Türkei Ex-Präsident Gül kritisiert EU in Flüchtlingskrise

Brüssel müsse Verantwortung in der Flüchtlingskrise übernehmen, fordert der türkische Ex-Staatschef Gül in einem Interview. Dass die Türkei bisher nicht in die EU aufgenommen worden sei, bezeichnet er als "schweren Fehler".

Ex-Präsident Gül in Schweden (Archivbild): Kritik an EU-Flüchtlingspolitik
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Ex-Präsident Gül in Schweden (Archivbild): Kritik an EU-Flüchtlingspolitik


Der ehemalige türkische Präsident Abdullah Gül rechnet mit der europäischen Politik ab. Seine Kritik an der Einwanderungspolitik der Europäischen Union ist scharf: "Man hört oft, dass Europa ein globaler Akteur sein will. Dann muss es sich auch wie ein globaler Akteur verhalten", sagte Gül der "Süddeutschen Zeitung".

Im Nahen Osten würden Staaten wie Syrien, Irak und Jemen zerfallen und sich selbst zerstören. Dort spielten sich "unendlich viele menschliche Dramen" vor den Augen der Weltöffentlichkeit ab, so Gül. Deswegen könne die EU nicht länger so tun, als ginge sie das nicht viel an. "Europa muss hier zeigen, dass es Verantwortung übernimmt, hilft, Flüchtlinge aufnimmt", fordert der Ex-Staatschef. Wer jetzt nicht handele, werde früher oder später selbst von den Problemen getroffen.

Die EU-Staaten streiten seit Monaten über eine gerechtere Verteilung von Flüchtlingen. Hunderttausende Menschen fliehen vor dem Bürgerkrieg in Syrien. Die Zahl der Menschen, die in Europa Zuflucht suchen, ist massiv gestiegen. Die Türkei hat seit Beginn des Bürgerkriegs vor mehr als vier Jahren bereits mehr als zwei Millionen Syrer aufgenommen.

Mit Blick auf die Beitrittsverhandlungen zwischen Türkei und EU zeigte sich der ehemalige Präsident enttäuscht. Die EU habe offenbar kein großes Interesse mehr, die Türkei aufzunehmen. "Ich bedauere besonders, dass die EU in der Türkei keinen strategischen Gewinn, keinen zentralen Partner sieht", sagte Gül. Er halte dies "für einen schweren Fehler".

"Eine EU mit einem islamischen Mitgliedsland - das würde großen Widerhall auf der ganzen Welt finden", sagte der Politiker, der nach dem Ende seiner Amtszeit wieder in die regierende AKP eingetreten ist. Eine EU-Mitgliedschaft der Türkei wäre aus seiner Sicht eine "großartige Botschaft" und in der derzeitigen krisenhaften Situation eine historische Leistung. "Als unsere Beitrittsverhandlungen begannen, gab es eine große Begeisterung und Unterstützung in der arabisch-islamischen Welt", so Gül.

vek/AFP



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Sonia 08.07.2015
1. Die Türkei leistet Enormes
gerade für syrische u. irakische Flüchtlinge. Das sollten wir auch tun. Aber die Mehrzahl der bei uns Ankommenden sind aber vor allem Osteuropäer, Afrikaner auch aus sog. afrikanischen Boomstaaten u. Tunesier etc. Auch in der deutschen Bevõlkerung ist m.E. die Akzeptanz sehr groß "echten" Flüchtlingen Schutz zu bieten.In der Tùrkei, das fehlt in dem Artikel, werden weder Afrikaner nich Osteuropäer aufgenommen. Die Türkei setzt "echtes" Asylrecht besser durch. Wenn das Europa auch täte, gäbe es die vielen, zu gern verniedlichten oder verschwiegenen Probleme gar nicht.
C. Goldbeck 08.07.2015
2. In einigen Punkten muss ich Gül wohl zustimmen, in der EU Frage zur Mitgliedschaft jedoch nicht.
Hätte nicht gedacht, dass ich mal Gül in einigen Punkten zustimmen muss. Ja, die europäische Flüchtlingspolitik ist leider nicht optimal, z.T. desaströs und es ist völlig richtig, Europa müsste sich als Global Player viel mehr in der Welt engagieren und auch mehr Verantwortung übernehmen. Europa muss auch bereit sein, unangenehme Entscheidungen zu treffen. Die Türkei in die europäische Gemeinschaft aufzunehmen, daran hab ich vor Jahren geglaubt. Doch Erdogan hat das Land auf einen Weg gebracht, der die Türkei weg von Europa, hin zu einem neuen osmanischen Reich führen soll. Und ein osmanisches Reich in Europa ist nicht akzeptabel. Die Europäer haben schon genug Probleme mit Orban, da braucht es nicht auch noch einen Erdogan, der die IS, Hamas und religiöse Fanatiker unterstützt, der die Meinungs- und Pressefreiheit mit Füßen tritt und obendrein auch noch die Justiz erpresst.
sapere+aude 08.07.2015
3.
Guten Morgen, die Selbstverständlichkeit, mit der Herr Gül sagt "Eine EU mit einem islamischen Mitgliedsland", bringt doch schon den Wandel zum Ausdruck. Als die Türkei 1959 den Assoziierungantrag der Türkei an die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft stellte, war das Staatsverständnis doch nach allem, was man über Kemal Atatürk weiß, sehr laizistisch. Seit Herrn Erdogan sind sie auf dem Weg zum autokratischen Gottesstaat - der passt halt nicht mehr. So ändern sich die Zeiten. sapere+aude
politicsprofiler 08.07.2015
4. Wo steht eigentlich die Türkei?
Die Türkei lässt IS - Kämpfer über ihre Grenze ins Kampfgebiet einsickern. Straßenverbindungen von der Türkei zu IS-Gebieten sind umkämpfte Nachschublinien für den IS. Umgekehrt von IS zur Türkei ein schwunghafter Handel mit Erdöl. Damit finanziert die Türkei den IS nachhaltig. Nur um einen Kurdenstaat zu verhindern spielt die Türkei ein perfides Spiel. Und jetzt noch ein moralischer Vorwurf hinsichtlich der Flüchtlinge, die millionenfach vor unsäglichen Vergehen von sog. Muslimen flüchten, einem Überlebenskampf, der von der Türkei geschürt wird. NEIN DANKE. Es mag ja viel mit der Flüchtlingdpolitik Europas nicht in Ordnung sein-- aber dazu benötigen wir weder moralische Vorhaltungen aus der Türkei noch ihre Mitgliedschaft.
mnbvc 08.07.2015
5. Kein großer Schritt, leider
Eine Türkei, die massenweise Migranten/ Flüchtlinge nach Europa durchreisen lässt, ist nun auch nicht gerade ein Anker der Stabilität. Vom umgekehrten Treck der IS-Freunde, die (total seltsam) fast ausschließlich über die türkische Grenze aus Europa nach Syrien ziehen ganz zu schweigen. Dazu ein extremer Nationalismus, eine starke Überhöhung der Religion von seiten der Erdogan-Mannen und ein ordentlicher Chauvinismus gegen alle anderen Staaten. So wäre eine Aufnahme in den EU alles andere als ein großer Schritt. Zumindest für die EU-Mitglieder.
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