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16. Juni 2013, 18:05 Uhr

Proteste in der Türkei

Erdogan macht Stimmung gegen ausländische Medien

Der türkische Ministerpräsident hat einen neuen Gegner ausgemacht: Erdogan kritisierte BBC, CNN und Reuters für Berichte über die Protestbewegung vom Gezi-Park. Die Medien betrieben Desinformation, behauptet der Premier.

Istanbul - Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hat internationalen Medien vorgeworfen, falsch über sein Land zu berichten. In einer Rede vor Hunderttausenden von Anhängern seiner islamisch-konservativen Regierungspartei AKP behauptete er am Sonntag in Istanbul, die britische BBC, der US-Nachrichtensender CNN und die Nachrichtenagentur Reuters betrieben Desinformation. Wer das (wahre) Bild der Türkei sehen möchte, hier ist es", sagte Erdogan.

Die AKP veranstaltete ihre Kundgebung als Antwort auf die Protestwelle auf dem größten Platz von Istanbul im Vorort Zeytinburnu. Das Treffen stand unter dem Motto "Los, lasst uns das große Spiel stören und Geschichte schreiben!". Nach Ansicht von Beobachtern ist mit dem "großen Spiel" eine angebliche "Verschwörung" gemeint, die das Ziel haben soll, den wirtschaftlichen Aufschwung der Türkei zu stoppen.

In den vergangenen Tagen hatten bereits einige Tageszeitungen aus dem religiösen Spektrum Stimmung gegen ausländische Medien gemacht. Mehrere türkische Medien waren von der Gezi-Park-Protestbewegung kritisiert worden, weil sie kaum über das gewaltsame Vorgehen der Polizei gegen demonstrierende Regierungsgegner berichtet hatten.

Die Regierungsgegner setzen ihre Proteste indes fort. Im Internet riefen sie für Sonntagnachmittag dazu auf, mit einer Million Menschen zum Taksim-Platz zu ziehen, der unmittelbar neben dem Gezi-Park im Zentrum der Bosporus-Metropole liegt. Ungefähr zeitgleich wurden die Anhänger von Erdogans AKP-Partei zu Zehntausenden in Istanbul erwartet. Damit drohten neue Ausschreitungen.

Gewerkschaft ruft zu landesweitem Streik auf

In der Nacht war die Gewalt in der Innenstadt eskaliert. Sicherheitskräfte stürmten den Gezi-Park und setzten dabei erneut Tränengas und Wasserwerfer ein. Hunderte Aktivisten flohen in Seitenstraßen. Etliche Verletzte wurden Augenzeugen zufolge aus dem Park getragen und in Krankenwagen abtransportiert. Die Polizei feuerte Tränengas in die umliegenden Straßen, um die Demonstranten weiter zu vertreiben. Viele von ihnen flüchteten in Panik in ein Hotel am Rande des Parks. Einige hätten sich dort übergeben müssen. Familien mit kleinen Kindern seien in die Seitenstraßen gerannt, um sich vor der Polizeigewalt zu schützen.

Auch im Zentrum Ankaras gingen erneut Hunderte Demonstranten auf die Straßen. Die Polizei setzte Tränengas ein, um sie zu vertreiben. Der Gewerkschaftsdachverband Kesk, der rund 240.000 Menschen im Öffentlichen Dienst vertritt, rief für Montag zu einem landesweiten Streik auf. Ein weiterer Gewerkschaftsverband beriet, ob man sich dem Ausstand anschließen werde. Ursprünglich richtete sich der Widerstand einzelner Gruppen gegen die Bebauungspläne der Regierung für den Gezi-Park.

cte/dpa/Reuters

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