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16. Juni 2013, 20:50 Uhr

Rede in Istanbul

Erdogan, der Hassprediger

Aus Istanbul berichtet

Er lässt mit brutaler Gewalt den Gezi-Park räumen, beschimpft die Demonstranten als Terroristen und hetzt gegen ausländische Medien: Premier Erdogan heizt den Konflikt in der Türkei erneut an. Ein Ende des Protests gegen ihn ist nicht in Sicht.

Für kurze Zeit sah es so aus, als würde der Premier einlenken, als hätte Recep Tayyip Erdogan aus der Revolte gegen seine Regierung in den vergangenen Wochen gelernt.

Mitte der Woche traf er sich mit Demonstranten, die sich für den Erhalt des Gezi-Parks in Istanbul einsetzen. Er sagte, die Richter würden über die Zukunft des umstrittenen Parks beraten und stellte ein Referendum in Aussicht. Erdogan, der Despot, als Schlichter? Spätestens seit Sonntagabend steht fest, dass daraus nichts werden wird.

Bereits am Samstag bekräftigte Erdogan bei einer Kundgebung in Ankara das Ende seiner Geduld. In der Nacht setzten seine Sicherheitskräfte diese Ankündigung um: Sie ließen den Gezi-Park, der in den vergangenen Wochen zum Symbol des Widerstands wurde, von Bulldozern räumen. Sie verfolgten Demonstranten und knüppelten sie nieder; sie schossen Tränengas in Cafés und Hotels, in die die Menschen flohen. Ärzte, die Verwundete behandelten, wurden verhaftet.

Am Sonntag gingen die Menschen in der Türkei trotzdem wieder gegen die Regierung auf die Straße. Zur gleichen Zeit hält Erdogan in Istanbul eine denkwürdige Rede. Liberale Kommentatoren werden sie später als "beängstigend" und "hasserfüllt" beschreiben.

Hunderttausende Anhänger Erdogans haben sich auf einem Feld an der Küste versammelt. Sie wurden mit Bussen aus der gesamten Region herangekarrt. Sie tragen türkische Fahnen und Porträts Erdogans bei sich. Funktionäre der AK-Partei, darunter Europaminister Egemen Bagis, stacheln die Zuhörer an.

Erdogan will den Konflikt

Dann betritt Erdogan die Bühne. Seine Anhänger skandieren "Türkiye! Türkiye!" Erdogan hebt triumphierend die Arme. Der Premier, daran besteht kein Zweifel, ist nicht als Moderator nach Istanbul gekommen. Er strebt keine Versöhnung an. Er will den Konflikt.

Erdogan beschwört ein türkisches Weltreich, grüßt seine Unterstützer auf dem Balkan, in Angola, im Irak. "Wo ist Sarajevo, wo ist Gaza heute Abend?", ruft er. Seine Stimme überschlägt sich. Er wirkt in diesem Moment nicht mehr wie der demokratisch gewählte Regierungschef einer der größten Volkswirtschaften der Welt. Er wirkt wie ein durchgedrehter Despot.

Erdogan richtet sich an die ausländischen Medien: "CNN, Reuters, bleibt allein mit euren Lügen!", ruft er. Seit Tagen versucht Erdogan die Proteste gegen ihn, die als Kampagne gegen den Abriss eines Parks in Istanbul begannen und sich zu einer landesweiten Revolte gegen die AKP-Regierung ausgeweitet haben, als Verschwörung ausländischer Mächte zu diskreditieren. "Diese Kräfte wollen der Türkei schaden."

Schließlich wendet er sich direkt an die Demonstranten. Er nennt sie erneut Terroristen, Plünderer. Sie seien keine wahren Türken und sollten sich in Acht nehmen. "Wer gegen die Türkei arbeitet, wird zittern vor Angst." Hoteliers, die diese "Terroristen" versteckten, werde er zur Rechenschaft ziehen.

Erdogans Rede könnte sich noch als fatal erweisen. Die Stimmung ist ohnehin angeheizt. Erdogan gießt nun weiter Öl ins Feuer. Anstatt auf die Protestierenden zuzugehen, verunglimpft er sie. Doch mit jedem Angriff treibt er nur noch mehr Menschen auf die Straße. Längst hat der Protest Bürger aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Gruppen vereint.

Während Erdogan spricht, sitzen in Istanbul junge Demonstranten vorm Fernseher, Studenten, Künstler, Anwälte. Sie sind fassungslos. Sie können nicht glauben, dass sie von ihrem Ministerpräsidenten als Staatsfeinde denunziert werden.

"Istanbul, sind wir eins? Istanbul, sind wir vereint? Istanbul, sind wir Brüder?", ruft Erdogan nach fast zwei Stunden. Zu dieser Zeit haben sich einige Kilometer weiter um den Taksim-Platz erneut zehntausende Demonstranten versammelt. Sie trotzen dem Tränengas der Polizei und fordern Erdogans Rücktritt.

Mitarbeit: Mirjam Schmitt

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