Gezi-Opfer Berkin Elvan "Es gibt in diesem Land keine Gerechtigkeit"

Vor vier Jahren traf eine Tränengasgranate der Polizei Berkin Elvan - der Tod des Teenagers erschütterte die Türkei. Noch immer kämpft seine Familie für ihr Recht. Doch der Gegner ist mächtig.

Bilder von Berkin Elvan während einer Demonstration (Archivbild)
AP/dpa

Bilder von Berkin Elvan während einer Demonstration (Archivbild)

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Gülsüm Elvan feiert keine Geburtstage. Weder ihren eigenen noch die ihrer beiden Töchter. "Wie kann ich feiern, wenn mein Sohn Berkin tot ist?", fragt sie.

Polizisten trafen während der Gezi-Proteste am 16. Juni 2013 Berkin Elvan mit einer Tränengasgranate am Kopf. Er starb neun Monate später im Krankenhaus an seinen Verletzungen, wurde nur 15 Jahre alt. Die Tat, die sich am Freitag zum vierten Mal jährt, ist für viele Menschen in der Türkei ein Symbol für Willkürherrschaft und Polizeigewalt. Die Familie des Jungen kämpft bis heute um Gerechtigkeit.

Gülsüm Elvan, 45 Jahre alt, Hausfrau, sitzt gemeinsam mit ihrem Ehemann Sami in der Küche ihrer Wohnung im Istanbuler Arbeiterviertel Okmeydani. Sie trägt die schwarzen Haare offen, Jeans, Bluse. Ihre Augen sind gerötet. Die Elvans haben Berkins Fotos von den Wänden abgenommen und meiden die Straße, in der ihr Sohn getötet wurde. Sie sprechen kaum mit Nachbarn. "Ich ertrage die Erinnerung an Berkin nicht", sagt Gülsüm Elvan.

Gülsüm Elvan (rechts) bei einer Demo zum Jahrestag der Gezi-Proteste (im Mai 2017)
REUTERS

Gülsüm Elvan (rechts) bei einer Demo zum Jahrestag der Gezi-Proteste (im Mai 2017)

Hunderttausende Menschen waren im Frühsommer 2013 in der Türkei gegen die Regierung auf die Straße gegangenen. Recep Tayyip Erdogan, damals Premierminister, heute Präsident, ließ die Proteste, die sich an einem Streit um den Gezi-Park in Istanbul entzündet hatten, von der Polizei niederschlagen. Die Sicherheitskräfte setzten Wasserwerfer und Tränengas ein.

Der Fall Berkin Elvan löste landesweit Entrüstung aus

Berkin Elvan selbst hatte nicht an den Gezi-Demonstrationen teilgenommen. Er war am 16. Juni frühmorgens aus dem Haus gegangen, um für die Familie Brot zu kaufen. Die Polizisten schossen aus kurzer Distanz auf ihn. 269 Tage lang lag Elvan im Koma. Seine Familie und Freunde wollten die Hoffnung nicht aufgeben: "Halte durch, Berkin!", "Wache auf!", stand an Häuserwänden in Istanbul. Doch zuletzt wog er nur noch 16 Kilogramm. Elvan war das achte Todesopfer der Gezi-Proteste. Der Fall löste landesweit Entrüstung aus. Zu seiner Beerdigung in Istanbul kamen Tausende Menschen.

Oppositionelle betrachten den Angriff auf Elvan als einen weiteren Beleg dafür, wie rücksichtslos der türkische Staat gegen seine eigenen Bürger vorgeht, wie selbstverständlich Unschuldige Opfer von Repressionen werden. Präsident Erdogan beschimpfte Elvan als "Terroristen". "Polizeigewalt gegen Demonstranten ist ein weitreichendes Problem in der Türkei. Die Kultur der Straflosigkeit ist tief verwurzelt", sagt Emma Sinclair-Webb von Human Rights Watch.

Gülsüm und Sami Elvan warten bis heute darauf, dass die Verantwortlichen für den Tod ihres Sohnes belangt werden. Das Verfahren wurde von den Behörden hinausgezögert. Es hieß zunächst, die Täter könnten nicht identifiziert werden, und das, obwohl ein Überwachungsvideo vom Tatort vorlag. Ermittlungen wurden behindert, Staatsanwälte mehrfach ausgetauscht. "Es gibt in diesem Land keine Gerechtigkeit", sagt Sami Elvan.

In der Türkei wurden nach dem gescheiterten Putschversuch vom 15. Juli 2016 Zehntausende Staatsbeamte im Eilverfahren suspendiert oder als vermeintliche Verschwörer verhaftet. Im Fall Elvan hingegen dauerte es fast vier Jahre bis zum Prozessbeginn.

Erst seit Anfang April muss sich der Polizist, der auf Berkin Elvan schoss, nun doch in Istanbul vor Gericht verantworten. Seiner Arbeit darf der Mann trotzdem weiter nachgehen. Can Atalay, der Anwalt der Elvans, sagt, dass eine Verurteilung des Polizisten kaum ausreichen würde. "Es gehören die Politiker vor Gericht, die diesen Einsatz befohlen haben."

Mitarbeit: Eren Caylan

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kakadu 16.06.2017
1. Unrechtstaat Türkei
Die türkische Bevölkerung schweigt. Sie lassen es zu, daß die Nationalisten die Demokratie abschaffen. Religiöse und nationalistische Ideologien werden zur Identität von Türken. Man darf dabei nicht vergessen, daß Millitarismus auch schon früher zur Identität gehörte (Alle bereit für die Waffe um das Land zu verteitigen). Eine gefährliche Mischung. Mich würde es nicht verwundern, wenn bald angekündigt wird, daß die Türkei an einer Atombombe baut.
elveda 17.06.2017
2. Brot holend oder doch Brandbomben werfend?
Es gibt in den sozialen Medien unzählige Fotos, die diesen jungen Terroristen Molotow-Cocktail werfend zeigen. Von wegen nur Brot holend... Angeklagt gehört nicht der Polizist, der um sein Leben fürchten musste, sondern die Erziehungsberechtigten dieses Jungen. Eltern haften für ihre Kinder. Insbesondere dann, wenn sie ihn zu Hass und Gewalt erziehen.
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