Türkei Erster islamistischer Regierungschef Erbakan gestorben

Necmettin Erbakan war der Mentor des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan und wurde 1996 selbst der erste islamistische Regierungschef des Landes. Am Sonntag ist der Politiker gestorben.

Necmettin Erbakan: Von der Armee aus dem Amt gedrängt
REUTERS

Necmettin Erbakan: Von der Armee aus dem Amt gedrängt


Ankara - Die Türkei trauert um Necmettin Erbakan: Der frühere Regierungschef starb am Sonntag im Alter von 84 Jahren an Herzversagen, sagte einer seiner Angehörigen dem türkischen Sender NTV.

Erbakan, der Mitte der neunziger Jahre an die Macht kam, war nach Angaben des Senders Anfang Januar wegen einer Infektion im Krankenhaus behandelt worden. Ein Arzt einer Klinik in Ankara, der Erbakan seitdem betreute, bestätigte seinen Tod. Demnach verschlechterte sich sein Zustand am Sonntagmorgen rapide.

Erbakan galt auch als Mentor des derzeitigen türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan. Dieser würdigte Erbakans "hartnäckigen Charakter" und seine Prinzipien sowie seine Leistungen als Lehrender.

Veruntreuung von Parteigeldern

Erbakan war 1996 an der Spitze einer Koalitionsregierung der erste islamistische Ministerpräsident der Türkei geworden. Im Juni 1997 wurde er von der Armee aus dem Amt gedrängt. Seine islamistische Wohlfahrtspartei (RP) wurde im Januar 1998 verboten, Erdogan gründete darauf die heutige Regierungspartei AKP.

Erbakan versuchte, durch die Gründung der Tugendpartei politisch wieder Fuß zu fassen. Als das Verfassungsgericht auch diese Partei verbot, wurde als deren Nachfolgerin die Seligkeitspartei (Saadet) ins Leben gerufen, zu deren Vorsitzendem Erbakan gewählt wurde.

Im Jahr 2002 wurde er wegen Veruntreuung von Parteigeldern zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt, konnte die Vollstreckung des Urteils jedoch aus gesundheitlichen Gründen mehrmals aufschieben. Im August 2008 schließlich erließ Staatspräsident Abdullah Gül Erbakan den Rest seiner Strafe.

