partei lobt das System - solange sie gewinnt

Die AKP hat veranlasst, dass die Stimmen in Istanbul neu ausgezählt werden. Ihr Spitzenkandidat, der frühere Premier Binali Yildirim, beklagt Manipulationen - ohne dafür irgendwelche Belege erbringen zu können. Die regierungstreue Zeitung "Star" schreibt gar von einem "Putsch an den Urnen".

Erdogans Leute haben das türkische Wahlsystem als "sicher und demokratisch" gepriesen. Solange sie gewonnen haben. Nun, im Moment der Niederlage, präsentieren sie sich als schlechte Verlierer. Und Ekrem Imamoglu muss feststellen, dass ihn sein Wahlerfolg nicht automatisch ins Istanbuler Rathaus führt.

Recep Tayyip Erdogan: Die Türkei ist gespalten in Freunde und Feinde des Präsidenten

Recep Tayyip Erdogan: Die Türkei ist gespalten in Freunde und Feinde des Präsidenten

Foto: Goran Tomasevic / Reuters

Der Sozialdemokrat ist der Shootingstar der Opposition. Dabei war der ehemalige Bürgermeister von Beylikdüzu, einem Bezirk im Westen Istanbuls, bis zu der Kommunalwahl kaum jemandem in der Türkei ein Begriff.

Er verkaufte sich als Bürgermeister aller Istanbuler Bürger

Imamoglu, 49 Jahre alt, überraschte seine Kritiker bereits im Wahlkampf. Während Präsident Erdogan eine aggressive, feindselige Kampagne führte, Konkurrenten als Terroristen beschimpfte und ihnen mit Gefängnisstrafen drohte, blieb Imamoglu gelassen. Er verzichtete auf Angriffe gegen die Regierung, versprach stattdessen, Bürgermeister aller Menschen in Istanbul zu sein.

Die Türkei unter Erdogan ist gespalten in Freunde und Feinde des Präsidenten. Imamoglu schafft es durch seine Biografie und sein Auftreten, auch auf das gegnerische Lager zuzugehen. Der CHP-Politiker stammt, wie Erdogan, vom Schwarzen Meer, einer Hochburg der Konservativen. Er scheute sich nicht, im Wahlkampf in Moscheen aufzutreten, weshalb später nicht nur Laizisten, sondern auch fromme Muslime für ihn stimmten. Hinzu kam, dass die linke, prokurdische Partei HDP zugunsten der CHP darauf verzichtete, in Istanbul einen eigenen Kandidaten ins Rennen zu schicken. Das dürfte letztlich den entscheidenden Unterschied ausgemacht haben.

Gute Nerven kann der Sozialdemokrat brauchen

Imamoglu hatte seine größte Stunde in der Wahlnacht selbst, als er die Nerven bewahrte, obwohl die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu zunächst einen hohen Vorsprung für die AKP vermeldete und sich sein Konkurrent, Binali Yildirim, früh zum Sieger erklärte. Bei den Präsidentschaftswahlen im Juni 2018 hatte CHP-Kandidat Muharrem Ince seine Anhänger empört, indem er in der Wahlnacht abtauchte. Imamoglu lernte aus Inces Fehlern und blieb präsent, bis die Wahlkommission am Montagmorgen überraschend seinen Sieg vermeldete.

Seine Nervenstärke könnte ihm nun auch im Streit über die Neuauszählung der Stimmen helfen. Die AKP hat bereits deutlich gemacht, dass sie Istanbul so einfach nicht verloren gibt - was zu Auseinandersetzungen vor Gericht, aber auch auf den Straßen führen könnte.

Imamoglu hat Erdogan an den Urnen geschlagen. Doch seine größte Bewährungsprobe dürfte ihm erst noch bevorstehen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.