Wahlkampf in der Türkei Erdogan droht kritischem Journalisten

Ein türkischer Journalist hat über angebliche Waffenlieferungen an Extremisten in Syrien berichtet - trotz Nachrichtensperre. Dafür hat Präsident Erdogan dem Autor nun gedroht, er werde "einen hohen Preis dafür bezahlen".

Präsident Erdogan im Wahlkampf: Beklagt "Unterstellungen" durch Bericht
AP/dpa

Präsident Erdogan im Wahlkampf: Beklagt "Unterstellungen" durch Bericht


Vor der Parlamentswahl am kommenden Sonntag ist der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan im Wahlkampfmodus. Dabei herrscht in der Türkei ein rauer Ton - auch gegen unliebsame Medien. Journalist Can Dündar hatte über angebliche Waffenlieferungen an Extremisten in Syrien berichtet - nun hat ihm Erdogan offen gedroht. Der Chefredakteur der regierungskritischen Zeitung "Cumhuriyet" werde "einen hohen Preis dafür bezahlen", sagte Erdogan im Staatssender TRT.

Die Zeitung hatte in der vergangenen Woche Aufnahmen veröffentlicht, die eine entsprechende Waffenlieferung aus der Türkei Anfang 2014 belegen sollen. Und das, obwohl die Behörden eine Nachrichtensperre über den Fall verhängt hatten. Die türkische Staatsanwaltschaft leitete am Freitag Ermittlungen gegen "Cumhuriyet" wegen Terrorpropaganda und Spionage ein.

Bei dem Bericht handele es sich um "Unterstellungen" und um eine "Spionageaktion", kritisierte der Präsident beim TV-Interview. Nach Darstellung der türkischen Regierung handelte es sich bei der Lieferung um Hilfsgüter. Autor Dündar antwortete auf Twitter mit Blick auf die Waffenlieferungen: "Derjenige, der dieses Verbrechen begangen hat, wird einen hohen Preis dafür bezahlen."

Auch mit Blick auf seinen neuen Palast weist Erdogan Kritik zurück: Den Vorwurf von Oppositionschef Kemal Kilicdaroglu, er habe sich in seinem umstrittenen neuen Zuhause goldene Toilettenbrillen einbauen lassen, wies der Staatschef zurück. Er lud Kilicdaroglu zudem zu einer persönlichen Inspektion ein und bot seinen Rücktritt an, sollte der Oppositionschef fündig werden.

Der Chef der Republikanischen Volkspartei (CHP) hatte Erdogan angegriffen: "Paläste wurden für Sie gebaut, Flugzeuge und goldene Toilettensitze gekauft", sagte Kilicdaroglu bei einem Wahlkampfauftritt in Izmir. "Wie können Sie den Volkswillen vertreten, wenn Sie auf einer goldenen Toilettenbrille sitzen?"

Der umstrittene Palast in einem Vorort von Ankara verfügt über 1150 Räume, das Gelände umfasst rund 200.000 Quadratmeter. Kritiker sehen die umgerechnet 490 Millionen Euro teure Anlage als Beweis für eine zunehmend autoritäre Amtsführung Erdogans an.

vek/dpa/AFP

insgesamt 8 Beiträge
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recepcik 01.06.2015
1. Nichts Neues vom Möchtegern Sultan
Das es in der Türkei keine Pressefreiheit gibt und die Presse ist gleichgeschaltet. Die wenigen kritischen Töne schaltet man mittels der Richter aus die nicht mehr unabhängig sind da auch die Gewaltenteilung abgeschafft wurde und alle Staatsanwälte und Richter auf die Lippen von Sultan Erdogan blicken.
Tolotos 01.06.2015
2. Macht das die Türkei nicht zu einem optimalen EU-Beitrittskandidaten?
Unsere Politiker scheinen sich ja schließlich angewöhnt zu haben, mit undemokratischen Tendenzen von Mitgliedern und Beitrittskandidaten relativ tolerant umzugehen.
ziehenimbein 01.06.2015
3. Gewählt ist gewählt, ob es allen gut
gefällt etwas ganz anderes. Er hat mit Sicherheit die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich, die ihn auch gerade wegen solcher Äußerungen schätzt und geradezu bewundert. Wenn man in Bayern könnte wie man wollte, liefe es da auch nicht viel anders ab.
dat_fretchen 02.06.2015
4. Und so ein Land...
...will in die EU? Was haben unterdrückte Medien mit unserer Pressefreiheit zu tun? Allein so eine Drohung gegenüber einen Medienvertreter würde es (hoffentlich) in unserer zivilisierten Welt nicht geben. Geschweige denn so ein Protzbau. Aber anscheinend, gibt es nach wie vor viele, die hinter ihm stehen...
jgwmuc 02.06.2015
5.
begreift in der Türkei, begreifen die in Europa lebenden Türken nicht, das ihr Land 3 Minuten vor einer absoluten Diktatur steht. Haben die in der EU lebenden Türken nichts über Demokratie gelernt?
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