Veranstaltung in Ankara Erdogan wütet gegen kritischen Redner

"Wie können Sie so unverschämt sein?": Der türkische Premier Erdogan hat bei einer öffentlichen Veranstaltung die Fasson verloren. Wütend attackierte er einen Festredner und stürmte dann aus dem Saal.
Türkischer Regierungschef Erdogan: "Wie können Sie so unverschämt sein?"

Türkischer Regierungschef Erdogan: "Wie können Sie so unverschämt sein?"

Foto: AP

Istanbul - Es war ein selbst für Erdogan ungewöhnlich aufbrausender Auftritt: Bei einer live im Fernsehen übertragenen Veranstaltung zum Jahrestag der Gründung des Verfassungsrats am Samstag in der Landeshauptstadt Ankara erhob sich der türkische Ministerpräsident, 60, plötzlich von seinem Stuhl in der ersten Reihe und warf dem Redner, Anwaltskammerpräsident Metin Feyzioglu, vor, Respektlosigkeiten und Lügen zu verbreiten. Wutentbrannt verließ Erdogan daraufhin zusammen mit seiner Entourage den Saal.

"Sie sprechen die Unwahrheit, wie können Sie so unverschämt sein? Dies ist eine völlig politische Rede voller Lügen", habe Erdogan mit lauter Stimme gerufen, berichten Nachrichtenagenturen. An der Zeremonie hatte auch der türkische Staatspräsident Abdullah Gül teilgenommen, der danach sein Erstaunen über den Wutausbruch seines Parteifreunds in der konservativen AKP zeigte.

Feyzioglu hatte Erdogan zuvor "zunehmenden Autoritarismus" vorgeworfen und den Ministerpräsident für dessen Vorgehen bei der Krisenbewältigung nach dem schweren Erdbeben in der Region Van kritisiert. Der prominente Jurist nahm die Vorwürfe des Regierungschefs ungerührt hin und sagte anschließend unter Applaus eines Teils des Publikums, er habe eine "konstruktive und verfassungsmäßige Rede" gehalten, die keineswegs "anstößig" gewesen sei.

Nervosität vor Präsidentschaftswahlen

Die Animositäten zwischen Erdogan und Feyzioglu reichen allerdings schon etwas weiter zurück. Der Rechtsprofessor ist für seine scharfe Kritik an der islamisch-konservativen Regierung Erdogans bekannt, die seit Monatenwegen einer Korruptionsaffäre und der Niederschlagung der Bürgerproteste im Gezi-Park unter Druck steht. Wie andere Kritiker wirft Feyzioglu Erdogan die Unterdrückung abweichender Meinungen vor. Erdogan hatte im Zuge der Aufdeckung des Korruptionsskandals, in den er und seine Familie verwickelt sind, ermittelnde Juristen und Polizeibeamte gleich reihenweise suspendieren lassen.

Erdogan reagiert oft sensibel auf Kritik. Allerdings scheinen die Nerven des für seinen rauhen Stil so berüchtigten wie populären Politikers zunehmend blank zu liegen. Noch im vergangenen Monat ertrug er die Vorhaltung exzessiver politischer Einmischung bei einer Rede des Verfassungsratsvorsitzenden mit eisigem Schweigen, äußerte danach jedoch seine Betroffenheit über die harschen Worte des obersten Richters Hasim Kilic.

Als Bundespräsident Joachim Gauck bei einem Besuch Ende April vor Gefahren für die Demokratie durch Einschränkungen von Meinungs- und Pressefreiheit sowie Eingriffe in die Gewaltenteilung warnte, wies Erdogan die Kritik scharf zurück und warf Gauck vor, sich in die inneren Angelegenheiten seines Landes einzumischen, es kam zum diplomatischen Eklat. Die Nervosität des Regierungschefs hat seinen Grund wahrscheinlich in den nahenden Präsidentschaftswahlen im August. Seine Kandidatur für das prestigeträchtige und mächtige Amt muss der seit 2003 regierende Erdogan erst noch bekannt geben.

Anmerkung: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, Erdogan selbst habe bei der genannten Veranstaltung gesprochen und nur 25 Minuten Redezeit gehabt. Das ist falsch, Erdogan trat nicht als Redner auf, sondern empörte sich nur über den Redner. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

bor/AFP/Reuters
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