böl/AFP



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Der_Alex 27.02.2011
1. Wo ist Herr Atatürk?
Zitat von sysopNecmettin Erbakan*war der Mentor des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan und wurde 1996 selbst der erste islamistische*Regierungschef des Landes. Am Sonntag ist der Politiker gestorben. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,747990,00.html
Wäre Herr Atatürk am Leben, so hätte er so was wie Erdogan oder Erbakan niemals an die Macht geschweige so eine Rede, wie es Herr Erdogan gehalten hat, zu gelassen. Trauer um diesen Mann kann Europa nicht halten, denn warum sollte man um jemanden trauern, der das moderne Türkei zerstören möchte und die neuen Freigeister verstummen. Wir können hoffen, dass die kommende Generation sich nicht von Verboten locken lassen, sondern ihrem Freigeist eine Autobahn bauen.
Georgius 27.02.2011
2. Schade
Zitat von sysopNecmettin Erbakan*war der Mentor des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan und wurde 1996 selbst der erste islamistische*Regierungschef des Landes. Am Sonntag ist der Politiker gestorben. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,747990,00.html
ich habe Necmettinbay persoenlich kennengelernt. Nach dem Wahlsieg der Islampartei wurden in den Behoerden die Positionen neu mit Gefolgsleuten besetzt. Mein national counterpart war das Jahr zuvor gestorben und als Neuer kam der Wahlkampfmanager von Erbakan - ein junger Mann von damals etwas ueber 40 Jahren, der zum Wahlsieg gut beigetragen hatte. Der "schleppte" mich dann in den ersten 2 Wochen zu seinem ehemaligen Chef. Es wurde ein sehr interessantes Gespraech ueber 2 Stunden. Necmettinbay konnte recht gut Deutsch - hatte auch in Deutschland studiert - und fachlich waren wir uns ziemlich einig. Dann begann er mit politischen Themen, was ich aus meiner Position heraus ablehnte, Stellung zu beziehen. Aber er bohrte nach. Ich habe das dann beschraenkt auf die Brueckenfunktion der Tuerkei nicht nur geographisch sondern auch politisch als Mittler zwischen dem Nahen u. Mittleren Osten und Europa. Hier kam dann auch der Islam zur Sprache und dessen zukuenftiger Einfluss auf Europa. Necmettinbay begann bei dem Thema mehr Tuerkisch zu reden er wusste nicht, dass ich verstehe und als ich auf Tuerkisch antwortete, kam er leicht in Rage. Kurze Zeit spaeter machte er einen Arbeitsbesuch bei seinem Kollegen Gaddafi in Libyen, der ihm regelrecht den Kopf wusch, dass er - Erbakan - in der Tuerkei Glaubensbrueder (Kurden) umbringen lasse. Das war natuerlich sehr ernuechternd. Erbakan war leicht cholerisch veranlagt aber hatte doch wohl ein ziemlich schweres Leben. Allen, die um Necmettinbay trauern moechte ich hiermit mein Beileid aussprechen. George in Saigon
atherom 27.02.2011
3. Vielleicht sollte man noch ergänzen, was Erbakan
Zitat von Georgiusich habe Necmettinbay persoenlich kennengelernt. Nach dem Wahlsieg der Islampartei wurden in den Behoerden die Positionen neu mit Gefolgsleuten besetzt. Mein national counterpart war das Jahr zuvor gestorben und als Neuer kam der Wahlkampfmanager von Erbakan - ein junger Mann von damals etwas ueber 40 Jahren, der zum Wahlsieg gut beigetragen hatte. Der "schleppte" mich dann in den ersten 2 Wochen zu seinem ehemaligen Chef. Es wurde ein sehr interessantes Gespraech ueber 2 Stunden. Necmettinbay konnte recht gut Deutsch - hatte auch in Deutschland studiert - und fachlich waren wir uns ziemlich einig. Dann begann er mit politischen Themen, was ich aus meiner Position heraus ablehnte, Stellung zu beziehen. Aber er bohrte nach. Ich habe das dann beschraenkt auf die Brueckenfunktion der Tuerkei nicht nur geographisch sondern auch politisch als Mittler zwischen dem Nahen u. Mittleren Osten und Europa. Hier kam dann auch der Islam zur Sprache und dessen zukuenftiger Einfluss auf Europa. Necmettinbay begann bei dem Thema mehr Tuerkisch zu reden er wusste nicht, dass ich verstehe und als ich auf Tuerkisch antwortete, kam er leicht in Rage. Kurze Zeit spaeter machte er einen Arbeitsbesuch bei seinem Kollegen Gaddafi in Libyen, der ihm regelrecht den Kopf wusch, dass er - Erbakan - in der Tuerkei Glaubensbrueder (Kurden) umbringen lasse. Das war natuerlich sehr ernuechternd. Erbakan war leicht cholerisch veranlagt aber hatte doch wohl ein ziemlich schweres Leben. Allen, die um Necmettinbay trauern moechte ich hiermit mein Beileid aussprechen. George in Saigon
zuletzt gesagt hatte: Erdogan (Anm.: sein ehemaliger Schüler) sei inzwischen zum Agenten der Zionisten geworden. Durch gewaltige Verschuldung habe Erdogan dazu geführt, dass jetzt Juden an der Türkei verdienen. Offensichtlich hatte noch nicht verstanden (was hoffentlich die Welt endlich versteht), was die Probleme der islamischen sind. Israel ist nicht und erstaunliche Weise verstehen das inzwischen viele Araber. Erbakan nicht.
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