Türkischer Präsident Erdogan wirft Europa Islamfeindlichkeit vor

Der türkische Präsident Erdogan sieht in Europa Islamophobie und Rassismus auf dem Vormarsch. Die Presse in der Türkei hingegen lobt die Anti-Pegida-Kundgebungen in Deutschland.

Präsident Erdogan: Westliche Medien verbreiten Lügen über die Türkei
AP

Präsident Erdogan: Westliche Medien verbreiten Lügen über die Türkei


Ankara - Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat Europa vorgeworfen, eine wachsende Islamfeindlichkeit tatenlos hinzunehmen. Jeden Tag würden Muslime und Moscheen attackiert, während die Sympathie für rassistische Organisationen wachse, sagte Erdogan in einer vom Fernsehen übertragenen Rede vor türkischen Botschaftern in Ankara. Die Türkei warne vor diesen Entwicklungen.

Als Beispiel für die angeblich wachsenden rassistischen Tendenzen in Europa verwies Erdogan auf die Behandlung der Roma in europäischen Staaten: "Sie wissen ja, was man dort den Roma angetan hat", sagte er. Damit spielte er offenbar auf die kürzliche Weigerung eines französischen Bürgermeisters an, ein gestorbenes Roma-Mädchen auf dem Friedhof seiner Gemeinde beisetzen zu lassen. Die Pegida-Bewegung in Deutschland erwähnte Erdogan nicht.

Niederländische Journalistin offenbar festgenommen

Hart ging Erdogan mit den westlichen Medien ins Gericht. Diese verbreiteten "Lügen" über die Türkei, sagte er mit Blick auf kritische Berichte über die Entwicklungen in seinem Land. Der Präsident forderte die Botschafter der Türkei auf, sich gegen diese Berichterstattung zu wehren.

Zugleich sagte Erdogan, die Medien in der Türkei seien freier als in anderen europäischen Staaten oder anderswo.

Am selben Tag meldete die niederländische Journalistin Frederike Geerdink über Twitter, sie sei von der türkischen Antiterror-Polizei im südostanatolischen Diyarbakir nach einer Hausdurchsuchung festgenommen worden. Ihr werde Propaganda für eine Terrororganisation vorgeworfen.

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Türkische Medien loben Anti-Pegida-Demos

Die türkischen Medien haben - im Gegensatz zu Erdogan - die gut besuchten Kundgebungen gegen die Pegida-Bewegung in Deutschland als Zeichen einer entschlossenen Haltung gegen Islamfeindlichkeit gelobt. Die halbamtliche Nachrichtenagentur Anadolu meldete, die Menschen in der Bundesrepublik hätten angesichts der islamkritischen Bewegung "Stopp" gesagt. Die Zeitung "Hürriyet" betitelte das Ausschalten der Beleuchtung des Kölner Doms mit der Zeile: "Verdunklung gegen die Islamophobie".

Mehrere türkische Medien räumten der Berichterstattung über die Anti-Pegida-Kundgebungen viel Raum ein. "Zorn gegen Islamophobie", hieß es in der regierungsnahen Zeitung "Aksam". Die ebenfalls regierungsfreundliche "Star" meldete, in Deutschland seien "Tausende gegen Islam-Feindlichkeit" auf die Straße gegangen.

Die türkische Regierung warnt seit langem vor Islam- und ausländerfeindlichen Tendenzen in Deutschland und anderen europäischen Staaten. Ministerpräsident Ahmet Davutoglu hatte erst am vergangenen Freitag ein gemeinsames Eintreten gegen Islamophobie gefordert. Der frühere Außenminister Davutoglu tritt am kommenden Sonntag seinen ersten Deutschlandbesuch als Regierungschef an.

Rückschlag für Kurdenpartei

Unterdessen lehnte das türkische Verfassungsgericht einen Vorschlag ab, die Zehn-Prozent-Hürde abzusenken, die Parteien erreichen müssen, um ins Parlament einzuziehen. Die Entscheidung ist ein Rückschlag für die kurdische Partei HDP. Die Unterstützung der HDP schwankt um die zehn Prozent. Im Juni finden in der Türkei Parlamentswahlen statt.

mka/AFP/dpa/Reuters



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